Abgewürgt Von Null auf Hundert in 120 Sekunden

Der neue 7er ist ein Laptop auf Rädern: Die BMW-Luxuslimousine verfügt über Internet-Anschluss, Kampfjet-Display und PC-Schnittstelle. Leider erinnert die Benutzerführung an frühe Windows-Versionen - und das lahme Funkmodem passt eher in einen Lada.

Kim Schmitz war seiner Zeit voraus: Anno 1999 wollte der prunksüchtige Computerhacker unbedingt einen Internet-Zugang im Auto. Weil es so etwas damals nicht gab, bündelte "Kimble" in Heimarbeit 16 Handy-Leitungen und surfte fortan in seiner Mercedes-S-Klasse über die Datenautobahn.

So etwas hätte ich auch gerne. Mein Auto ist der letzte Ort in meinem Leben, wo ich offline bin - für einen Technik-Geek ein unhaltbarer Zustand. Schuld ist die Old-Economy-Autoindustrie: Zehn Jahre nach Schmitzens Bastelei sind inzwischen zwar Telefone, Kühlschränke und Armbanduhren online - bei Autos hingegen gehört Internet immer noch nicht zur Serienausstattung.

Umso verlockender erschien mir der neue BMW 7er. Er ist nach Unternehmensangaben das weltweit erste Fahrzeug das eine "uneingeschränkte Nutzung des Internets" ermöglicht. Ein Breitband-Bimmer? Ich malte mir aus, wie ich im Stop-and-go-Verkehr bei Amazon Bücher bestelle, bei 180 km/h SPIEGEL ONLINE lese und in der Waschstrasse YouTube-Videos anschaue.

Wie macht man denn hier das Radio an?

Vielleicht, so überlegte ich, könnte ich mein Arbeitszimmer abschaffen: "Schatz, ich gehe eine Stunde in den Carport, E-Mails lesen." Das wäre etwas kauzig, aber: In so einer Luxuslimousine sitzt es sich bequemer als auf einem alten Schreibtischstuhl. Und dank Edelhölzern und Lederausstattung surft es sich gleich viel gediegener.

Der neue 7er ist vollgestopft mit Computerzeugs. In der Mittelkonsole prangt ein 10,2-Zoll-Monitor. Unter dem Sitz befindet sich eine 80-Gigabyte-Festplatte. Es gibt ein sogenanntes Head-Up-Display, das Informationen direkt auf die Scheibe projiziert - wie bei einem Kampfjet. Neben dem Schaltknüppel ist ein Drehknopf eingelassen, über den sich Navi, Internet und andere Funktionen steuern lassen. "iDrive", heißt es dazu auf der BMW-Seite, "ist ein innovatives Bedienkonzept, mit dem der Fahrer sein Fahrzeug intuitiv bedienen kann".

Na ja. Viele Besitzer des alten Siebeners machten eine andere Erfahrung: iDrive 1.0 hatte, wie sein großes Vorbild iPod, nur einen Bedienknopf, über den fast alles gesteuert wurde. Leider hatte der BMW-Bordcomputer gleichzeitig eine Menüführung, die an frühe Versionen von MS-DOS erinnerte. Die meist älteren Käufer des rund 80.000 Euro teuren Gefährts mussten in ohnmächtiger Wut feststellen, dass sie mit iDrive nicht einmal mehr Bayern 2 reindrehen konnten.

Nicht mehr DOS - eher Windows

Das ist beim neuen BMW deutlich besser geworden. Es gibt mehr Direktwahl-Knöpfe, die Menüs haben kein Dos-Feeling mehr; so richtig intuitiv sind sie aber immer noch nicht. Nach vier Stunden an Bord rätselte ich immer noch, wie ich auf Playlists meines angeschlossenen iPod zugreife. In vielen der Menüs verliert man sich. Man könnte sagen: iDrive ist nicht Macintosh, sondern eher frühes Windows. Der Internet-Zugang ist eine herbe Enttäuschung. Zwar ist er tatsächlich "uneingeschränkt": Falls man es schafft, über den Drehregler eine Seitenadresse einzugeben, wird diese klaglos geladen - egal ob porsche.de oder daimler.de. Allerdings bleibt während des Ladevorgangs genügend Zeit, die Scheiben zu wienern, zu tanken oder ein wenig in der hoffentlich auf dem Beifahrersitz liegenden Zeitung zu blättern.

Denn der 7er braucht zum Aufbau einer Seite wie SPIEGEL ONLINE lockere zwei Minuten. Schuld ist die lahme Datenverbindung (Edge), die ungefähr so viel Kilobyte funkt wie jene 16 GSM-Handys, die Kimble Schmitz schon vor zehn Jahren in seinem Benz Spazieren fuhr. Zudem kennt der BMW-Browser weder Flash noch Ajax, kann also YouTube, Facebook oder Google Mail nicht vernünftig darstellen.

Erst Parken, dann Surfen

Der Web-Zugriff funktioniert außerdem nur im stehenden Fahrzeug. Warum eigentlich? Auf den ersten Blick ist diese Beschränkung einleuchtend; ansonsten stünde irgendwann bei SPIEGEL ONLINE vielleicht die Zeile: "Porno-Download bei Tempo 200: BMW-Fahrer rast in Leitplanke". Aber während das Internet gesperrt bleibt, lassen sich über die Funktion "BMW Online" auf der Autobahn problemlos Newsticker-Meldungen und Börsenkurse abrufen. Ist das etwa weniger gefährlich?

Auch nach Abschluss des quälend langen Ladevorgangs ist die Webnavigation im 7er eine Tortur. Das Mausen mit dem klobigen iDrive-Knopf macht keinen Spaß. Ein kleines Touchpad wäre sinnvoll gewesen. Oder gar eine ausklappbare Mini-Tastatur. Und wo wir gerade dabei sind: Ein moderner Webbrowser und ein E-Mail-Programm müssten auch ins Cockpit.

Auch im ersten Internet-Auto der Welt macht es folglich Sinn, einen Laptop mit UMTS-Karte auf den Beifahrersitz zu stellen. Einen Trost gibt es: Als Surf-Station ist der 7er zwar großer Mist, als Auto ist er hingegen fantastisch. Das sagt zumindest mein Kollege Tom Grünweg. Ich kann dies nur eingeschränkt beurteilen - denn ich verbrachte meinen Testtag aus Sicherheitsgründen vor allem auf dem Parkplatz.

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