Ausbau des Nahverkehrs Bahnbeauftragter will nicht mehr »heiße Luft« durch die Gegend fahren lassen

Ebnet das 9-Euro-Ticket einem größeren Angebot von Bus und Bahn den Weg? Der FDP-Politiker und Parlamentarische Staatssekretär Michael Theurer ist skeptisch – und macht sich für einen anderen Weg stark.
Für die Schiene zuständig: FDP-Politiker Michael Theurer

Für die Schiene zuständig: FDP-Politiker Michael Theurer

Foto: Klaus W. Schmidt / IMAGO/Bonnfilm

Der Bahnbeauftragte der Bundesregierung, Michael Theurer, dämpft die Erwartungen an einen stärkeren Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs nach dem 9-Euro-Ticket. Es stelle sich die Frage, ob mehr Fahrten zielführend seien, sagte der FDP-Politiker am Mittwoch in Berlin zum Start der Aktion – und ob es nicht sinnvoller sei, im bestehenden System die Fahrgastzahlen zu erhöhen.

»Das wird ja die große strategische Frage sein«, sagte der Parlamentarische Staatssekretär. »Ökologisch wäre es richtig, zu gucken, dass bestehende Züge besser ausgelastet sind und dass bestehende Züge zum Beispiel vielleicht verlängert werden, ohne dass die Personalkosten steigen.«

Ein besserer ÖPNV müsse nicht zwangsläufig dazu führen, dass »mehr leere, heiße Luft« durch die Gegend gefahren werde oder dass Angebote gemacht würden, die nicht angenommen würden. »Wir brauchen einfach mehr Fahrgäste im bestehenden System.« Damit erhöhe sich auch die Wirtschaftlichkeit.

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Der erste Tag mit dem 9-Euro-Ticket

Foto: Ronald Wittek / EPA

Dies könne eine Erkenntnis des 9-Euro-Tickets sein, so Theurer. Die Rabattaktion für die Monate Juni, Juli und August könne den Weg für die Zukunft des öffentlichen Nahverkehrs weisen. »Ich glaube, dass das ein echter Knaller wird«, sagte der FDP-Politiker. Das Ticket komme direkt bei den Nutzerinnen und Nutzern an.

»Wenn wir das Ziel in der Koalition, eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen, erreichen wollen, dann werden wir die Erkenntnisse aus dem 9-Euro-Ticket auch dringend brauchen«, betonte Theurer. Wenn es gelinge, durch ein konkurrenzlos günstiges Preisangebot Fahrgäste zurückzuholen oder sogar über das Vor-Corona-Niveau zu kommen, dann zeige es, in welche Richtung es gehen könne.

Dirk Flege, Geschäftsführer des Lobbyverbandes Allianz pro Schiene, widersprach: »Die Frage ›Angebotsausweitung oder Steigerung der Auslastung‹ stellt sich nicht. Wir brauchen beides. Ohne massive Angebotsausweitung wird es keine Verdopplung im Personenverkehr auf der Schiene geben.« Hier sei die Politik mit einem Ausbau der Infrastruktur und einer Finanzoffensive für den Nahverkehr gefragt, sagte Flege der Nachrichtenagentur dpa.

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Um die Finanzierung des Nahverkehrs streitet der Bund mit den Ländern, die auf mehr Geld aus Berlin pochen. Im Zuge des 9-Euro-Tickets bekamen sie bereits 3,7 Milliarden Euro für Einnahmeausfälle in diesem Jahr zugesagt. Darüber hinaus müssten aber auch noch Mehrkosten in Milliardenhöhe für Energie, Personal und Bau gedeckt werden, forderte die Bremer Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne) als Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz. Andernfalls drohe nach der Rabattaktion ein Rückschlag mit drastisch steigenden Ticketpreisen und zugleich wachsenden Lücken im Fahrplan.

Vor allem fordern die Länder deutlich mehr Geld, um in den kommenden Jahren das Angebot an Bus und Bahn mit Blick auf das deutsche Klimaziel auszubauen. Die Ampelkoalition will den Bahnverkehr bis 2030 verdoppeln und hatte dafür höhere Regionalisierungsmittel schon ab 2022 versprochen, aber nicht in den Haushalt aufgenommen. Ergebnisse der Bund-Länder-Arbeitsgruppe werden für den Herbst erwartet.

ak/dpa
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