Zikadenplage in den USA Ein tierisches Problem

Die Zikaden der Brut X erobern die USA zu Milliarden, auch in der Hauptstadt Washington sind sie unterwegs. Sie verursachen Lärm, ärgern den Präsidenten und machen selbst vor dem Kongress nicht halt.
Aus Washington berichtet Maria Hentschel

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Viele wichtige Themen beschäftigen derzeit die US-Politik. Die Bedrohung durch Russland und China, die Zusammenarbeit in der Nato, das Infrastrukturpaket – und Zikaden. Zikaden? Ja, Zikaden.

Die rotäugigen, geflügelten Insekten haben die Ostküste und Teile des Mittleren Westens der USA erobert. In der Hauptstadt Washington DC sind sie bereits seit einigen Wochen zu einer regelrechten Plage geworden – und sorgen für reichlich Gesprächsstoff.

So kann ein Spaziergang durch die Hauptstadt, je nach Geschmack, zu einem interessanten Erlebnis oder zur Qual werden. Die Zikaden sitzen zu Tausenden in den Bäumen und brummen laut vor sich hin. Sie liegen auf Gehwegen, krabbeln in Häuser und bevölkern Vorgärten. Auch im Garten des Weißen Hauses wimmelt es von den kleinen Insekten.

Die Zikaden der Brut X sind etwa so groß wie Hummeln und tauchen nur alle 17 Jahre auf.

Die Zikaden der Brut X sind etwa so groß wie Hummeln und tauchen nur alle 17 Jahre auf.

Foto: OLIVIER DOULIERY / AFP

Das besondere an den Tieren: Die Zikadeninvasion in dieser Masse wiederholt sich in Washington und Umgebung genau alle 17 Jahre. So lange leben die Zikaden als Nymphen im Boden. Pünktlich nach 17 Jahren krabbeln sie dann zu Milliarden an die Erdoberfläche, um sich zu paaren. Die Erscheinung haben Forscherinnen und Forscher Brut X getauft.

Mitunter fliegen so viele der Viecher durch die Luft, dass sie sogar auf dem Wetterradar zu sehen sind. »Das sind bestimmt die Zikaden«, schrieb der National Weather Service bei Twitter, als auf seinen Bildschirmen an einem schönen Junitag plötzlich eine seltsame Wolke über Washington zu sehen war. Die Washington Post vermutete,  dass auch andere Insektenarten an dem Phänomen beteiligt gewesen sein könnten.

Zikaden im Kongress

Auch vor den heiligen Hallen des US-Kongresses machen die Viecher nicht halt. Manu Raju, der CNN-Chefkorrespondent, wurde dort unlängst von mehreren Zikaden heimgesucht. Eine krabbelte unter seinen Hemdkragen, als er gerade auf Sendung gehen wollte. Fluchend versuchte er, die Zikade wieder loszuwerden, was ihm schließlich auch gelang. Eine zweite Zikade krabbelte ihm aus seiner Tasche.

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Selbst der Präsident ist vor den kleinen Plagegeistern nicht sicher. Als Joe Biden in der vergangenen Woche zum G7-Gipfel aufbrechen wollte, krabbelte eines der Tiere seinen Hals hinauf. »Hütet euch vor den Zikaden. Ich hatte gerade eine – sie hat mich erwischt«, warnte Biden anwesende Reporter.

Zum Glück sind die Insekten im Prinzip harmlos. Wie Matt Kasson von der West Virginia University  berichtet, können sie weder stechen noch beißen. Sie sind generell auch keine Gefahr für den Garten oder die Landwirtschaft. Meistens nerven sie einfach nur.

Zum Beispiel Fluggesellschaften: Zusammen mit Präsident Biden sollte eine Extra-Maschine von Delta Air Lines zum Gipfel nach Europa starten. An Bord waren Journalisten, die über Bidens erste Auslandsreise berichten wollten. Es kam jedoch zu einer Verspätung von mehr als sechs Stunden, nachdem Zikaden das Hilfstriebwerk des Flugzeugs besetzt hatten. Delta musste ein neues Flugzeug beschaffen.

Auch im Autoverkehr sind die Insekten nicht immer angenehm. Unlängst fuhr ein Mann mit seinem Auto gegen einen Pfosten. Der Grund? Eine Zikade sei ihm durch das offene Fenster ins Gesicht geflogen. Zum Glück geht es dem Mann gut, wie die Polizei berichtete.

DER SPIEGEL

In Washington und Umgebung machen sich viele Einwohner derweil auch einen Spaß aus der Plage. Ein Laden verkauft Zikaden-Eiscreme, die Kreation aus Vanille und Preiselbeeren sieht aus wie ein übergroßes Insekt. Und teilweise landen die Viecher sogar tatsächlich auf dem Teller. Im Internet kursieren Rezepte für Zikaden-Cookies, Zikaden-Pizza und Zikaden-Salat. Kenner berichten, gegrillt würden die Zikaden schmecken wie frische Scampi.

Besonders gern werden die Insekten jedoch von Hunden oder Katzen verspeist. Sie zählen zu ihren natürlichen Feinden und sollen in den feinen Vororten der Hauptstadt für Tausende Tote bei Brut X verantwortlich sein. Manche verpassen ihren Vierbeinern bereits Maulkörbe, damit sie nicht zu viele der kleinen Tierchen verspeisen.

Zikaden im Wahlkampf

Warum die Zikaden exakt alle 17 Jahre auftauchen, ist nicht genau geklärt. Beim letzten Ansturm im Jahr 2004, war George W. Bush Präsident. Auch damals mischten die Zikaden im politischen Geschehen mit, sie kamen sogar im Wahlkampf vor. Die Republikaner veröffentlichten einen Werbespot in dem sich eine Zikade in John Kerry verwandelte, dem damaligen demokratischem Herausforderer von Bush.

Weitere 17 Jahre zuvor war Ronald Reagan Präsident. Auch er verglich seine politischen Gegner mit den rotäugigen Insekten. In einer Rede zur Finanzpolitik warf der Republikaner den Demokraten vor, zu viel Geld in staatliche Sozialprogramme stecken zu wollen: »Ich fürchte, dass die großen Geldausgeber wie die Zikaden schlüpfen werden und dann den Kongress überrennen.«

Überliefert ist das Zikadenphänomen auch schon aus dem Jahr 1902. Da hielt der damalige Präsident Theodor Roosevelt auf dem Soldatenfriedhof Arlington eine Rede. Während er die Außenpolitik der USA auf den Philippinen verteidigte, wurde er von einem Zikadenschwarm fast übertönt. Sein Biograf Edmund Morris schrieb von einer regelrechten Demonstration gegen den Präsidenten: »Unsichtbare Chöre von Zikaden summten als Antithese zu [Roosevelts] Stimme.«

Die gute Nachricht für alle in Washington: Die Zikaden der Brut X sind sehr bald wieder weg. An der Erdoberfläche leben die erwachsenen Tiere nur vier bis sechs Wochen. Nach der Paarung werden aus ihren Eiern in den Bäumen kleine Nymphen schlüpfen, zu Boden fallen und für 17 Jahre unter der Erde verschwinden. In diesen Tagen beginnen sie bereits zu verschwinden.

Die nächste Invasion erfolgt dann voraussichtlich im Jahr 2038. Mal sehen, wer dann Präsident – oder Präsidentin – ist.

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