Selenskyj kritisiert Krim-Vorschlag »Man hat den Eindruck, dass Herr Kissinger nicht das Jahr 2022 auf seinem Kalender stehen hat, sondern das Jahr 1938«

Der ehemalige US-Außenminister Kissinger schlug auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vor, die Ukraine solle Russland die Krim überlassen. Präsident Selenskyj fühlt sich an das Münchner Abkommen von 1938 erinnert.
Henry Kissinger

Henry Kissinger

Foto: Jaime R. Carrero / REUTERS

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj weist Vorschläge scharf zurück, die Regierung in Kiew solle zur Beendigung des Krieges Russland territoriale Zugeständnisse machen. »Was auch immer der russische Staat tut, es wird sich immer jemand finden, der sagt: Lasst uns seine Interessen berücksichtigen«, sagte Selenskyj in einer Videoansprache in der Nacht zum Donnerstag.

Die »New York Times« hatte am 19. Mai einen Kommentar veröffentlicht , in dem es hieß, Friedensverhandlungen würden möglicherweise »schmerzhafte territoriale Entscheidungen« aufseiten der Ukraine voraussetzen, da ein militärischer Sieg »kein realistisches Ziel« sei.

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger hatte diese Woche auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorgeschlagen, die Ukraine solle Russland die 2014 annektierte Krim überlassen. »Man hat den Eindruck, dass Herr Kissinger nicht das Jahr 2022 auf seinem Kalender stehen hat, sondern das Jahr 1938, und dass er glaubt, er spreche nicht in Davos, sondern in München zu einem Publikum von damals.« 1938 schlossen Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland in München einen Pakt, der Adolf Hitler Land in der damaligen Tschechoslowakei zusprach, um ihn zum Verzicht auf weitere Gebietserweiterungen zu bewegen.

»Diejenigen, die der Ukraine raten, Russland etwas zu geben, diese ›großen weltpolitischen Figuren‹, sehen nie die gewöhnlichen Menschen, die gewöhnlichen Ukrainer, die Millionen, die auf dem Gebiet leben, das sie für einen illusorischen Frieden eintauschen wollen.«

Selenskyj wurde am Mittwoch per Video zu einer Gesprächsrunde in Davos zugeschaltet und sagte, die Ukraine werde kein Gebiet abgeben. »Die Ukraine kämpft, bis sie ihr gesamtes Territorium zurück hat.« Er sei bereit zu Gesprächen mit Moskau, wenn Russland sich auf die Frontlinien von vor dem 24. Februar zurückziehe.

Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, Moskau verlange, dass die Ukraine die Krim als russisches Territorium anerkennt und abtrünnige, von Russland unterstützte Teile des Ostukraine als unabhängige Staaten. Die Ukraine lehnt das kategorisch ab.

pbe/Reuters/dpa