Kampf um den Donbass 54 Krater nach stundenlangen Angriffen auf Lyssytschansk

In der umkämpften Donbass-Stadt sind nur noch wenige öffentliche Einrichtungen in Betrieb, darunter die Polizeiwache. Die Beamten berichten über die Zerstörung und zählen Bombenkrater.
Lyssytschansk im Donbass: Eine Frau reagiert nach einem russischen Luftangriff

Lyssytschansk im Donbass: Eine Frau reagiert nach einem russischen Luftangriff

Foto: Anatolii Stepanov / AFP

Die Polizeiwache im heftig umkämpften Lyssytschansk ist eine der wenigen öffentlichen Einrichtungen, die in der verwüsteten ostukrainischen Stadt noch funktionieren. Nun klafft ein Loch in der Fassade. 20 Polizisten seien bei dem schweren Angriff am Montagabend verletzt worden, sagte Oberst Oleksandr Kutsepalenko der Nachrichtenagentur AFP.

Lyssytschansk ist ein strategisch wichtiger Industriestandort in der östlichen Donbass-Region. Gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, liegt Sjewjerodonezk. 54 Krater hat der Oberst nach dem jüngsten russischen Angriff gezählt. Der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, berichtete von »katastrophalen Zerstörungen« durch »sehr schweren Beschuss«, unter anderem aus der Luft. Auch Wohnhäuser in der Nähe der Polizeiwache seien getroffen worden.

Trotz der Angriffe war die Wache am vergangenen Dienstag noch geöffnet. Bürger kamen, um Todesfälle zu melden oder brauchten Hilfe bei der Suche nach ihren Angehörigen. Manche kamen auch einfach nur, um die Toilette zu benutzen. Beamte trafen sich im Polizeirevier zu Sitzungen.

»Trennwände sind eingestürzt und die Türen wurden herausgesprengt«, sagte ein Polizist, der nur seinen Spitznamen Petrowitsch nannte, und zeigte die Schäden. Vor der Wache standen drei ausgebrannte Polizeiautos. Im März sei die Dienststelle schon einmal getroffen worden, jedoch nicht von so schweren Geschützen, erzählte Petrowitsch.

Ein Wohnblock gegenüber dem Bahnhof wurde ebenfalls getroffen, auch dort klaffte ein riesiges Loch in der Fassade. Auf der Straße vor dem Haus liegen Seiten aus Schulbüchern und ein Stofftier, im Hof eine russische Rakete. Eine Frau aus dem zweiten Stock sei verletzt worden, so Petrowitsch.

Militärfahrzeuge in der Stadt

Auf der Ausfallstraße waren in beiden Richtungen viele ukrainische Militärfahrzeuge unterwegs, Panzer und Mannschaftswagen. Ein Militärkrankenwagen stand in der brütenden Hitze, ein Reifen war geplatzt. Die Tür stand offen, drinnen versorgte ein Sanitäter einen blutenden Soldaten, ein weiterer lag neben ihm auf einer Trage.

Eine Frau geht durch die Trümmer eines zerstörten Gebäudes in Lyssytschansk

Eine Frau geht durch die Trümmer eines zerstörten Gebäudes in Lyssytschansk

Foto: Efrem Lukatsky / dpa

In der Nähe der Front gruben Soldaten neue Verteidigungsstellungen. Trümmer zerstörter Autos und Lieferwagen wurden auf die Straße geschleppt, um den russischen Truppen das Vorrücken zu erschweren.

Viele Menschen bereits geflohen

Viele Menschen sind aus Lyssytschansk geflohen. Für die Verbliebenen wird die Lage immer verzweifelter. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad sind sie in der zerstörten Stadt unterwegs, um Lebensmittel und Wasser zu besorgen.

Mehrere ältere Einwohner betrachteten die Schäden der jüngsten Angriffe. Sie hätten gehofft, in der nahegelegenen Bäckerei Brot kaufen zu können, erzählten sie. Aber die war wohl auch getroffen worden. Andere füllten ihre Plastikflaschen an einem Bottich in der Nähe der Hauptfeuerwache – trinken können sie dieses Wasser nicht.

»Sie halten uns für Separatisten, weil wir geblieben sind«, sagte ein Rentner namens Igor und meinte die Beamten und den Gouverneur. »Wir sind normale Menschen«, bekräftigte eine jüngere Frau mit einem Kinderwagen voller Plastikflaschen. Igor ist wütend auf die Behörden, weil er seine Rente nicht bekommt – und schimpfte: »Sollen sie doch mit einem gepanzerten Wagen das Geld austeilen.«

col/AFP