Abwicklung einer Legende Die "Schwalbe" kommt nie wieder

Die "Schwalbe" war einst das zweirädrige Pendant zum Trabbi in der DDR. Auch im übrigen Osteuropa und in Asien hatte das Moped aus Simson Suhl einen exzellenten Ruf. Doch davon ist nicht viel übrig geblieben, die letzten Montagebänder werden abgebaut.


Das Ende eines Kultrollers: Ausflug mit "Schwalbe"
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Das Ende eines Kultrollers: Ausflug mit "Schwalbe"

Suhl - Damit haben sich auch die letzten Bemühungen des Zweirad-Ersatzteilhändlers Bernd Franke zerschlagen. Mit viel Mühe und Überredungskunst hatte der Zweirad-Ersatzteilhändler eine Investorengruppe zusammengetrommelt. Mit zunächst 20 Mitarbeitern, so der Plan, sollte eine kleine Produktionslinie wieder angefahren werden, die vor allem die Kunden in Osteuropa und Asien beliefern sollte.

"Simson-Produkte haben in Osteuropa und Asien einen guten Ruf. Daran wollen wir anknüpfen", hatte der Zwickauer angekündigt. Bei Erfolg wollte man die Produktion schrittweise steigern. "Ich bin realistischer Unternehmer und kein Fantast. Ich weiß, was Sanierung heißt", hatte der Zwickauer im Vorfeld immer wieder klargestellt.

Die Fertigung ruhte seit Herbst 2002. Wo in der DDR bis zu 200.000 Fahrzeuge pro Jahr aus den Montagehallen rollten, regierte in den vergangenen Monaten Unsicherheit bei den verbliebenen rund 90 Mitarbeitern. Bis zuletzt hatte auch der Betriebsrat nicht aufgegeben - Er entwickelte eigene Sanierungskonzepte, suchte den Dialog mit Banken und der Landesregierung.

Die "Schwalbe" von Simson - rund 60 Stundenkilometer schnell - verhalf dem Betrieb aus Südthüringen einst zu Weltruhm. Rollten die Wessis mit "Kreidler Florett" und "Zündapp Bella" durchs Wirtschaftswunder, so stand die "Schwalbe" für den Aufschwung im ostdeutschen Zweiradbau.

Nach der Wende eroberte sich das skurrile Gefährt rasch eine Fangemeinde auch im Westen. Bei Traditionsclubs und Vereinen genießt die "Schwalbe" inzwischen den gleichen Status wie Käfer oder Trabant.

Mit der Versteigerung bei Simson Suhl am Samstag geht nun eine mehr als 100 Jahre alte Tradition des Fahrzeugbaus in Südthüringen vermutlich für immer zu Ende. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts reicht die Tradition der Zweiradproduktion bei Simson zurück. Damals startete in dem von den Gebrüdern Simson gegründeten Betrieb die Fahrradproduktion. 1907 begann die Automobilproduktion. Besonders berühmt ist der Rennwagen Simson Supra.

Das erste Motorfahrrad - BSW 98 - rollte 1936 aus den Montagehallen in Suhl. Nach der politisch bedingten Emigration der Gebrüder Simson nahm der Betrieb auch die Produktion von Waffen auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich das Unternehmen wieder auf die Zweiradherstellung. Mehr als 300.000 Exemplare des Motorrades AWO 425 verließen die Fabrikationslinien. Anfang der 60er Jahre wurde die Motorradmontage zu Gunsten des Kleinkraftradbaus eingestellt. In den Folgejahren blühte die Produktion auf: Simson stand für Suhl wie Volkswagen für Wolfsburg.

Mit der politischen Wende in der DDR begannen zahlreiche Sanierungsversuche. Mehrere Investoren versuchten, die Produktion in Gang zu halten und Neuentwicklungen auf den Markt zu bringen. Im Sommer 2002 meldete der Zweiradproduzent erneut Insolvenz an.



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