Fotostrecke

"Africa State Of Mind": Wie afrikanische Fotografen ihren Kontinent sehen

Foto:

Athi-Patra Ruga/ WHATIFTHEWORLD/ Thames & Hudson

Zeitgenössische Fotografie in Afrika Auf den zweiten Blick

Moderne Metropolen, verliebte Paare und keine Klischees: Ein neuer Bildband zeigt Fotos von afrikanischen Fotografen. Autor Ekow Eshun erzählt, wie wichtig ihre Aufnahmen im Kampf gegen Rassismus sind.
Ein Interview von Anne Backhaus
Globale Gesellschaft

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SPIEGEL: Herr Eshun, in dem Bildband "Africa State of Mind" versammeln Sie Arbeiten von mehr als 50 zeitgenössischen Fotografen afrikanischer Herkunft. Warum ist Ihnen das wichtig?

Ekow Eshun: Es beeindruckt mich, wie diese Fotografen die Geschichte und die Falschdarstellungen Afrikas untersuchen. Wie sie die über Jahrzehnte entstandenen Karikaturen und kolonialen Stereotype hinter sich lassen. Sie teilen ihre persönliche Sicht, wie es aussieht und wie es sich anfühlt, heute in Afrika zu leben.

Zur Person
Foto: ALEJANDRO CABRERA

Ekow Eshun, 1968, ist ein in London lebender Schriftsteller, Kurator und ehemaliger Direktor des Institute of Contemporary Arts. Sein Fotobuch "Africa State Of Mind: Contemporary Photography Reimagines a Continent" (Thames & Hudson) ist im März 2020 erschienen.

SPIEGEL: Sie haben vor allem Fotografien von Künstlern und Künstlerinnen ausgewählt. Warum haben Sie sich gegen dokumentarische Fotografie entschieden?

Eshun: Für mich ist das Streben nach einer objektiven Wahrheit nicht wichtig. Das "State of Mind" im Titel des Buches meint einen Geisteszustand, der von den Fotografen und Fotografinnen transportiert wird – eben weil sie nicht nur strikt ablichten, was zu sehen ist. Sie zeigen uns, was und wie sie fühlen. Sie interpretieren ihr Afrika.

SPIEGEL: Und sie überwinden Stereotype, die im Zuge der Kolonialisierung entstanden sind. An welche denken Sie?

Eshun: Grob gesagt beginnt die Geschichte der Fotografie nahezu zeitgleich mit der Vereinnahmung Afrikas durch die Kolonialmächte in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals entstanden bestimmte Ideen und klischeehafte Bilder, um die eigene Macht in Afrika durchsetzen und rechtfertigen zu können. Ich denke da zum Beispiel an vermeintlich anthropologische Bilder von Afrika als einem Ort, wo alle einem Stamm angehören und Wilde sind. An die sexualisierten Bilder der exotischen, afrikanischen Frau. Oft sind diese Fotos konstruiert, es sind Fantasie-Vorstellungen davon, wie Afrikaner angeblich sind: Menschen, die wie Hinterwäldler leben und in einer unterwürfigen Beziehung zu den Menschen in Europa stehen. Diese Bilder zirkulierten mindestens hundert Jahre durch die Welt.

Die Serie "Rochers Carrés" des Fotografen Kader Attia zeigt junge Menschen, die von dem gleichnamigen Strand in Algerien über das Meer Richtung Europa blicken

Die Serie "Rochers Carrés" des Fotografen Kader Attia zeigt junge Menschen, die von dem gleichnamigen Strand in Algerien über das Meer Richtung Europa blicken

Foto:

Kader Attia/ Galerie Nagel Draxler/ Thames & Hudson

SPIEGEL: Welche Schwierigkeiten bereiten solche Bilder Fotografen heute?

Eshun: Sie müssen sich fragen: Wie stehe ich zu diesem Erbe? Setze ich mich mit dieser Vergangenheit auseinander oder schaue ich nach vorne? So oder so sind aber auch ihre Aufnahmen immer Teil des historischen visuellen Diskurses, der in Afrika stattgefunden hat.

SPIEGEL: Gibt es zeitgenössische Bilder von Afrika, die Sie stören?

Eshun: Ich bin nicht zufrieden mit bestimmten Wohltätigkeits-Bildern von weißen Rettern, die nach Afrika gehen und kleine Kinder umarmen. Aber auch scheinbar objektive Aufnahmen in den Nachrichten, die Krankheiten und Hungersnöte zeigen, irritieren mich. In ihnen leben einige Klischees weiter.

Die Künstlerin Yagazie Emezi aus Nigeria hinterfragt mit ihren Aufnahmen, "wie ein Körper von Fotografen dramatisiert werden und wie das einen westlichen Blick füttern kann"

Die Künstlerin Yagazie Emezi aus Nigeria hinterfragt mit ihren Aufnahmen, "wie ein Körper von Fotografen dramatisiert werden und wie das einen westlichen Blick füttern kann"

Foto:

Yagazie Emezi/ Thames & Hudson

SPIEGEL: Ich habe in Ghana Menschen getroffen, die schockiert waren, als sie bei einem Besuch in Deutschland Spendenplakate mit Fotos von afrikanischen Kindern mit Fliegen in den Augen und aufgeblähten Hungerbäuchen gesehen haben. "Seht ihr uns alle so?", haben sie mich gefragt.

Eshun: Das ist genau das Problem. Denn Bilder haben Macht, sie können zu festen Annahmen werden. Wie zum Beispiel, dass ganz Afrika unterentwickelt ist. Natürlich gibt es Krankheiten und Unterernährung. Doch warum sieht man nur das? Wann sieht man zum Beispiel mal Städte? In meinem Buch gibt es ein ganzes Kapitel über die Stadt. Afrikanische Metropolen sind faszinierende Orte. Sie wachsen schnell, sind voll von den unterschiedlichsten Menschen und Möglichkeiten. Es gibt nicht nur einen Weg, eine Geschichte von Afrika zu erzählen. Deshalb gefällt mir die Antwort vieler Fotografen so gut, die sich vornehmen: Ich werde nicht versuchen zu sagen: Das ist Afrika. Ich werde sagen: Das sehe ich als jemand in Afrika.

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SPIEGEL: Wie wichtig ist es, aus welchem Land Künstler stammen? 

Eshun: Ihre Lebensumstände und auch die politischen Zustände haben natürlich einen Einfluss auf ihre Arbeit. Für mich war es aber wichtig, die Fotoarbeiten nicht nach Region oder Land zu gruppieren. Unter anderem deshalb, weil Afrika von den europäischen Mächten geteilt wurde.

SPIEGEL: Vor 135 Jahren ging die Berliner Konferenz auf Einladung von Otto von Bismarck, auch "Kongo-Konferenz" genannt, zu Ende. Sie war der Auftakt für die koloniale Eroberung Afrikas. Die damals willkürlich gezogenen Grenzen prägen den Kontinent bis heute.

Menschen waschen ihre Kleidung in dem Pool des ehemaligen Luxushotels "The Grande" in Beira, Mosambik. Guillaume Bonn hat für seine Fotoserie "Mosquito Coast" die ostafrikanische Küste bereist

Menschen waschen ihre Kleidung in dem Pool des ehemaligen Luxushotels "The Grande" in Beira, Mosambik. Guillaume Bonn hat für seine Fotoserie "Mosquito Coast" die ostafrikanische Küste bereist

Foto:

Guillaume Bonn/ Thames & Hudson

Eshun: Deswegen halte ich nichts davon, die Arbeit afrikanischer Künstler innerhalb dieser Ländergrenzen zu betrachten. Ich finde es viel spannender, wie sie Mythen, Erinnerungen und Folklore verarbeiten. Wie sie sich mit bestimmten Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität und Identität auseinandersetzen. Oder auch mit Rassismus. Einige Arbeiten ermöglichen es mir und vielen anderen schwarzen Menschen, uns selbst zu sehen.

SPIEGEL: Inwiefern? 

Eshun: Eine der Forderungen der "Black Lives Matter"-Proteste ist es, die rassistischen Erfahrungen von schwarzen Menschen als gültig anzuerkennen. Das ist auch für uns nicht immer leicht. Aus einem einfachen Grund: Der weiße Mainstream formuliert ständig diese eine Frage: Gibt es wirklich Rassismus? Das führt dazu, dass ich, obwohl ich in Großbritannien täglich Mikroaggressionen gegen mich erlebe, immer in einer Rechtsfertigungsposition bin.

SPIEGEL: Können Sie das mit einem Beispiel erklären?

Eshun: Ich betrete eine U-Bahn und eine weiße Frau umklammert sofort ihre Tasche, zieht sie dicht an ihren Körper. Das Problem bei einer solchen Situation ist, dass sie nicht so schlimm klingt. Also hinterfrage ich meine Empfindungen und andere schwarze Menschen ebenso.

SPIEGEL: Also zusätzlich zu dem Rassismus, dem Sie ausgesetzt sind, fragen Sie sich, ob Ihre Gefühle überhaupt gerechtfertigt sind?

Eshun: Genau. Ich erlebe Rassismus. Und dann kommen die Fragen: Oder ist es nur in deinem Kopf? Bist du zu empfindlich? Bist du paranoid? Es ist ja nur eine Frau mit einer Tasche. Es ist aber eben nicht nur eine Frau: Solche Situationen passieren andauernd, sie ergeben ein Muster, ein anhaltendes diskriminierendes Verhalten. Damit leben wir täglich. Deswegen ist es so wichtig, dass die ganze Welt rassistische Erfahrungen anerkennt. Eine Freundin, mit der ich nach dem Tod von George Floyd gesprochen habe, sagte, für sie seien die Demonstrationen auch wie eine große Gegenbewegung zur psychischen Gewalt, der People of Color sonst ausgesetzt sind – weil sie immer wieder zutiefst verunsichert werden, ob ihre Wahrnehmung stimmt.

SPIEGEL: Wie gehen Sie persönlich damit um?

Eshun: Es ist lebenswichtig für mich, einige dieser Schwierigkeiten in Worte zu fassen oder Bilder zu finden, die die Komplexität der schwarzen Erfahrung ausdrücken.

Die Fotoserie "Palm Wine Collectors" zeigt junge Männer vom Volk der Himba bei ihrer Arbeit in Namibia. Der Künstler Kyle Weeks hat die Aufnahmen in enger Zusammenarbeit mit ihnen gemacht

Die Fotoserie "Palm Wine Collectors" zeigt junge Männer vom Volk der Himba bei ihrer Arbeit in Namibia. Der Künstler Kyle Weeks hat die Aufnahmen in enger Zusammenarbeit mit ihnen gemacht

Foto:

Kyle Weeks/ Thames & Hudson

SPIEGEL: Die letzten Bilder, die Sie in Ihrem Buch zeigen, sind von dem Fotografen Kyle Weeks . Er hat in Namibia Männer auf Palmen fotografiert. In Ghana haben häufig Menschen zu mir gesagt: "In Europa denken doch eh alle, dass wir noch in Bäumen leben." Ist dieser Abschluss des Fotobandes als ein ironischer Kommentar zu verstehen?

Eshun: Weeks ist aus alphabetischen Gründen ganz am Ende gelandet. Seine Arbeit ist aber ein sehr interessantes Beispiel für eine Antwort auf Stereotype. Kyle Weeks ist ein weißer Fotograf, der in Nigeria geboren und sich seiner Hautfarbe sehr bewusst ist. Im Unterschied zu Fotografen in der Kolonialzeit vermeidet er ausdrücklich einen vermeintlich anthropologischen Blick. Er macht seine Bilder in enger Zusammenarbeit mit den Menschen, die er ablichtet. So auch mit dem Hirtenvolk der Himba, das seit dem 16. Jahrhundert Palmwein herstellt. Sie haben selbst entschieden, wie sie sich zeigen wollen. In diesem Fall als Männer, die auf Palmen klettern. Stark und schön und erhaben.

Sehen Sie in der Fotostrecke weitere Aufnahmen aus dem Bildband:

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Athi-Patra Ruga/ WHATIFTHEWORLD/ Thames & Hudson

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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