Neues Crashtest-Verfahren Erschreckende Schwäche bei den Kleinen

Dass bei einem Unfall zwischen Klein- und Mittelklassewagen der Winzling den Kürzeren zieht, ist nicht überraschend. Wie hoch aber das Verletzungsrisiko in so einer Situation ist, zeigt ein neues Testverfahren des ADAC - und offenbart gleichzeitig die Schwächen des EuroNCAP-Crashtests.

Kompatibilitäts-Crashtest: Ein Renault Twingo kollidiert mit einem Barrierewagen
ADAC

Kompatibilitäts-Crashtest: Ein Renault Twingo kollidiert mit einem Barrierewagen


Es ist das zweite Crashtest-Ergebnis, das die Schwächen des EuroNCAP-Test offenbart. Erst kürzlich waren beim sogenannten Small-Overlap-Test des amerikanischen Insurance Institute for Highway Safety (IIHS) erschreckende Resultate erzielt worden. Bei dem Versuch im August prallte ein Wagen seitlich versetzt ein starres Hindernis. Von 13 Premium-Pkw haben nur die Marken Acura (Honda) und Volvo mit der Note "gut" abgeschnitten. Der Audi A4 und die Mercedes C-Klasse bekamen in dem Test hingegen die Noten "mangelhaft".

Ähnliche Erkenntnisse wurden auch bei Crash-Analysen des ADAC gewonnen. Jetzt hat der Autoclub die Ergebnisse des sogenannten Kompatibiliätstests veröffentlicht. Dabei untersuchten die Prüfer auch die Folgen bei einem Zusammenstoß zwei unterschiedlich schwerer Autos.

Dazu hat der ADAC einen Smart Fortwo, den Fiat 500, den Renault Twingo sowie einen Kia Picanto mit einem Barrierewagen zusammenprallen lassen, der einen durchschnittlich schweren Unfallgegner der unteren Mittelklasse (rund 1400 Kilogramm) simuliert.

Das Resultat ist erschreckend: Lebensbedrohliche Verletzungen durch hohe Brustbelastungen beim Fahrer kann einzig der Smart verhindern - obwohl er das kleinste und leichteste Fahrzeug im Test ist. Gründe dafür sind unter anderem eine optimierte Knautschzone, die sogar Motor und Hinterachse zum Energieabbau nutzen kann, sowie optimierte Rückhaltesysteme.

Groß und klein passen nicht zusammen

Bei allen vier Fahrzeugen liegen die Insassenbelastungen allerdings deutlich höher als beim Frontalaufprall nach EuroNCAP-Standard. Auf den Fußraum wirkende Kräfte verursachen im Fall der getesteten Autos schwere Beinverletzungen bei den Fahrern. Alle vier Fahrzeuge erhalten deshalb nur eine befriedigende Kompatibilität - damit ist das Zusammenwirken verschiedener Autos gemeint, die bei einem Unfall aufeinandertreffen.

Der Test zeigt: Hersteller müssen die Konstruktion ihrer Autos optimieren. Dazu seien bauliche Elemente sowohl bei kleinen als auch bei großen und schweren Autos in der Fahrzeugfront nötig, die die Energie gleichmäßiger auf die Fahrzeugbreite verteilen, so der ADAC. Knautschzonen zweier Unfallgegner könnten dann optimal genutzt werden.

Die Wechselwirkung unterschiedlich schwerer Fahrzeuge kann mit der bisher angewandten EuroNCAP-Testmethode nicht optimal gemessen werden. Denn: Nach EuroNCAP wird ein Unfall mit einem gleichschweren Fahrzeug simuliert. In der Realität prallen allerdings meist verschieden schwere Pkw mit unterschiedlicher Überdeckung aufeinander.

Die dabei wirkenden Kräfte werden dann aber oft nicht in die dafür vorgesehenen Bauteile weitergeleitet: Die Knautschzone des weicheren Autos ist bereits aufgebraucht, ehe das stabilere Auto anfängt, sich zu verformen. Die Knautschzone des größeren Autos bleibt dann ungenutzt.

rom/dapd



insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
rennflosse 13.09.2012
1. Immer teurer
Zitat von sysopADACDass bei einem Unfall zwischen Klein-, und Mittelklassewagen der Winzling den Kürzeren zieht, ist nicht überraschend. Wie hoch aber das Verletzungsrisiko in so einer Situation ist, zeigt ein neues Testverfahren des ADAC - und offenbart gleichzeitig die Schwächen des EURONCAP-Crashtests. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/adac-crashtest-kleinwagen-verliert-gegen-mittelklasse-a-855576.html
Wenn man meint, dass die Sicherheit heute schon recht hoch sei, wird ein neuer Test erfunden, der das Gegenteil beweist. Was folgt sind Forderungen an die Hersteller, ihre Fahrzeuge der neuen Testnorm anzupassen. Wir dürfen uns nun auf eine neue Modellflut freuen, die technisch noch aufwändiger und teurer werden wird als die bisherige.
wll 13.09.2012
2. Kein Titel
Ein 1.400 kg schweres Fahrzeug der unteren Mittelklasse? Das ist ja noch harmlos. Es wäre interessant, diesen Test einmal mit einem handelsüblichen Pseudo-Geländewagen durchzuführen. Denen begegnet man im für Kleinwagen besonders relevanten Stadtverkehr ja recht häufig. Und bei deren Parametern - bretthartes Chassis (z. T. Leiterrahmen), höhenversetzte Kraftwirkung bei der Kollision, Gewicht um die zwei Tonnen, deutlich größerer Motorblock - wird es dann richtig angenehm für die Insassen des Kleinwagens...
forenuser 13.09.2012
3.
Mich würde mal interessieren ob dieser Rammwagenaufsatz sich auch so verformt wie in Mittelklassewagen. Sieht mir irgendwie nicht so ddanach aus. Das gerät scheint mir viel zu starr und damit ungeeignet zu sein.
ChrisQa 13.09.2012
4. Entwicklung
Zitat von rennflosseWenn man meint, dass die Sicherheit heute schon recht hoch sei, wird ein neuer Test erfunden, der das Gegenteil beweist. Was folgt sind Forderungen an die Hersteller, ihre Fahrzeuge der neuen Testnorm anzupassen. Wir dürfen uns nun auf eine neue Modellflut freuen, die technisch noch aufwändiger und teurer werden wird als die bisherige.
Der Vorgang nennt sich Fortschritt. Als Fussgänger sind Sie froh, wenn Sie von einem neueren Fahrzeug auf die Hörner genommen werden, weil Sie höhere Überlebenschancen haben. Mit etwas Glück ist es sogar ein Modell, das alleine noch vor Ihrer Kniescheibe stehen bleibt, während der Fahrer mit seinem hinter ihm sitzenden Beifahrer gerade die Tagesplanung bespricht. Dass Autos immer sicherer werden müssen, ist eigentlich selbsverständlich. Teuerer müssen sie dabei nicht unbedingt werden, da intelligentere Konstruktionen mitunter sicherer und gleichzeitig billiger sind, siehe z.B. heutige Airbags, die nur auslösen, wenn an betreffender Stelle auch eine Person sitzt im Vergleich zu denen der späten 80er, die auchmal bei 'ner Bordsteinkante ausgelöst haben.
shadroe 13.09.2012
5. optional
In dem Fall bezahl ich gern mehr, wenn ich dafür die Sicherheit habe, dass ich bei einem Unfall mit einem Kleinwagen, den am besten noch der Fahranfänger mit Papas Q7 verschuldet hat, einigermaßen heil raus komm...
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