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Streit über Verbrechen der Wehrmacht Russland stuft Leningrader Blockade als deutschen Völkermord ein

Im Zweiten Weltkrieg starben im heutigen Sankt Petersburg 1,1 Millionen Menschen durch eine Blockade der Wehrmacht. Die Bundesregierung spricht von einem Kriegsverbrechen – der Kreml drängt auf eine Anerkennung als Genozid.
Mahnmal zur Erinnerung an die Leningrader Blockade von 1941 bis 1945 in Sankt Petersburg: »Die russische Seite besteht auf einer offiziellen Anerkennung solcher Untaten«

Mahnmal zur Erinnerung an die Leningrader Blockade von 1941 bis 1945 in Sankt Petersburg: »Die russische Seite besteht auf einer offiziellen Anerkennung solcher Untaten«

Foto: ANATOLY MALTSEV / EPA

Im Zweiten Weltkrieg hat die Wehrmacht das sowjetische Leningrad – das heutige Sankt Petersburg – fast 900 Tage lang belagert. Unzählige Zivilisten verhungerten oder erfroren, insgesamt kamen etwa 1,1 Millionen Menschen ums Leben. Nun will der Kreml eine Entschädigung – und will das Kriegsverbrechen nachträglich als Genozid anerkannt wissen. Das russische Außenministerium habe eine entsprechende diplomatische Note an das Auswärtige Amt geschickt, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Tass in Moskau.

Der deutschen Seite wird ein angeblich »widersprüchlicher Umgang« mit der Vergangenheit vorgehalten: Deutsche Verbrechen aus der Kolonialzeit seien als Völkermord anerkannt, die nationalsozialistischen Verbrechen gegen die Völker der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg aber nicht. »Die russische Seite besteht auf einer offiziellen Anerkennung solcher Untaten des ›Dritten Reichs‹ als Genozid«, hieß es demnach in der Note.

»Ein furchtbares Kriegsverbrechen«

Im Auswärtigen Amt antwortete man prompt. »Die Leningrader Blockade war ein furchtbares Kriegsverbrechen, das die deutsche Wehrmacht über Leningrad und seine Bevölkerung gebracht hat«, hieß es. Dies habe die Bundesregierung mehrfach betont und halte an dieser Rechtsauffassung fest. Zum 80. Jahrestag des Blockadeendes in diesem Januar habe die deutsche Botschaft in Moskau mit mehreren Veranstaltungen der Opfer gedacht. Botschafter Alexander Graf Lambsdorff habe sich mit Überlebenden getroffen.

Die russische Diplomatie erhöht mit ihrer Forderung den Druck auf Deutschland. Rechtlich geht der Vorwurf eines Völkermordes weiter als der von Kriegsverbrechen. Die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen von 1948 sieht vor, dass zuständige Gerichte Verurteilungen wegen Völkermordes erlassen. Für Fälle davor ist es eine Frage der Aufarbeitung durch Politik, Gesellschaft und Geschichtsschreibung.

Das russische Außenministerium störte sich in der Note erneut daran, dass Deutschland nur jüdischen Opfern der Blockade individuell Entschädigung zahle. »Die russische Seite sieht eine solche Praxis der deutschen Seite als ethnische Diskriminierung«, zitierte Tass aus der Note. Opfer aller Nationalitäten sollten entschädigt werden – so die Forderung.

Deutschland begründet die unterschiedliche Behandlung damit, dass die sowjetischen Juden wegen der nationalsozialistischen Rassenpolitik einem besonderen Verfolgungsdruck ausgesetzt waren. Die Entschädigung anderer Opfer sei mit den Kriegsreparationen abgegolten, die aus Deutschland nach 1945 geleistet worden seien. Als humanitäre Geste fördert die Bundesregierung seit 2019 aber soziale und medizinische Hilfen für überlebende Blockadeopfer in Sankt Petersburg. In dem neuen Papier aus Moskau heißt es dazu, eine humanitäre Geste, die dem Geschehen angemessen sei, stehe noch aus.

mrc/dpa