40 Jahre Buggy Strandfloh in Glimmer-Grün

Er brachte einen Hauch von Kalifornien in deutsche Kiesgruben: Der vom Osnabrücker Cabriospezialisten Karmann gefertigte Buggy auf Käferbasis. Die Idee übernahmen die Niedersachsen aus Kalifornien - und holten damit das Flower-Power-Feeling an deutsche Baggerseen.

Tom Grünweg

Okay - es ist ein Spielzeug. Aber eines, das Spaß macht. Der VW-Buggy ist der Beweis, dass die Entwickler in Wolfsburg auch in den siebziger Jahren weiter schauen konnten als bis zu ihrem Gartenzaun - und dass sie die Größe hatten, sich vor einem kleinen, nonkonformistischen Bootsbauer zu verneigen. Von dem nämlich übernahmen sie die Idee für den Buggy, der sich so offen und so luftig präsentiert wie kaum ein anderes Auto.

Erfunden wurde die Fahrzeuggattung, mit der in Europa allenfalls der Mini Moke und der Citroën Mehari mithalten konnten, an der amerikanischen Westküste. Die Musik der Beach Boys im Ohr und den Pazifikstrand vor der Haustür, schraubte der Bootsbauer Bruce Meyer 1964 in Pismo Beach bei Los Angeles den ersten Dune Buggy zusammen. Unter dessen bunter Glasfaser-Karosse steckte die Bodengruppe des Käfers, zwischen den aufgeblähten Breitreifen ein VW-Motor. Mit jeder Ausfahrt stieß der Wagen bei der kalifornischen Strandjugend auf mehr Begeisterung, und irgendwann sprach sich Meyers Idee auch bis zu VW herum. Jetzt wollte auch Wolfsburg den Buggy.

Der direkte Import war allerdings schwierig. So kam es, dass sich die VW-Kundenzeitschrift "Gute Fahrt" Gedanken über ein eigenes Auto machte. Beim Zulieferer Karmann bestellten die Wolfsburger bereits 1969 eine erste Studie. Aufgebaut auf einem verkürzten Chassis des Käfers, angetrieben von einem 44 PS starken 1300er-Motor, war der Wagen gegen Wind und Wetter lediglich mit einem labberigen Zeltverdeck geschützt. Trotzdem kam das Funmobil bei den Testfahrern so gut an, dass es 1971 als "Karmann GF" in Serie ging. Wahlweise als Komplettfahrzeug oder als Bausatz brachte der Wagen einen Hauch von Kalifornien an heimische Baggerseen.

Mit jedem Kilometer tiefer zurück in die Siebziger

Dreht man den Zündschlüssel um, wird der Geist der Flower-Power-Zeit auch heute noch lebendig. Wenn der Boxer rasselt, der Wind um die flache Scheibe pfeift und man eingezwängt in den tiefen Sitzschalen über den Sandboden poltert, fühlt man sich mitten in Deutschland wie in Santa Barbara. In den Ohren klingt "Surfin' USA", die Haut riecht nach Creme 21. Mit jedem Kilometer fährt man gedanklich weiter zurück in die Siebziger.

Das gelingt mit dem Buggy rasanter als erwartet. Zwar hat der Wagen mickrige 44 PS, doch er wiegt auch nur 840 Kilo. Wer den Motor ordentlich ausdreht und kräftig genug am Lenkrad kurbelt, erlebt ihn bald als Dünen-Drifter, der mit einer schier endlosen Staubschleppe durch den Sand wirbelt. Wirklich schnell fühlt sich der Buggy dabei nur an. Tatsächlich weist sein Datenblatt einen Sprintwert von fast 30 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von nur 125 Stundenkilometern aus. Doch dieses Tempo wirkt ganz anders, wenn man in jeder Kurve gegen das Drahtseil fällt, das anstelle der Tür mit einem Schnapphaken vor die Aussteige-Lücke gespannt wurde.

Produktion nach drei Jahren eingestellt

In den Siebzigern währte die Liebe zu den in poppigen Disco-Farben wie Glimmer-Grün, Glimmer-Rot und Glimmer-Blau angebotenen Strandflöhen nur wenige Sommer. Weil die Karriere des Käfers zu Ende ging, normale Cabrios erschwinglich wurden und die Zulassungsbehörden immer höhere Hürden in Sachen Sicherheit errichteten, stellte Volkswagen die Buggy-Produktion bei Karmann 1974 nach nur drei Jahren wieder ein.

Mittlerweile stehen die Buggys aber wieder hoch im Kurs, sagt VW-Klassikexperte Klaus Ulrich, der die ehemalige Museumsflotte von Karmann in Osnabrück betreut. "Wenn man überhaupt noch einen Gebrauchten findet, muss man für ein gut erhaltenes Exemplar mittlerweile 15.000 bis 20.000 Euro anlegen", schätzt er. Erschwert werde die Suche nach einem originalen Klassiker durch die Fantasie seiner Besitzer. "Viele Buggys wurden über die Jahre hinweg stark modifiziert und mit so viel Chrom und Effektlack traktiert, das man heute kaum mehr ein Original findet", berichtet Ulrich. Dabei blickt er stolz auf einen glimmergrünen Flitzer aus der Osnabrücker Sammlung, dem solch eine Veredelung erspart blieb.

VW ist wieder im Buggy-Fieber

In den vergangenen Monaten war der Wagen wieder öfter im Einsatz. Nicht nur, weil VW den Oldtimer zum 40. Geburtstag regelmäßig aus der Halle holte und in den Sand schickte, sondern auch, weil in Wolfsburg das Interesse an der alten Idee wiedererwacht ist. So haben die Niedersachsen vor wenigen Wochen auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt für die große Up-Familie auch eine Neuinterpretation des Freiluft-Käfers präsentiert.

Zwar firmiert der feuerrote Strandläufer "Buggy-Up" noch als reines Schaustück und hat anders als der fünftürige Cross-Up oder der sportliche GT-Up weniger rosige Aussichten auf eine Serienfertigung. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt - zumindest in der historischen Abteilung der Niedersachsen. "Noch ist das Auto nur eine Studie", sagt Classic-Sprecher Eberhard Kittler: "Aber wer weiß? Ausgelassener Fahrspaß wird auch in Zukunft gefragt sein."



insgesamt 7 Beiträge
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wanderprediger, 21.10.2011
1. Baggersee ein sensibles Ökosystem
Zitat von sysopEr brachte einen Hauch von Kalifornien in deutsche Kiesgruben: Der vom Osnabrücker Cabriospezialisten Karmann gefertigte Buggy auf Käferbasis. Die Idee übernahmen die Niedersachsen aus Kalifornien - und holten damit das Flower-Power-Feeling an deutsche Baggerseen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,791373,00.html
Ja ist denn so ein Buggy auch ökologisch und poltisch in der heutigen Zeit korrekt? Spaß und Emotionen darf man beim Autofahren doch nicht haben, nicht in Deutschland. Was sagen denn unsere Vectra- und Priusfahrer dazu?
Seraphan 21.10.2011
2. Das passt nicht
Zitat von sysopEr brachte einen Hauch von Kalifornien in deutsche Kiesgruben: Der vom Osnabrücker Cabriospezialisten Karmann gefertigte Buggy auf Käferbasis. Die Idee übernahmen die Niedersachsen aus Kalifornien - und holten damit das Flower-Power-Feeling an deutsche Baggerseen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,791373,00.html
Als in den 70ern aufgewachsen, habe ich diese Autos geliebt. Als Bewohner des Nordostens Brasiliens, wo der Buggy in Strandnähe zum Straßenbild gehört, freue ich mich noch immer wie ein Kind, wenn einer vorbeifährt oder am Straßenrand steht. Aber ein Buggy heute in Deutschland, möglicherweise in einer völlig anderen Karosserie? Nein, so leid es mir tut, das passt nicht.
moritzmiesepeter 21.10.2011
3. Hab noch einen...
Als Besitzer eines originalen Karmann GF von 1970, stillecht in Signal-Orange, der absolut unverbastelt ist, freue ich mich über den Artikel. Allerdings ist die Preisvorstellung im Artikel mehr als übertrieben. Gute "Flöhe" wechselten für weniger als 4000,- den Besitzer. Mein Fazit mit dem 40 Jahre alten Buggy: Ein unendliches Groschengrab (3. Verdeck inzwischen, regelmässiger Ärger beim TÜV, Garage...) aber, wenn mal die Sonne scheint, ein riesengroßer Fahrspass!!! Und die leuchtenden Augen der Kinder, wenn das "Donal Duck"-Auto vorbeikommt, wird kein Daihatzu Dingenskirchen herbeizaubern.
Blackzxr 22.10.2011
4. 40 Jahre Buggy: Strandfloh in Glimmer-Grün
mein Bruder hat noch einen Froschgrünen in der Garage stehen, seit 20 jahren..aber über 10.000 wert? aber lustig sind die teile schon...und sollten erhalten bleiben....
ChrisQa 22.10.2011
5. Oeko-Logisch
Zitat von wanderpredigerJa ist denn so ein Buggy auch ökologisch und poltisch in der heutigen Zeit korrekt? Spaß und Emotionen darf man beim Autofahren doch nicht haben, nicht in Deutschland. Was sagen denn unsere Vectra- und Priusfahrer dazu?
Als einer, der sich wohl naechstes Jahr nach einem +200km/h-Kombi einen Opel Ampera kaufen wird, sage ich dazu: Fahren muss immer auch Genuss beinhalten, ansonsten vergeudet man seine wertvolle Zeit dabei. Warum also keinen Buggy einfach mal schoen finden? Wer denkt, dass umweltbewusstes Denken und Handeln immer nur Spassverzicht und -Verbot bedeutet, ist zu bedauern. (Oder faehrt VW ;-) )
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