Abwrackprämie Meinen Alten kriegt ihr nicht!

Kanzlerin, behalte dein Geld: Nicht alle Besitzer alter Pkw sind scharf auf die Abwrackprämie. Das hat mit Betriebswirtschaft zu tun, aber vor allem mit dem Herzen - drei SPIEGEL-ONLINE-Leser verraten, warum sie ihrem betagten Liebling die Treue halten.
Von Andrea Jonischkies

Für viele Autofahrer ist die Abwrackprämie verlockend: Wer sich ohnehin dringend einen Neuwagen wünscht, dem kommt der Verschrottungsbonus der Regierung von 2500 Euro gerade recht. Autohäuser locken bereits mit speziellen Abwrackangeboten.

So bietet etwa Peugeot den Kleinstwagen 107 ab 6900 Euro an, im Gegenzug behält der Händler die Prämie und regelt die Formalitäten. Den Fiat Panda gibt es dank Regierungsbonus-Ansporn ab 4990 Euro.

Eingeschworene Fans betagter Autos lassen derartige Angebote kalt. Sie lieben ihren olle Möhre, ihren rostigen Kleinwagen oder ihren edlen Youngtimer - und wollen sich um keinen Preis der Welt von ihrem Liebling trennen, schon gar nicht für mickrige 2500 Euro.

Drei von ihnen erklären auf SPIEGEL ONLINE, was sie von der Konjunkturmaßnahme halten - und warum sie sich nicht von ihrem guten Stück trennen werden:


Mercedes S124 E 250TD Baujahr 1996 "Er ist zuverlässig und verzichtet auf überflüssigen Schnickschnack"

Der Anreiz, mir einen neuen Wagen anzuschaffen, besteht für mich absolut nicht. Ich fahre meinen Mercedes-Benz E 250 TD (Erstzulassung am 23. Februar 1996) mittlerweile seit Dezember 2002.

335.000 Kilometer hat er bisher auf dem Tacho, bei 122.000 Kilometern habe ich ihn aus erster Hand erworben, im Schwäbischen natürlich.

Ich werde ihn möglichst lange behalten und sorgfältig pflegen - aus etlichen guten Gründen. Erstens: Die Mercedes-Baureihe W124 (meiner als Kombi ist das Baumuster S124) war der letzte richtige Benz. Er ist zuverlässig und scheinbar für die Ewigkeit gebaut.

Zweitens: Ich fahre den Wagen mit hundertprozentigem Rapsöl, um ihn fast CO2-neutral bewegen zu können. Der Verbrauch liegt bei moderaten 7,5 Litern auf 100 km. Drittens: Die Übersicht ist umwerfend! Die Sicht ist in alle Richtungen frei. Ich bin nicht gezwungen, durch Schießscharten zu schauen wie sie etliche moderne Pkw aufweisen.

Trotz der neuen Umweltzonen, daraus resultierender Fahrverbote und hoher Kfz-Steuer (zurzeit liege ich bei 431 Euro im Jahr) werde ich mich nicht von dem Wagen trennen. Er besitzt alles, was ich von einem Pkw erwarte: eine Klimaanlage, zwei Airbags, Automatikgetriebe, ABS, Tempomat, Ledersitze mit Sitzheizung und Memory-Funktion, Navigationssystem und so weiter - Komfort pur.

Ein weiterer Vorteil: Explosive Fahrleistungen kann mir mein Benz nicht bieten. Er benötigt fast 16 Sekunden auf 100 km/h, aber das ist mir egal. Dieser Wagen hat mich zur Ruhe erzogen und mir so manches Ticket erspart.

Ich möchte keine teuren und anfälligen Gimmicks

Ich halte die Abwrackprämie für einen durchsichtigen Versuch, die Automobilindustrie zu subventionieren, die die Entwicklung noch sparsamerer Motoren verschlafen hat. Steuern auf Salatöl (darüber lachen sich meine Verwandten in Italien regelmäßig kaputt) und Fahrverbote für Pkw, die keinen Feinstaub emittieren, sprechen eine deutliche Sprache.

Ich möchte keinen neuen Wagen, bei dem zuverlässige, kostengünstige Mechanik und Elektrik gegen teure und anfällige Elektronik-Gimmicks ausgetauscht wurden.

In der aktuellen Diskussion wird mangelndes Wissen seitens der verantwortlichen Politiker durch Lautstärke und Wiederholungen ersetzt. Dass ein neuer Pkw erst mal produziert werden muss, und dies wiederum äußerst umweltschädlich ist, wird auch gern vergessen.


Golf 2 Diesel, Baujahr 1985 "Alter Stinker ist ein klares Vorurteil; ich fahre umweltfreundlich"

Als Mitarbeiter des Naturschutzbunds und als Energieberater habe ich bei der Anschaffung des Wagens alle Aspekte genau abgewogen, und die decken sich im Wesentlichen mit den Gründen, weshalb ich an einer Verschrottungsprämie nicht interessiert bin.

Jenseits jeglicher Kosten

Meinen Golf 2 repariere ich selbst. Ersatzteile sind günstig im Internet oder auf dem Schrottplatz zu bekommen. Komme ich allein nicht weiter, gebe ich ihn in eine günstige freie Werkstatt. Es geht aber selten etwas kaputt. Gegen meine Stoßstange darf ruhig mal jemand gegen kommen, dafür ist sie ja da. Neue Wagen haben ja gar keine mehr!

Auch Kratzer im Lack und kleine Beulen stören mich wenig, mein Wagen befindet sich bereits jenseits jeglicher Wertminderung. Der damalige Kaufpreis für den Gebrauchten betrug vor vier, fünf Jahren 450 Euro, bislang habe ich circa 1500 Euro für Reparaturen und Ersatzteile bezahlt. Wenn ich das addiere und durch die Monate Fahrzeit teile, komme ich auf 36 Euro pro Monat.

Umweltschonend

Mein Golf verbraucht im Schnitt 6,0 Liter auf 100 Kilometer. Bei gemächlicher Autobahnfahrt liege ich unter fünf Liter und emittiere das, was erst für die Zukunft von den Autoherstellern gefordert wird, nämlich ziemlich genau 120 Gramm CO2 pro Kilometer. Alte Dieselmotoren (Wirbelkammer- und Vorkammerdiesel) produzieren bauartbedingt keinen Feinstaub, modernere Direkteinspritzer, die es seit Mitte der Achtziger gibt, schon.

Die derzeitigen umweltpolitischen Bemühungen sind in meinen Augen Bigotterie. Kapitalismus und Umweltschutz vertragen sich nun mal nicht; es wird aber so verkauft. Die Umweltbelastung bei der Herstellung eines Neuwagens ist so groß, dass ich sie nur dann ausgleichen könnte, wenn er einen Liter weniger verbrauchte als mein alter und ich ihn 20 Jahre führe - und zwar nur, wenn ich die Klimaanlage niemals einschalte. Von der Ökobilanz her ist es also besser, meinen alten Wagen so lange zu fahren, wie es geht.

Meine ganz persönlichen Beweggründe

"Na, wo steht denn dein kleines Schrottauto?", fragt mich meine Frau (deren moderner Fiat ständig defekt ist) gern. Das ist liebevoll gemeint. Man sieht dem Golf an, was er durchgemacht hat: Beulen, Rostecken und stumpfer Lack. Aber alles funktioniert, und ich könnte guten Gewissens morgen damit nach Südfrankreich aufbrechen. Einen Ölwechsel vorher, Kleinigkeiten überprüfen, ihm etwas Gutes tun. Ich bilde mir ein, dass er merkt, wie ich um ihn besorgt bin, und er dankt es mir. Er hat auch ein nettes Gesicht, sieht gutmütig aus. Der neue Golf hat etwas Aggressives. Als ginge es im Verkehr nicht schon aggressiv genug zu.

Gesellschaftlich ist man mit einem 24 Jahre alten Auto weit unten angesiedelt. Das ist einem entweder egal oder man steht voll dazu. Ich gebe zu, dass ich mir beim Vorfahren vor einem Hotel manches Mal etwas Repräsentativeres gewünscht habe. Aber sollte ich diesen Gedanken nicht besser mit einem Therapeuten besprechen als mit einem Autoverkäufer?


Porsche 924S Baujahr 1987 "Einen Schatz wie diesen steckt man nicht in die Schrottpresse"

Ich muss gestehen: Wenn ich von Abwrackprämien höre, fallen mir zuerst Bankmanager und Anreize zu Neuwahlen ein. An mir und meinem alten Porsche jedenfalls zielt die Abwrackprämie vorbei. Ich habe ihn mir nach langem Suchen sehr bewusst gekauft. Ich wollte Individualität und keinen verwechselbaren Klon, der mich von A nach B bringt.

Und obwohl mein Wagen schon mehr als 20 Jahre alt ist, liegt sein materieller Wert immer noch viel höher als die Abwrackprämie von 2500 Euro. Sein ideeller Wert ist sogar noch höher. Ich will diesen - diese Marke, dieses Modell, diese Farbe. So wie andere ihren Alfa Spider, HKT 7 oder Audi Ur-Quattro pflegen und lieben, so bestehe ich auf meinen Porsche 924S, Baujahr 1987.

Er hat eine Form, an der ich mich nicht satt sehen kann. Und bietet einen Fahrspaß, den ich in den Mietwagen, die ich hin und wieder fahre, nicht wiederfinde. Er ist ein Bekenntnis zum bewussten Autofahren. Und zum Auto als Design- und Ingenieurskunst. So wie Künstler aus minimalistischen Erwägungen schwarze Kleidung tragen, so fahre ich als Elektroingenieur ganz bewusst einen Youngtimer, der mir ein möglichst unverfälschtes Fahrerlebnis bietet. Nur so erhalte ich mir meine persönliche Idee und Vision vom Autofahren.

Strong Buy statt goodbye

Einen Schatz wie diesen wrackt man nicht ab und steckt ihn die Schrottpresse! Das wäre Verrat. Eine Sünde, die ich nach kurzer Zeit bereuen würde. Außerdem repräsentiert der Porsche 924 genau den Mut, der Porsche auch jetzt wieder gut stehen würde. Er war die Antwort auf die erste Ölkrise: ein sparsamer Vierzylinder, ein innovatives Transaxle-Konzept, das mit seiner Gewichtsverteilung für eine optimale Straßenlage sorgt - besonders im Winter. Und ein zeitlos schönes Coupé-Design. Ich würde ihn deshalb eher Porsche-Chef Wendelin Wiedeking vor die Tür stellen als ihn zum Schrottplatz zu bringen.

Wenn der Staat etwas für die Automobilindustrie tun will, dann sollte er unsere Großstädte beim Aufbau von Ladestationen für Elektroautos unterstützen. Der Effekt für die Umwelt wäre x-mal größer als jede Umweltzone. Mit den unvorhersehbaren Fahrverboten für fast neuwertige Dieselfahrzeuge in Umweltzonen, mit Ausnahmegenehmigungen für die Polizeistreifen, die die Umweltzone kontrollieren, und mit den Plänen für die Einführung aggressiver Ethanolbenzine hat der Staat eine Vertrauenskrise unter potentiellen Neuwagenkunden ausgelöst, die er nun mit Maßnahmen wie der Abwrackprämien heilen will. Es wäre am besten, wenn er sich einfach heraushalten würde.


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