Dieselaffäre Bundesamt misst bei vielen Autos massiv höheren Verbrauch

Müssen Hunderttausende Autokäufer entschädigt werden? Dass Verbrauchsangaben der Hersteller realitätsfern sind, ist bekannt. Doch nach SPIEGEL-Informationen beweisen geheime Messungen: Sogar die Laborwerte sind falsch.

Volkswagen

Bislang war die Dieselaffäre vor allem ein Umweltskandal. Die Motoren mit manipulierter Steuersoftware stoßen ein Vielfaches an giftigen Stickoxiden aus. Weil die Gefahr abstrakt ist, hielt sich die Empörung über die betrügerischen Machenschaften der Branche bei den Bürgern in Grenzen. Doch das könnte sich nun ändern. Denn jetzt geht es in den Untersuchungen der Behörden um eine Trickserei, die unmittelbare Auswirkungen auf das Portemonnaie der Kunden hat: den Verbrauch.

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Heft 46/2016
(wie wir sie kennen)

Bei Nachmessungen des Kraftfahrt-Bundesamts von 54 Pkw-Modellen stellte sich heraus, dass fast 30 Modelle viel mehr Kohlendioxid produzieren als angegeben - und damit mehr Diesel verbrennen als im Fahrzeugschein angegeben. Wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, verbrauchen zwei Audi-A6-Modelle demnach über 35 Prozent oder fast zwei Liter Kraftstoff mehr. Große Abweichungen von bis zu einem Liter mehr Verbrauch haben sich auch bei einem Jaguar XE, dem Mercedes C220, dem Opel Zafira, dem Volvo V60 und dem Porsche Macan ergeben. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Die Messungen, deren Ergebnisse dem SPIEGEL vorliegen, wurden im Rahmen der Untersuchungskommission des Bundesverkehrsministeriums zum Dieselskandal vorgenommen, die ihren Bericht im April dieses Jahres vorgelegt hatte. Darin ging es allerdings nur um die Stickoxid-Ausstöße der Fahrzeuge. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat jetzt weitere Untersuchungen zum Kohlendioxid-Ausstoß der betroffenen Wagen angeordnet und will auch zu diesen Resultaten einen Bericht vorlegen.

Den Konzernen drohen im schlimmsten Fall gigantische Schadensersatzforderungen

Die Veröffentlichung ist brisant für die Industrie. Müssten die Verbrauchswerte korrigiert werden, könnte den Kunden Schadensersatz zustehen. Bei einer Abweichung von mehr als zehn Prozent würde den Käufern unter Umständen sogar das Recht zustehen, den Wagen zurückzugeben. Außerdem berechnet sich nach dem Kohlendioxid-Ausstoß des Fahrzeuges die Höhe der Kfz-Steuer. Deshalb könnte das Bundesfinanzministerium von den Herstellern Nachzahlungen verlangen, die sich aus der Differenz zwischen angegebenem und realem CO2-Ausstoß ergibt.

Audi, Jaguar, Daimler, Opel, Volvo und Porsche teilten dem SPIEGEL auf Anfrage mit, sie könnten zu den Ergebnissen des KBA keine Stellung nehmen, weil ihnen die Grundlage der Messung unbekannt sei. Beim Volkswagen-Konzern sind die Modelle Polo, Golf, Touran, Touareg und Passat mit höherem Verbrauch von mehr als zehn Prozent betroffen. Das Wolfsburger Unternehmen hat auf die Messergebnisse bereits reagiert.

Man wolle künftig nicht mehr alle zulässigen Möglichkeiten nutzen, um bei der Verbrauchsmessung möglichst niedrige Werte zu ermitteln, hieß es aus der Konzernzentrale. Als erstes erhöhen sie die offiziell angegebenen Verbrauchsdaten für die Modelle Touareg und Passat, teilte VW dem SPIEGEL mit.

Dass das KBA die Messergebnisse bislang nicht veröffentlicht hat, erzürnt die Opposition im Deutschen Bundestag, die das Verhalten im Abgasskandal in einem Untersuchungsausschuss derzeit beleuchtet: Grünen-Verkehrsexperte Oliver Krischer sagte dem SPIEGEL: "Dobrindt macht sich hier zum Kumpanen der Trickser und Betrüger in der Autoindustrie".

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL-Magazin - am Kiosk erhältlich ab Samstagmorgen und immer freitags bei SPIEGEL+ sowie in der digitalen Heft-Ausgabe.

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