Neuer Abgasskandal Manipulierte Lkw verursachen massive Umweltschäden

Neue Recherchen zeigen: Bei einer großen Anzahl an Lkw aus Osteuropa ist die Abgasanlage manipuliert. So sparen Speditionen Millionenbeträge - und könnten für deutlich größere Schäden sorgen als der VW-Skandal.
Lkw-Schlange (Symbolbild)

Lkw-Schlange (Symbolbild)

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa

Der VW-Abgasskandal hat die Automobilindustrie erschüttert und beschäftigt sie bis heute. Nun gibt es einen Schwindel in der Speditionsbranche, der die durch VW verursachten Umweltprobleme bei Weitem übertreffen könnte. Durch verdeckte Recherchen des ZDF und polizeiliche Kontrollen in Polen ist eine offenbar weit verbreitete kriminelle Manipulation von Lkw bekannt geworden.

Verändert wird dabei der Einsatz des Harnstoffs AdBlue. In modernen Dieselmotoren wird er in den Abgasstrang eingespritzt und senkt den Stickoxidausstoß. Um die Kosten für die Anschaffung der Zusatzlösung zu sparen, kaufen kriminelle Speditionen Geräte, die die Harnstoffeinspritzung lahmlegen und der Bordelektronik des Lkw gleichzeitig vorspielen, mit AdBlue zu fahren - obwohl der Stoff gar nicht verwendet wird. Dabei handelt es sich um kleine Elektronikbauteile, sogenannte AdBlue-Killer.

Dass diese Emulatoren eingesetzt werden, um die AdBlue-Anlage auszuschalten, ist dabei gängige Praxis und nicht per se illegal. Zum Beispiel, wenn ein Lkw mit integriertem AdBlue-System in ein Land verkauft wird, das dessen Einsatz nicht per Abgasverordnung vorschreibt. In diesen Fällen wird die Umrüstung allerdings in offiziellen Werkstätten vorgenommen und der Vorgang genau dokumentiert. Durch die Umrüstung verlieren die Lkw allerdings auch das Anrecht auf Vorteile bei Steuer- oder Mautabgaben, die sie bei aktiver AdBlue-Anlage hätten. In Osteuropa geschieht der Umbau deswegen oft, ohne dass er festgehalten wird.

Gut 20 Prozent aller osteuropäischen Lkw betroffen

Der Betrug ist kein Einzelfall. In einer Studie der Universität Heidelberg im Auftrag des ZDF und des Verbands für die Transportbranche, Camion Pro, fand Prof. Denis Pöhler heraus: Gut 20 Prozent osteuropäischer Lkw fahren mit extrem auffälligen Abgaswerten.

Die Betreiber profitieren doppelt: Sie sparen zum einen bei der Anschaffung von AdBlue. Gleichzeitig zahlen sie zu wenig Mautgebühren. Die unterschiedlichen Mautklassen hängen auch vom Schadstoffausstoß eines Lkw ab. Die Fahrzeuge, die nun einen geringeren Ausstoß vortäuschen, fahren demnach in einer falschen, für die Speditionen günstigeren Klasse, als sie eigentlich müssten. Dadurch sparen die Betreiber Abgaben in Höhe von bis zu 110 Millionen Euro jährlich, so eine Berechnung des Mautexperten Prof. Kay Mitusch.

Die Auswirkungen sind enorm, ZDFzoom und Frontal 21 liegen Messdaten und Unterlagen vor, die das Ausmaß belegen: Experten halten den Schaden für doppelt so groß wie bei den durch die Manipulationen von VW verursachten Belastungen: bis zu 14.000 Tonnen Stickoxiden zusätzlich pro Jahr.

"Wenn ihr wollt, kann ich euch die AdBlue-Anlage stilllegen"

Das Rechercheteam belegte den Betrug durch eine verdeckte Ermittlung. Andreas Mossyrsch, Vorstand von Camion Pro, gründete eine Scheinfirma in Bukarest und lud Fahrer, Disponenten und Geschäftsführer zum Vorstellungsgespräch für seine angebliche Spedition ein. Ein Jobsuchender erklärte: "Wenn ihr wollt, kann ich euch die AdBlue-Anlage stilllegen", wie ZDFzoom-Reporter Christian Bock sagte.

In Rumänien demonstrierte ein Spediteur dem Team, wie einfach ein Lkw zu manipulieren ist und erklärte: "In Deutschland muss man keine Angst haben. Die Polizei kennt das nicht." Die anschließenden Testfahrten ergaben, dass entsprechend manipulierte Lkw deutlich höhere Abgaswerte hatten als unveränderte Fahrzeuge.

"Frontal 21" berichtet über den Fall am Dienstagabend (21 Uhr, ZDF). Am Mittwoch (22.45 Uhr) folgt die 30-minütige "ZDFzoom"-Doku "Die Lüge vom sauberen Lkw - Abgasbetrüger und ihre Dreckschleudern".

Anm. d. Red: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir ein Symbolbild verwendet, das den Eindruck erwecken konnte, dass die darauf zu erkennenden Fahrzeuge und deren Speditionen zu den im Artikel beschriebenen, illegalen Praktiken greifen. Dies ist nicht der Fall. Wir haben das Bild deswegen ausgetauscht und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

aev
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