30 Jahre VW Polo Weltenbummler aus Bayern

Schon einmal trug ein Einstiegsmodell von Volkswagen den Namen Fox: Das Billig-Sondermodell Polo Fox feierte in den Achtzigern Absatzerfolge. Damals besannen sich die Wolfsburger auf die Kargheit des Ur-Polos.


Polo der dritten Generation: Der bis 1999 gebaute Kleinwagen war auch mit Stoffverdeck lieferbar
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Polo der dritten Generation: Der bis 1999 gebaute Kleinwagen war auch mit Stoffverdeck lieferbar

Wolfsburg - Corsa? Kennt man, genau wie Fiesta. Beides sind bekannte kleine Autos deutscher Hersteller. Doch wenn es um den Inbegriff des deutschen Kleinwagens geht, fällt in der Regel ein anderer Name: Polo. Die vier Buchstaben des VW-Modells haben es in 30 Jahren zu einer Bekanntheit gebracht, die der des großen Bruders Golf wenig nachsteht - und das, obwohl alles im Grunde mit einem kleinen Etikettenschwindel anfing. Denn der erste Polo war ganz und gar kein Eigengewächs der Wolfsburger Autobauer. Die Konstruktion stammte vielmehr aus Bayern und war unter anderem Namen zum Zeitpunkt der Polo-Premiere schon ein gutes halbes Jahr auf den Straßen unterwegs.

Es war die Zeit, in der man bei Audi in Ingolstadt noch kein A in der Typbezeichnung hatte, sondern die Fahrzeuge je nach Größe 80 oder 100 nannte. Allerdings fehlte in der Nummernreihe noch etwas Kleines. Und so machte sich Audi an die Entwicklung eines Kleinwagens, der die Bezeichnung 50 tragen sollte. An der Formgebung des Zweitürers war unter anderem der bekannte Designer Bertone beteiligt, außerdem wurde der Audi keine jener spartanischen Blechbüchsen, die einst als Kleinwagen umherkurvten. Der Audi 50 war zwar nur rund 3,5 Meter lang, doch seine Ausstattung wirkte durchaus erwachsen.

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Fotostrecke: 30 Jahre VW Polo

1974 erschien der Mini-Audi auf dem Markt und hatte nur wenig Zeit, die Lorbeeren für seine adrette Optik und die moderne Technik allein zu ernten. Denn schon früh stand fest, dass die Konzernmutter Volkswagen von der neuen Konstruktion profitieren wollte. Die Mühen der Wolfsburger bei der Anpassung des Wagens an die eigene Modellpalette beschränkten sich in erster Linie auf das Ausräumen des Vorhandenen: Von der vergleichsweise üppigen Ausstattung eines Audi 50 sollte im Ur-Polo wenig bleiben. "Der Polo ist ein neuer Volkswagen. Er ist ein preisgünstiges und wirtschaftliches Auto", hieß es in einer VW-Ankündigung - keine Spur mehr von Lust am Luxus.

Ballspiel oder Weltenbummler

Der Polo brachte in seiner Basisausführung dann auch denkbar wenig an Komfort steigernden Zutaten mit. Das Grundmodell musste auf Chrom an den Stoßfängern verzichten und kam mit schlicht silbern lackierten Stangen an Front und Heck daher. Statt einer Benzinuhr gab es nur eine Leuchte, die vor baldiger Leere im Kraftstoffbehälter warnte. Auch das Abschließen der Beifahrertür von außen war erst bei Bestellung des teureren L-Pakets möglich. Hier gab es dann ab Werk auch Details wie eine Gepäckraum-Abdeckung.

Die größte Mühe hatte sich VW bei der Namensgebung gemacht. Die konnte gleich zwei Ursprünge vorweisen. Einerseits stammt die Bezeichnung von dem gleichnamigen Ballspiel ab, das vom Pferd aus mit Schlägern gespielt wird. Als wäre der Bezug auf die elitäre Sportart nicht genug, setzten die Marketingstrategen noch etwas drauf. Man bezog sich auch auf den Weltreisenden Marco Polo, der vor mehr als 700 Jahren von Venedig bis China vordrang. "In der Bezeichnung Polo verbinden sich also zwei Elemente: ein sportliches und ein weltumspannendes", hieß es dazu bei VW.

Wovon die Fahrer der ersten Polos herzlich wenig gespürt haben dürften, schließlich waren sie vor allem in den Städten unterwegs. Denn die verbreitete Basismotorisierung ließ längere Ausflüge in entspannter Atmosphäre kaum zu. Gerade einmal 29 kW/40 PS standen in den 900 Kubikzentimetern des kleinen Vierzylinders zur Verfügung. Damit soll nach längerem Anlauf eine Höchstgeschwindigkeit von 132 Stundenkilometern (km/h) möglich gewesen sein. Die Beschleunigung vollzog sich ebenfalls eher bedächtig: Gut 21 Sekunden vergingen, bis das nicht einmal 700 Kilogramm schwere Auto die Tempo-100-Grenze erreichte. Als Entschädigung gab es einen Verbrauch von 7,3 Litern.

Starker Derby mit 60 PS

Wer sich mit dieser knappen Leistung nicht anfreunden mochte, dem bot sich zunächst als einzige Alternative ein 1,1-Liter-Motor mit 37 kW/50 PS. Noch einmal zehn zusätzliche PS gab es erst 1977. Sie kamen allerdings nicht gleich im Schrägheck-Polo zum Einsatz. Vielmehr hatten besonders Kunden im Ausland eine Vorliebe für Autos mit Stufenheckform. Worauf Volkswagen antwortete, indem man den Polo um ein entsprechend geformtes Hinterteil erweiterte und das entstandene Modell Derby nannte. Dieses Modell bot nicht nur einen riesigen Kofferraum, das zusätzliche Blech machte sich auch in Form von Gewicht bemerkbar - worauf mit dem 60-PS-Motor reagiert wurde.

Der teurere Audi spielte zunehmend eine Statistenrolle, und verschwand 1978 schließlich ganz vom Markt. Der Polo dagegen feierte schnell Erfolge: Bereits im Jahr 1979 meldete Volkswagen das 500.000. Exemplar. Also wurde die Sache 1981 mit der zweiten Polo-Generation fortgesetzt. Die war allerdings in erster Linie optisch neu, unter dem Blech und am Fahrwerk blieb das meiste beim Alten.

Mancher Kunde hätte sich auch gewünscht, die Designer hätten die Finger vom Polo gelassen. Statt des knuffigen Schräghecks als Standardmodell kam der Polo nun als eine Art Kombi daher: Das Dach zog sich gleichmäßig bis zum Heck, wo es dann über einer steilen Heckklappe endete. Alles in allem erinnerte die neue Polo-Generation formal stark an einen zu heiß gebadeten Leichenwagen.

Peppiger Fox

Es dauerte dann auch nicht lange, bis VW die Schrägheckform wieder belebte. Sie stand fortan jedoch nicht als Standardmodell in den Schauräumen. Vielmehr trug die Karosserievariante jetzt die Bezeichnung Coupé und sollte eine sportlichere Ausführung des Polo darstellen. Um die Sportlichkeit zu unterstreichen, gab es das Auto auch als GT mit 55 kW/75 PS starkem Motor und sportlicher Aufmachung.

Trotz manchem Naserümpfen beim Betrachten des Kombi-Polo wurde auch diese zweite Generation ein Erfolg. Bereits 1983 feierte VW insgesamt eine Million Polo und schuf im Jahr darauf das eigentliche Erfolgsmodell dieser Jahre: den Polo Fox. Allem Anschein nach hatten sich die Polo-Macher wieder an die Anfänge des Modells erinnert und rissen erneut alles an Ausstattung heraus, was sich entbehren ließ.

Getarnt wurde die Kargheit durch peppige Lackfarben und den Fox-Schriftzug. Vor allem aber dürfte es der Preis gewesen sein, der das Sondermodell zum Bestseller machte: Der Fox kostete 1000 Mark weniger als das Basismodell. Mit 11.490 Mark hatte aber auch der Fox den einst 7500 Mark teuren Ur-Polo weit hinter sich gelassen.

Doch es ging nicht nur um billig: 1986 folgte der absolute Über-Polo dieser Generation. Im Motorraum des Coupé GT G40 genannten Modells hatten die Techniker einen G-Lader genannten Kompressor montiert, dessen 40 Millimeter breite Schaufeln die Verantwortung für die ungewöhnliche Namensgebung zu übernehmen hatten.

Polo-Diesel mit sechs Liter Verbrauch

Eindrucksvoller war aber, was der G40 zu leisten im Stande war. Das Coupé wurde von 85 kW/115 PS auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 200 km/h getrieben. Doch der G40 hatte nicht nur einen Ruf als schnelles, sondern auch als technisch problematisches Auto. Für die Masse der Käufer war der teure Renn-Polo ohnehin wenig interessant. Sie schauten vielmehr auf den im selben Jahr eingeführten Polo-Diesel. Er überzeugte weniger mit seinen 33 kW/45 PS als mit dem angegebenen Durchschnittsverbrauch von nur sechs Litern.

Die zweite Generation des Polo blieb mit allerlei Verbesserungen und Facelifts bis in die neunziger Jahre im Programm und überschritt dabei die Marke von drei Millionen gebauter Wagen. Erst 1994 wurden die technischen Grundzüge der ersten Generation mit Erscheinen des Polo 3 endgültig beseitigt. Zu diesem Zeitpunkt war der Urahn Audi 50 schon längst vergessen, und doch übernahm jetzt der Polo die Rolle, die der Kleine aus Ingolstadt einst spielte. Bis heute hat sich der karge Kleinwagen von einst zu einem immer luxuriöseren Gefährt entwickelt, dem kaum mehr das Image eines Einstiegsmodells anhaftet. Worauf VW nun mit einem neuen Billig-Auto antwortet, dessen Name Fox wohl nicht nur zufällig an den Erfolgs-Polo der achtziger Jahre erinnert.

Von Heiko Haupt, gms



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