Nahverkehr Deutsche wünschen sich bundesweit gültiges 365-Euro-Ticket

Das 9-Euro-Ticket lockt Millionen in Busse und Bahnen – laut einer SPIEGEL-Umfrage befürworten die meisten Menschen ein etwas teureres, dauerhaftes Angebot. Zentrale Akteure zeigen sich zunehmend aufgeschlossen.
Regionalzug in Köln: Chaos durch das 9-Euro-Ticket ist zumeist ausgeblieben

Regionalzug in Köln: Chaos durch das 9-Euro-Ticket ist zumeist ausgeblieben

Foto: NurPhoto / NurPhoto / Getty Images

In Westerland auf Sylt lungern ein paar Punks herum, zwischen Berlin und der Ostsee und auf anderen Freizeitrouten kommen einige Fahrgäste mit Rädern nicht mehr mit – doch alles in allem ist das befürchtete Bahn-Chaos durch den 9-Euro-Monatsfahrschein bisher ausgeblieben. Dabei sind etwa 21 Millionen derartige Tickets für Juni verkauft worden, hinzu kommen laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) zehn bis zwölf Millionen Menschen, die sowieso ein Abo haben.

Das Nahverkehrssystem hält also mehr aus, als manche ihm zugetraut haben – vielleicht auch deshalb wünscht sich die Mehrheit der Deutschen ein dauerhaftes, günstiges Ticket, mit dem sich die gesamte Republik bereisen lässt. Laut einer Civey-Umfrage für den SPIEGEL sprechen sich 54 Prozent der Wahlberechtigten für ein Ticket aus, das im Jahr 365 Euro kostet und bundesweit in Regionalzügen, Straßenbahnen und Bussen gilt. Nur 26 Prozent sind dagegen, der Rest ist unentschieden.

Einen solchen Fahrschein hatte zuletzt etwa die Bremer SPD gefordert, auch Vorschläge der Linken, von Umweltbundesamt, Verbraucherschützern sowie Städte- und Gemeindebund zielten in die Richtung. »Das würde in der Preiskrise alle entlasten, insbesondere aber Haushalte mit wenig Geld, und zudem der nötigen Verkehrswende mehr Schub geben«, sagte die Chefin des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), Jutta Gurkmann. Auch als Teil eines »Mobilitätspakts« zwischen Bund und Ländern war der Fahrschein schon im Gespräch.

Beliebt ist der Vorschlag fast im gesamten politischen Spektrum. Mehr Zustimmung als Ablehnung erfährt er besonders bei Grünen-Anhängerinnen und -Anhängern (84 zu 7 Prozent), sowie im Umfeld von Linken, SPD, FDP und Union (dort noch mit 42 zu 34 Prozent). Lediglich unter AfD-Sympathisanten gibt es weniger Zustimmung (29 Prozent) als Ablehnung (46).

Die Verkehrsbranche selbst war nie wirklich begeistert von Billigtickets. Doch immerhin zeigt sie sich ein wenig aufgeschlossener als vor drei Jahren. Damals wurde das Vorbild Wien diskutiert. Die österreichische Hauptstadt bietet schon seit Jahren ein 365-Euro-Ticket, beschränkt allerdings auf den städtischen Verkehrsverbund.

Dass ein 365-Euro-Fahrschein dem Nahverkehr dauerhaft viele neue Fahrgäste bescheren würde, legt die SPIEGEL-Umfrage nahe. Ihr zufolge würden 19 Prozent das Ticket »sicher« kaufen, weitere 12 Prozent antworteten mit »eher ja«. Gemessen an laut VDV etwa 70 Millionen Menschen, die theoretisch ein Abonnent kaufen könnten, entspräche das gut 20 Millionen Fahrscheinen.

Ein solches Angebot »würde uns nicht ins Chaos stürzen«, sagte ein VDV-Sprecher dem SPIEGEL mit Blick auf die Zahlen der Umfrage. Lediglich zu bestimmten Zeiten und auf bestimmten Strecken könnten die Betriebe an ihre Grenzen gelangen, so wie es derzeit, aber mitunter auch ohne Billigtickets der Fall sein.

In einem solchen Szenario müssten die Betriebe aber mehr Züge und Mitarbeitende einsetzten, so der VDV-Sprecher. Auch gelte es, Trassen und Bahnhöfe vielerorts auszubauen. Dies könne allerdings »parallel« zur Einführung eines Billigtickets geschehen. Vor drei Jahren hatten Verbände und Fachleute überwiegend dafür plädiert, zuerst die Infrastruktur zu stärken, und dann eventuell Preise zu senken – wenn überhaupt. Offensichtlich hat der Erfolg des 9-Euro-Tickets gezeigt, dass vieles auch zugleich passieren kann.

So populär ein 365-Euro-Ticket in der Bevölkerung aber auch ist – in den Augen von Experten hätte es auch Nachteile. »Durch eine Preissenkung an sich wird dem System ÖPNV zunächst sehr viel Geld entzogen«, sagt Henrik Malow, Geschäftsführer bei der Hamburger Unternehmensberatung BBA.

Der VDV rechnet mit Einnahmeausfällen von sieben bis acht Milliarden Euro im Jahr. Hinzu kämen Mehrkosten für Personal sowie mehr Busse und Bahnen. Ohne fest zugesagte Milliardenspritzen vom Staat würden die Verkehrsbetriebe sich einem Billigticket wohl widersetzen – zumal sie die Hoheit über die eigenen Preise abgeben würden.

»Lieber in eine stabile Infrastruktur und ein attraktives Angebot investieren, statt die Preise zu senken«, rät daher Malow. Dahinter steht die in der Branche verbreitete Erkenntnis: Mit günstigen Fahrpreisen sind insbesondere Autofahrer nur in geringer Zahl zum Umstieg zu bewegen.

Das eigene Auto sei ohnehin immer teurer als eine Monatskarte, befand der Chef der Hamburger Hochbahn AG, Henrik Falk, schon vor drei Jahren. Aus sozialpolitischer Sicht mag ein Günstig-Abo daher sinnvoll sein – dem Klima bringt es nicht viel, solange das ÖPNV-Angebot nicht deutlich verbessert wird.

Die Ergebnisse aus der SPIEGEL-Umfrage zeigen immerhin eine gewisse Bereitschaft zum Umstieg. Drei Prozent der befragten Autofahrerinnen und Autofahrer würden ihr Fahrzeug abschaffen, wenn ein 365-Euro-Ticket käme. Weitere 17 Prozent würden häufig Bus und Bahn statt Auto fahren. Doch etwa drei Viertel würden das selten oder nie tun.

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