Mikhail Zygar

Putins Russland Wo Reporter härter bestraft werden als Mörder

Mikhail Zygar
Eine Kolumne von Mikhail Zygar
Das Regime in Moskau verfolgt Dissidenten und Kritiker immer brutaler. Nun muss ausgerechnet der Journalist Iwan Safronow 22 Jahre hinter Gitter – ein Mann, der vielen als russischer Patriot galt.
Angeklagter Iwan Safronow bei einer Anhörung in Moskau (2020)

Angeklagter Iwan Safronow bei einer Anhörung in Moskau (2020)

Foto: Evgenia Novozhenina / REUTERS

In dieser Woche wurde in Moskau ein weiteres unfassbares Urteil gefällt: Der Journalist Iwan Safronow wurde zu 22 Jahren Haft verurteilt – weil er Journalist ist. In der Sprache der Putinschen Justiz nennt man das Hochverrat. Iwan ist nicht der Erste in seiner Familie, der für seinen Beruf leiden musste. Vor 15 Jahren wurde sein Vater, Iwan Safronow senior, ermordet. Er war ein Freund von mir; wir haben den letzten Artikel vor seinem Tod gemeinsam geschrieben.

Mitte Februar 2007 arbeitete ich als internationaler Kolumnist für den »Kommersant«. Damals galt sie als die hochwertigste Tageszeitung in Russland, das Moskauer Äquivalent zur »New York Times«. Eines Abends gegen sechs Uhr, als ich gerade einen Text über Iran fertigstellte, kam Iwan senior zu mir. Er war Kriegsberichterstatter, wir hatten oft gemeinsam Artikel über die internationale militärische Zusammenarbeit und den Waffenhandel geschrieben. Diesmal erzählte er mir, er habe Informationen, dass Russland einige S-300-Flugabwehrsysteme an Iran verkaufen wolle. Allerdings nicht direkt – die Lieferungen sollten über Belarus laufen, damit der Westen Moskau nicht beschuldigt, Schurkenstaaten zu bewaffnen.

Wir diskutierten mit ihm darüber, ob wir ein so wichtiges Thema bis zum nächsten Tag aufheben sollten, um dann einen umfangreicheren, vollständigen Text zu schreiben.

Aber am nächsten Tag hatten wir beide zu tun. Wir trafen uns, um über die S-300 zu sprechen, Safronow sagte, dass wir später noch Zeit zum Schreiben hätten – er müsse nach Abu Dhabi zur internationalen Rüstungsmesse IDEX-2007 fliegen, die am 17. Februar eröffnet wurde. Viele führende Vertreter des russischen militärisch-industriellen Komplexes würden dort sein, er würde zusätzliche Informationen zu dem Thema sammeln, das uns interessierte. Wir entschieden, alles nach seiner Reise aufzuschreiben.

Iwan Safronow war viel älter als ich, er ist ein ehemaliger Oberstleutnant der Armee. Aber er war so umgänglich, locker, ehrlich und offen, dass es leicht war, ihn beim Vornamen anzusprechen und partnerschaftlich und auf Augenhöhe mit ihm zusammenzuarbeiten. Safronow war auch sehr weltraumbegeistert. Er verfolgte immer die Übertragungen der Weltraumraketenstarts und reagierte empfindlich, wenn es während des Starts Probleme gab.

Er flog in die Vereinigten Arabischen Emirate, und ich flog nach Estland, als dort gerade Unruhen unter der russischsprachigen Minderheit ausbrachen und es Tote gab. Iwan bestätigte in Abu Dhabi nicht nur die Informationen zum Rüstungsdeal mit Iran, sondern erfuhr auch etwas Neues. Er rief von dort aus an und sagte, er würde den Text erst schreiben, wenn er zurück nach Moskau geflogen sei. Er sagte sogar, man habe ihm gedroht, ihn »in die Wüste zu bringen und ihm in den Kopf zu schießen«, wenn er unnötige Fragen stelle.

Zurück in den Vereinigten Arabischen Emiraten bekam Iwan Bauchschmerzen, und als er nach Moskau zurückkehrte, ging er nicht zur Arbeit und ließ sich krankschreiben. Ärzte diagnostizierten bei ihm eine Verschlimmerung der Gastritis, nichts Ernstes, die Klinik wollte ihn entlassen. In einem Gespräch mit Kollegen teilte er mit, dass er Informationen erhalten habe, wonach zwischen Russland und Syrien Verträge über die Lieferung von Pantsir-Luftabwehrsystemen, MiG-29-Kampfflugzeugen und taktischen Raketen Iskander-E unterzeichnet worden seien.

Am 2. März 2007 war Iwan Safronow auf dem Heimweg vom Arzt. Auf dem Weg dorthin hatte er Orangen gekauft. Er betrat den Eingang zu seinem Haus. Er wohnte im dritten Stock, ging aber nicht in seine Wohnung, sondern stieg in den fünften Stock, öffnete ein Fenster im Treppenhaus, legte seine Tüte mit Orangen auf das Fensterbrett und sprang aus dem Fenster. Zumindest ist das die offizielle Version.

Zunächst sagten die Ermittler, dass es keine Kameras im oder um den Eingang herum gegeben habe, dass keine Fremden in der Nähe des Hauses gewesen seien und dass die Haupttheorie Selbstmord sei. Ich sowie alle meine Kollegen und Iwans Freunde wussten, dass dies nicht wahr sein konnte. Er hatte 1000 Gründe zu leben und für das Leben zu kämpfen. Seine Tochter war im achten Monat schwanger – er erwartete sein erstes Enkelkind. Sein Sohn beendete gerade die Schule und würde im nächsten Sommer an die Universität gehen. Seine Mutter war schwer krank, sie litt an Demenz. Ihr Haus, ein altes fünfstöckiges Gebäude, war abgerissen worden, sodass sie in eine neue Wohnung umziehen mussten. Und er war unsterblich in seine Frau verliebt. Iwan hatte viel um die Ohren und wollte seine Familie auf keinen Fall im Stich lassen.

Einige Jahre später verrieten die Ermittler jedoch, dass es in der Nähe des Hauses doch Kameras gab. Sie luden Safronows Tochter zur Befragung vor und sagten ihr, dass die Kameras zwei Männer aufzeichneten, die den Eingang verließen, kurz nachdem der Journalist aus dem Fenster im fünften Stock gefallen war. Dies wurde jedoch nie offiziell gemacht. Der Fall war abgeschlossen.

Die Zeitung »Kommersant« schrieb nach Iwans Tod, sie werde auf jeden Fall weiter über seinen Tod recherchieren und nicht aufhören, über den Waffenhandel zu schreiben. Doch schon bald wechselte sie den Besitzer: Alischer Usmanow, ein Putin-naher Oligarch, kaufte die Zeitung. Iwans angeblicher Selbstmord war sofort vergessen. Etwa zur gleichen Zeit verließ ich die Zeitung, die meiner Meinung nach ihre frühere Unabhängigkeit immer mehr verlor.

Ich traf Iwan junior, den Sohn von Safronow, bei der Beerdigung seines Vaters. Er wollte Journalismus studieren. Wie wir alle dachte er, dass sein Vater getötet worden war – er war entschlossen, in seine Fußstapfen zu treten.

Zwei Jahre später kam er zum »Kommersant« und setzte sich an denselben Schreibtisch, an dem Iwan senior gearbeitet hatte. Nach und nach begann er, über dieselben Themen zu schreiben, an denen sein Vater gearbeitet hatte. Die Freunde seines Vaters, darunter Militärexperten und Angestellte der Raumfahrtbranche und des militärisch-industriellen Komplexes, unterstützten ihn sehr.

Ich habe nicht mit Safronow junior zusammengearbeitet, aber ich bin ihm oft begegnet. Wir schwelgten in Erinnerungen an seinen Vater, sprachen über Zeitungsarbeit und Politik. Es war klar, dass Wanja, der Sohn eines Offiziers, ein echter Patriot ist – er liebt Russland, ist aufrichtig besorgt über die Probleme des Landes, einschließlich der Korruption in der Militärindustrie, und versucht ernsthaft, sie zu bekämpfen. Wie sein Vater ist auch Wanja weltraumbegeistert.

Ich weiß nicht, ob Safronow junior versucht hat, den Tod seines Vaters auf eigene Faust zu untersuchen. Das würde mich nicht überraschen, da er mit all seinen früheren Quellen zu arbeiten begann. Er hat aber nie jemandem davon erzählt.

Im Jahr 2019 schrieb Safronow einen Text über die Lieferung von Su-35-Kampfjets an Ägypten und löste mit dieser Untersuchung einen internationalen Skandal aus. Das Militär in Kairo war sehr unglücklich darüber, dass Einzelheiten der Vereinbarung der Presse zugespielt wurden. Und dann, das erzählten mir Quellen, hat sich ein wichtiger russischer Sicherheitsbeamter an Iwan junior gewandt, der sich durch die Veröffentlichung des Waffenhandels zutiefst angegriffen fühlte. Der Mann hegte einen Groll.

Iwan junior arbeitete weiter an seiner Karriere im Journalismus. Er wurde einer der Journalisten im »Kreml-Pool«, das heißt, er war beim Kreml akkreditiert und durfte an Veranstaltungen mit Wladimir Putin teilnehmen und ihn auf Reisen begleiten. Bevor ein Journalist in diesen »Pool« gelangt, wird er in der Regel viele Monate lang vom Föderalen Schutzdienst überprüft. Wanja hat diesen Test bestanden und wurde nicht abgelehnt.

Doch noch im selben Jahr, 2019, endete seine Arbeit beim »Kommersant«. Er schrieb einen Text über den möglichen Rücktritt von Valentina Matwijenko, der Vorsitzenden des Oberhauses des russischen Parlaments. Der Kreml war über den Text empört – und wies den Eigentümer Alischer Usmanow an herauszufinden, aus welchen Quellen die Informationen stammten. Safronow weigerte sich, seine Quellen preiszugeben, und wurde sofort entlassen. Mit ihm verließ das gesamte Politikressort unter Protest das Unternehmen.

Im Jahr 2020 beschloss Wanja, den Journalismus aufzugeben. Es war bereits sehr schwierig, den Beruf frei auszuüben; in Russland gab es kaum noch unabhängige Medien. Also nahm er sich das vor, was er liebt – den Weltraum. Er wurde zum staatlichen Unternehmen Roskosmos berufen. Diese Entscheidung hat später viel Kritik hervorgerufen, auch an ihm selbst – warum hat er in einer staatlichen Struktur gearbeitet, die einen so umstrittenen Ruf hat? Aber Safronow erzählte seiner Mutter, dass sein Vater so sehr vom Weltraum geträumt habe, dass er bei Roskoskmos seinem Vater näher sein würde.

Es gelang ihm nicht, in der Raumfahrtindustrie zu arbeiten, und einen Monat nach seiner Anstellung wurde er verhaftet und des Verrats angeklagt. In der Anklageschrift hieß es, er habe Informationen über den russischen militärisch-industriellen Komplex gesammelt –das sei der Beweis für seine Schuld. Mit anderen Worten: Er wurde verurteilt, weil er Journalist war.

Iwan verbrachte zwei Jahre in Untersuchungshaft. Während dieser Zeit durfte er seine Familie nicht sehen und nicht einmal telefonieren. Der Inlandsgeheimdienst FSB forderte, dass er sich schuldig bekennt. Aber er tat es nicht. Das Gericht verurteilte ihn schließlich zu 22 Jahren Gefängnis. »Ein stalinistisches Urteil«, sagten seine Freunde und Kollegen. Alle waren entsetzt. Wanjas Verlobte Xenia erinnerte sich am Tag seiner Verurteilung daran, dass ihr Nachbar ein alter Alkoholiker war, der zwei Menschen getötet hatte. Er wurde für fünf Jahre inhaftiert. Nach Ansicht des russischen Staates ist ein ehrlicher Journalist gefährlicher als ein Mörder.

Meine Quellen sagen mir, dass viele Staatsbeamte mit Safronow sympathisieren. Er hatte einen guten Ruf bei Roskosmos, im Verteidigungsministerium und in der Präsidialverwaltung. Einige seiner Bekannten und ehemalige Bekannte seines Vaters versuchten herauszufinden, was passiert war und warum der Staatsapparat über den 30-Jährigen hergefallen war. Und sie kamen mit der Antwort zurück: Es ist unmöglich zu helfen. Es geht um einen sehr mächtigen Mann, der durch Iwans Veröffentlichungen persönlich beleidigt wurde, sich daran erinnerte und beschlossen hatte, sich zu rächen. Das Verfahren ist bereits eingeleitet worden und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Ich kann nur vermuten, dass dieser mächtige Mann derjenige ist, der vor 15 Jahren an Safronow senior Anstoß nahm und ihn »in der Wüste erschießen« wollte.

Vor ein paar Jahren war ich in Washington, D.C., in einem wunderbaren Journalismusmuseum, dem Newseum. Im obersten Stockwerk befand sich eine Galerie mit Fotos von Journalisten, die wegen ihres Berufs ermordet worden waren. Und dort, neben den Fotos von Anna Politkowskaja und mehreren anderen ermordeten Russen, sah ich das vertraute Lächeln meines Freundes Iwan Safronow. Mir stiegen Tränen in die Augen, ich war sehr froh, dass man sich an ihn erinnerte. Und selbst wenn sein Foto nicht in Russland, sondern in einem Journalismusmuseum in Washington hing, gilt er immer noch als in Ausübung seines Berufs ermordet und nicht als zufälliger Selbstmord.

Ich weiß, dass das Bild von Safronow junior nicht in dieser Galerie erscheinen wird. Zunächst einmal ging das Newseum vor ein paar Jahren in Konkurs und wurde geschlossen. Zweitens werden russische Journalisten im Westen nicht mehr so geehrt wie früher. Vor allem aber glaube ich, dass Wanja überleben wird, dass er freigelassen wird, dass er seine Mutter wiedersehen wird, seine Schwester, seine Verlobte.

Das derzeitige russische Regime ist nicht mehr beeinflussbar. Die Zeiten, in denen die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel den russischen Präsidenten Putin dazu überreden konnte, einen politischen Gefangenen aus der Haft zu entlassen und aus Russland ausreisen zu lassen, sind längst vorbei. Das heißt aber nicht, dass wir den Menschen, die in einem russischen Gefängnis sitzen, nicht in irgendeiner Weise helfen können. Russland verwandelt sich gerade in ein großes Gefängnis. Es ist wichtig, sich an diejenigen zu erinnern, die inhaftiert sind, und über sie zu sprechen. Und natürlich brauchen auch die Millionen von Menschen Hilfe, die sich in Russland aufhalten, nachdem ihr Staat einen ungeheuerlichen Krieg in der Ukraine begonnen hat.

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