ADAC-Skandal Der unheimliche Verein

Tag für Tag gibt es neue Erkenntnisse über die zweifelhaften Geschäftspraktiken des ADAC. Endlich. Denn die Macht des Unternehmens in der Verkleidung eines Vereins war schon seit langem beängstigend.

Abgehoben: ADAC- Präsident Meyer (rechts) und Ex-Eurocopter-Chef Lutz Bertling
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Abgehoben: ADAC- Präsident Meyer (rechts) und Ex-Eurocopter-Chef Lutz Bertling

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Der ADAC, das ist seit Jahrzehnten das gute Gefühl, bei einer Panne nicht auf der Strecke zu bleiben. Der ADAC war aber auch immer das ungute Gefühl, dass sich hinter den gelben Engeln, die bei einem Defekt anrücken, etwas Unheimliches verbirgt.

Aber wieso wirkt dieses Gefühl so bekannt? Ach ja, es gibt einen Konzern, der ganz ähnlich funktioniert wie der Automobilclub: Google. Jede Menge nützliche Dienste im Angebot, aber gleichzeitig eine Machtfülle und Monopolstellung, der die Nutzer ausgeliefert sind. Wer die Dienste in Anspruch nimmt, liefert sich aus: Google macht durch seine Nutzer gigantische Geschäfte, der ADAC missbraucht die Masse seiner Mitglieder für eine Politik im eigenen Sinne.

Dem ADAC gehören 19 Millionen Menschen an. In gewisser Weise ist er die größte Volkspartei Deutschlands, nur ohne demokratische Kontrolle. Da überrascht es nicht und verstört doch, dass der Club auch immer wieder in politische Debatten eingreift. Der ADAC gibt sein Votum zu Fragen wie dem Tempolimit, Pkw-Maut oder der Entfernungspauschale ab, im Namen der Autofahrer, wie der Verein stets behauptet. Aber ob das tatsächlich so ist und nicht die Mitglieder in entscheidenden Fragen ganz anderer Meinung sind, weiß niemand so genau.

Die "Motorwelt" ist das Parteiprogramm des ADAC

Das an die meisten Mitglieder verschickte Magazin "ADAC Motorwelt" ist mit 13,8 Millionen gedruckten Exemplaren das auflagenstärkste Printprodukt Europas. Firmen fürchten und lieben die Publikation zugleich, positive oder negative Testergebnisse können das Schicksal ganzer Produktlinien entscheiden. Wenn es um die Bewertung von Autothemen geht, genießt das Urteil des ADAC ein ähnliches Vertrauen wie das der Stiftung Warentest. Oder, anders gesagt: Was der ADAC sagt, ist Gesetz.

Der ADAC-Führung ist das offenbar zu Kopfe gestiegen, sie hat sich, zumindest in Teilen, auf die dunkle Seite der Macht begeben. Ein Kommunikationschef, der über Jahre hinweg die Mitgliederstimmen zum Wahl des "Gelben Engel" frisiert. Ein Präsident, der Rettungshubschrauber für Dienstreisen nutzt. Ein Bereichsleiter, der im Hintergrundgespräch kein Problem darin sieht, wenn der ADAC bei Tests auch Produkte bewertet, die er selbst vertreibt. Der ADAC hat sich scheinbar ein eigenes Reich mit eigenen Regeln geschaffen. Ramstetter mag weg sein, doch das Grundproblem des ADAC ist dadurch nicht weg.

Der ADAC in diesen Tagen ist das gute Gefühl, dass das ungute Gefühl beim ADAC keine Einbildung war. Es ist jetzt keine vage Ahnung mehr, es gibt konkrete Hinweise auf Machtmissbrauch. Zum ersten Mal bröckelt die Mauer des Schweigens und gibt den Blick frei auf die Selbstherrlichkeit der Führungsriege. Die scheint den Regeln der restlichen Welt so entrückt, dass weitere Enthüllungen keine Überraschung, aber wünschenswert wären.

insgesamt 99 Beiträge
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PaulJanes 24.01.2014
1. wohl demokratrisch kontrolliert!
Der ADAC unterliegt dem Vereinsrecht und ist damit genauso demokratisch kontrolliert wie die politischen Parteien auch. Es gibt beim ADAC Mitgliedervesammlungen, bei denen man den Vorstand abwählen kann. Genau so wie in der Politik auch. Ansonsten muß die Arbeit des ADAC jeder für sich lebst bewerten. Für mich war die Seriösität des Ladens vorbei, als er wider besseren Wissens behauptet hatte, unter 7°C würden Winterreifen besser auf der Straße haften. Schon damals hatte der die Leute jahrelang belogen. Die Reifenindustrie wird ordentlich daran verdient haben. Das ist für mich viel skandalöser als diese komische Strimmenmanipulation. Denn wen interressiert schon der "Gelbe Engel"? Scheinbar niemanden. (-; Mich wundert, daß der SPIEGEL schon lange den ADAC nicht mehr groß unter die Lupe genommen hat. Scheibar sind SPIEGEL-Redakteure auch ADAC-Mitglieder, wie?
rumpelstilzchn 24.01.2014
2. Nein, ich bin beileibe kein ADAC-Fan,
und der "Auto-Darf-Alles-Club" war mir als verkleidete Lobby-Organisation wie auch als Wirtschaftsunternehmen in dem dargestellten Sinn schon immer ungefähr so sympathisch wie die Scientology-Kirche. Aber immer konnte der Club sich des Wohlwollens der "schwarzen" und "gelben" Politiker sicher sein. Warum nun plötzlich nicht mehr? Warum wird ausgerechnet jetzt genau hingeschaut, wo es doch schon vorher jede Menge Gründe gegeben hätte? Das wird doch wohl nicht mit der Kritik des Vereins an den Mautplänen der CSU zu tun haben?? Sicherlich jedoch tut es denen jetzt schon wieder leid, wenn sie da den Whistleblower gemacht haben - denn nun gucken noch viel mehr Leute noch viel genauer hin, wie es sich mit dem Club so verhält. Mir soll's recht sein, wenn dem Popanz die Luft rausgelassen wird, wenn der Club sich auf seine "Kernkompetenz" besinnt, guten Service leistet und sich aus den ganzen verfilzten Interessenverbänden rauszieht. Vielleicht fällt ja der Filz hier und da dann auseinander. Das wäre ein Fest!
isoprano 24.01.2014
3.
Wer hat denn schon die Pannenstatistik vom ADAC ernst genommen? Ich finde die Gelben gut, viel Leistung für wenig Geld. Schwarze Schafe gibt's in jedem Unternehmen... ich wette auch beim Spiegel.
hbblum 24.01.2014
4. Ist das nicht....
Zitat von sysopDPATag für Tag gibt es neue Erkenntnisse über die zweifelhaften Geschäftspraktiken des ADAC. Endlich. Denn die Macht des Unternehmens in der Verkleidung eines Vereins war schon seit langem beängstigend. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/adac-skandal-die-unheimliche-macht-des-automobilclubs-a-945372.html
...langsam ein bisschen dick aufgetragen? Wer liest denn die Motorwelt eigentlich? Diese komischen Autotests die total nichtssagend sind? Oder die Flussschiff- und Treppenliftwerbung? Also bei mir landet das Blatt regelmäßig direkt im Altpapier. Gut ich gebe ja zu, ich könnte ja schon mal Protest anmelden, wenn der ADAC in meinen Namen Dinge fordert, die ich eigentlich gar nicht unterstütze. Aber wenn SPON hier jetzt schon die schweren Geschütz auffahren, was ich ja auch gar nicht schlimm finde, dann sollte SPON vielleicht einfach mal aufhören, den ADAC bei den einschlägigen Diskussionen dauernd zu zitieren. Das währe doch mal ein Anfang.
w220 24.01.2014
5. und dann noch die regionale gliederung in GAUE ...
... und das 70 jahre nach der finalen diskreditierung dieses begriffs durch die braunen mordbuben, zeigt doch die ganze selbstherrliche arroganz dieses undurchsichtigen ladens.
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