Aggression im Straßenverkehr Rad ab!?

Von Jens Tanz
Radfahrer überquert in Köln eine Straße (Symbolbild)

Radfahrer überquert in Köln eine Straße (Symbolbild)

Foto: Henning Kaiser/ picture alliance / Henning Kaiser/dpa

Fahrradfahrer waren immer schwächer als Autofahrer. Daraus leiten sie offenbar das Recht ab, Verkehrsregeln zu brechen - wie in dieser sonderbaren Begegnung.

Es ist dunkel, es regnet, und die Konturen der anderen verwischen hinter den Schlieren auf der Scheibe. Als ich noch täglich mit dem Fahrrad zur Lehrstelle oder zur Uni fuhr, war ich bei so einem Wetter alarmiert. Autofahrer konnten einen schlicht nicht sehen. Innenstadt-Vorfahrthaber, die sich permanent im Recht wähnten, entwickelten sich zu gefährlichen Feinden in massiven Burgen. Also fuhr ich umsichtig, passiv und ließ den Blechkisten häufiger mal den Vortritt, man hängt ja an seinem Leben.

Auto-Blog "Fahrtenbuch"
Foto: Joy Kroeger

Wir bewegen Autos und das bewegt uns. Unser Leben auf Rädern ist eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, viele nichtig, andere wichtig und erzählenswert. Jens Tanz haben diese besonderen Momente im Mobil schon immer so fasziniert wie die Autos selbst. Von seinen liebsten Episoden, seinen Beobachtungen des Autoalltags erzählt Tanz in diesem Blog.

An einem Abend mit genau diesem Schietwetter fuhr ich so umsichtig Auto, wie ich damals auf meinem Fahrrad gefahren bin. Noch aus dem Augenwinkel sah ich beim Abbiegen einen schwarzen, unbeleuchteten Schatten über die rote Fußgängerampel auf mein Auto zurasen.

RUMMS!

Ich hielt sofort an und sprang hilfsbereit aus meinem Wagen heraus. Doch was sahen meine regennassen Augen? Einen auf Krawall gebürsteten jungen Mann mit Wachsjacke und Strickmütze, der sich geschickt wieder auf die Beine stellte, nachdem er mir in die hintere Tür getreten hatte. Sein Fahrrad mit erhöhtem Rahmen und erhöhtem Lenker lag theatralisch auf der Straße. Dabei war er es, der ohne Licht über eine rote Ampel gefahren war.

Sporthelmträger brechen sämtliche Verkehrsregeln

Während ich noch versuchte, das alles zu verstehen, bemerkte ich, dass der Gute ununterbrochen auf mich einschrie. Seine nicht zitierfähigen Sätze wirkten ebenso einstudiert wie seine verletzungsfreie Rolle über mein Auto. Passanten kamen langsam näher, erste Autos hupten, weil meines noch immer mit Warnblinker auf dem dunklen Abbieger stand. Ich ging mit friedlich ausgebreiteten Armen auf ihn zu und rief ihm in angemessener Lautstärke ins Gedächtnis, dass er rasend schnell bei Dunkelheit ohne Licht über eine rote Ampel gefahren war und ich ihn gar nicht sehen konnte! Als Antwort erhielt ich Satzfragmente wie "… auf die Fresse" oder "… krieg dich noch!" in meine nassen Ohren. Ein gut gebauter Mittfünfziger stieg aus seinem 7er BMW aus und fragte: "Gibt's ein Problem?" Dann stieg der Kamikaze-Pilot auf sein Rad und setzte seine Fahrt schnell fort, weiterhin unbeleuchtet, schimpfend und laut fluchend.

Ich bedankte mich bei dem BMW-Fahrer für seinen Beistand und stieg tropfnass zurück in mein Auto. Was war denn das? Werden die Innenstädte heimgesucht von Selbstmord-Pedalierern? Leben wir Autofahrer gefährlich? Immer mehr gehetzte Fahrradkuriere und Sporthelmträger brechen sämtliche Verkehrsregeln und fühlen sich dabei im Recht. Weil sie ja die armen Fahrradfahrer sind. Vielleicht sollte ich selbst mal wieder Fahrrad fahren und mir ein Bild von der "anderen Seite" machen? Die noch immer vorhandene Beule in der Tür wird mich täglich daran erinnern….