30 Jahre Mitsubishi Lancer Diamonds Are Forever

Kein Mitsubishi hat in Europa mehr Tradition als der Lancer. Als einziges Modell seiner Art wird er auch nach 30 Jahren noch angeboten. Tom Grünweg fuhr zum Jubiläum noch einmal im Lancer - und stellte fest: Der Rohdiamant kann noch immer glänzen.


Als Mitsubishi vor 30 Jahren mit dem Import nach Deutschland begann, waren Autos aus Japan noch exotischer als es heute Modelle aus China sind. Doch davon ließ sich Hanns Trapp-Dries nicht abschrecken. Nachdem der Rüsselsheimer als einer von vier Datsun-Importeuren geschäftliches Geschick bewiesen hatte, nahm er 1977 eine zweite Marke aus Fernost unter Vertrag. Im September auf der Internationalen Automobilausstellung IAA in Frankfurt erstrahlten zum ersten Mal die drei Diamanten des Mitsubishi-Logos.

Am Start stand damals ein ungewöhnliches Trio: Das Modell Galant für die gehobene Mittelklasse, das sportliche Coupé Celeste für den verhinderten Ford-Capri-Fahrer und der Lancer als billige Alternative zu Kadett oder Ascona. Zwar war der Lancer nicht mehr ganz taufrisch, doch haben dieses Auto und seine mittlerweile acht Nachfolgemodelle bei den deutschen Kunden den größten Eindruck hinterlassen.

Denn den Galant gibt es als Mitsubishi-Flaggschiff heute nur noch in Japan und den USA. Vom Celeste spricht keiner mehr. Der Lancer jedoch hat sich gehalten und wurde seit 1977 allein hierzulande mehr als 200.000-mal verkauft. Nur der etwas später eingeführte Kleinwagen Colt ist mit weit mehr als 300.000 Zulassungen noch erfolgreicher. Zur Markteinführung der neunten Generation des Lancer und natürlich zum dreißigjährigen Deutschland-Jubiläum war Mitsubishi auf Spurensuche und hat den Klassiker wieder in Dienst gestellt.

Etwas Patina, sonst aber ist der Wagen gut in Schuss

Dass der kanariengelbe Zweitürer schon 30 Jahre auf dem Buckel hat, sieht man ihm kaum an - aber man spürt es. Das Kunstleder auf dem Armaturenbrett ist mittlerweile dünn und rissig, der Schonbezug klebt wie ein Bonbon am dürren Lenkrad, die Sitze sind durchgesessen wie die in der U-Bahn von Moskau. Außerdem wurde der Wagen, der in diesem Zustand heute rund 7000 Euro kosten dürfte, einmal frisch lackiert. "Sonst mussten wir an dem Auto nichts machen", sagt Mitsubishi-Fuhrparkchef Dieter Rink. Schlüssel rein, anlassen, losfahren - was damals selbstverständlich war, funktioniert auch heute tadellos.

Der Vierzylinder erwacht zum Leben. Zwar ist die bläulich-weiße Fahne hinter dem Auspuff politisch nicht mehr korrekt, dafür schnurrt der 1,2 Liter große Motor auf Anhieb ruhig und schnell, fast wie eine Nähmaschine. Der erste Gang ist trotz des endlos langen Schaltknüppels leicht gefunden, und als wäre die Zeit vor 30 Jahren stehengeblieben, fädelt sich das Coupé in den Verkehr ein. Natürlich kann man heute mit 55 PS und 86 Nm nicht einmal mehr Kleinwagenfahrer beeindrucken.

Leichtgewicht mit Heckantrieb

Doch weil der exakt vier Meter lange Wagen nur 860 Kilo wiegt, hat das Motörchen unter der Haube leichtes Spiel: Im Stadtverkehr ist der rüstige Rentner ganz vorne mit dabei. Dass sich die Tachonadel später auf der Autobahn nur mühsam über 130 zittert (der Fahrzeugschein weist 145 km/h als Maximum aus), stört nicht weiter. Damals war das eine respektable Geschwindigkeit, jetzt will man ohne Airbag und elektronische Hilfen ohnehin nicht schneller fahren.

Nach heutigen Maßstäben geht der alte Lancer als Sondermodell Spartakus durch. Allerdings: Im Cockpit herrscht gähnende Leere. Ein Stöckchen an der Lenksäule steuert Blinker und Wischer, ein Schalter neben dem Tacho das Licht und vier Schieber über dem Mitteltunnel die Lüftung. Zwischen solch spartanischer Armatur wirkt das alte Blaupunkt-Radio mit Kassettendeck wie ein Bote aus der Zukunft.

Für seine Zeit war der Lancer damals ein Bote aus der Zukunft; er war vor allem den deutschen Wettbewerbern voraus: Die Verarbeitung war vorbildlich, auch mit Details wie höhenverstellbaren Kopfstützen oder einer Innenraumluft-Umwälzung konnten VW Golf, Ford Escort & Co. noch längst nicht dienen.

Keimzelle einer erfolgreichen Rallye-Karriere

Als kreuzbraver Musterknabe hat der Lancer den Japanern nicht nur den Weg auf den deutschen Markt geebnet, sondern war auch Keimzelle vieler Motorsporterfolge. Weil er leicht war, den von Rennfahrern bevorzugten Heckantrieb hatte, und sich flugs ausschlachten ließ, machte der Lancer damals bei vielen exotischen Rallyes in Afrika, Australien und Europa Furore, sagt Mitsubishi-Sprecher Albrecht Trautzburg. Deshalb wohl gab es gleich eine ganze Reihe sogenannter Evolution-Modelle, mit denen die Ingenieure den Brückenschlag zwischen Straße und Rennpiste versuchten.

Daran will Mitsubishi nun wieder anknüpfen. Nicht nur die konventionelle Ausgabe der gerade eingeführten Lancer-Generation neun wirkt sportlicher denn je. Im Sommer folgt zudem ein neuer Lancer Evolution X, mit 300 PS rund sechsmal so stark wie sein Urahn. Allein: Mit der Leistung stieg über die Jahre auch der Preis. Während die Liste damals bei 8990 Mark begann, zahlt man heute für das Basismodell mehr als das Doppelte - und zwar in Euro.

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