100 Jahre Renault in Deutschland Frankreichs Volkswagen

Als einer der ersten ausländischen Pkw-Importeure ließ sich Renault 1907 in Berlin nieder, mit Autos wie R19, Dauphine oder Twingo haben die Franzosen Deutschlands Straßenbild über Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt. Nun soll eine Modelloffensive dem zuletzt glücklosen Hersteller zu neuer Grandeur verhelfen.


Bei Renault knallen die Korken. Zwar ist die ist die Marktlage nicht unbedingt ein Grund zum Feiern, doch hundert wird man schließlich nicht alle Tage. Am 17. Oktober 1907 war es, als die Renault Frères Automobil AG ins deutsche Handelsregister eingetragen wurden und die ersten Verkaufsräume am Berliner Gendarmenmarkt eröffnete. Heute ist daraus ein Netz von rund 1400 Verkaufsstellen mit 18.000 Mitarbeitern geworden, das aus der Zentrale in Brühl bei Köln gesteuert wird. Rund 175.000 Autos wird Renault in diesem Jahr hierzulande verkaufen. Renaults Geschichte in Deutschland ist durchaus turbulent. Nach 1907 entwickelt sich das Unternehmen prächtig und eröffnet rasch eine Zweigniederlassung in Frankfurt sowie ein gutes Dutzend Verkaufsstellen im ganzen Land. Renault verkauft schon damals neben Luxuslimousinen kleinere Pkw, Busse, Nutzfahrzeuge und Taxen.

Während des Ersten Weltkrieges gerät das Unternehmen unter deutsche Zwangsverwaltung. Danach zwingt die Wirtschaftskrise die Franzosen in die Knie. Erst 1927 nehmen sie von Frankfurt aus einen zweiten Anlauf. Mit Beginn des Zweitens Weltkriegs muss Renault abermals eine Zwangspause in Deutschland einlegen.

Erst mit Gründung der Bundesrepublik 1949 kehrt Renault zurück und beginnt, mit dem Modell 4CV das Privatkundengeschäft aufzumischen. Das Auto läuft so gut, dass Renault kaum mit der Produktion nachkommt. Es folgte - mitten im aufkeimenden Wirtschaftswunder - das legendäre Modell Dauphine. Die Zahl der Händler steigt auf 250, die Zulassungen klettern auf 36.000 Autos im Jahr. In den Sechzigern schließlich entwickelt sich Deutschland zum wichtigsten Auslandsmarkt für die Franzosen. R4 und R16 sind derart beliebt, dass es nun schon 950 Händler gibt, der Marktanteil liegt 1967 erstmals über fünf Prozent, 74.000 Neuzulassungen werden gezählt. 1970 machen 150.000 Neuanmeldungen Renault erstmals zum stärksten Importeur in Deutschland.

Mit der Wiedervereinigung kam der Erfolg zurück

In den Achtzigern ebbt die Erfolgswelle ab, die Konkurrenz aus Fernost macht auch den Franzosen zu schaffen. Doch mit der deutschen Wiedervereinigung gelingt ein Comeback: Als einer der ersten Hersteller beginnt Renault noch in den letzten Wochen des Jahres 1989 mit dem Aufbau eines Vertriebsnetzes im Osten. Mit 241.000 Zulassungen wird Renault 1991 wieder zum stärksten hiesigen Importeur.

Die Erfolgsgeschichte in Deutschland ist geprägt von einer Reihe innovativer Modelle: Mit der Dauphine schreiben die Franzosen am Wirtschaftswunder mit, R4, R5 und später der Clio werden zu attraktiven Alternativen für die ersten Generationen deutscher Kleinwagen. Und der R19 behauptet sich als erfolgreichstes Importauto am Markt wacker in der Golf-Klasse. Außerdem bedient Renault als einer der ersten Marktnischen, die andere ignoriert haben.

Die Marke macht mit dem Espace die Großraumlimousine und mit dem Scénic den Kompakt-Van populär, sie etabliert mit dem Kangoo das kleine Nutzfahrzeug als Freund der sparsamen Familie. Ebenfalls als Erfolg erweist sich die neue Billigmarke Dacia, die in diesem Jahr in Deutschland auf rund 15.000 Zulassungen kommen soll. "Mehr als 80 Prozent der Dacia-Kunden kommen aus dem Gebrauchtwagenbereich von anderen Marken. Das heißt: wir erobern neue Kunden", sagt Deutschlandchef Jacques Rivoal.

Grandiose Flops, die aber immer gut aussahen

Nicht alle Neuheiten bringen Renault Ruhm und Profit. Das Coupé Fuego wird zwar 1980 mit dem Goldenen Lenkrad ausgezeichnet, findet aber kaum Käufer. Auch der Weg in die Oberklasse erweist sich als steinig. Weder mit dem R 25, noch mit dem Safrane und schon gar nicht mit dem unkonventionellen Vel Satis kann Renault gegen die deutschen Platzhirsche punkten. Ebenfalls als Flops gelten der Scénic RX4, mit dem Renault die Allrad-Van-Idee zehn Jahre zu früh umgesetzt hatte, sowie das Raum-Coupé Avantime, das schneller vom Markt verschwand, als es angekündigt und vorgestellt wurde.

An diese unerfreulichen Episoden erinnern sich die Renault-Manager nur ungern. Und auch die aktuellen Zulassungszahlen dürften ihnen missfallen: In Europa hat die Marke beim Absatz in den ersten acht Monaten mehr als elf Prozent verloren, in Deutschland liegt das Minus von Januar bis September bei 9,5 Prozent. Rivoal rechnet dennoch vor, das Renault seine Spitzenposition halte, irgendwie: "Streng genommen sind wir unter den Importeuren schon jetzt wieder die Nummer 1. Wenn man Renault und Dacia sowie die leichten Nutzfahrzeuge zusammenzählt, gibt es keinen Ausländer, der in Deutschland mehr Autos verkauft."



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