Technikinnovationen im Landbau Nie wieder bücken!

Mähmaschinen mit Autopilot, Trecker mit Elektroantrieb: Die Landbau-Fachmesse "Agritechnica" beschäftigen ähnliche Themen wie die Autobranche - mit größerer Wirkung: Neue Technologien wie Jätroboter könnten das Pestizidproblem lösen.

Naio

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Gemüsebauer könnten schon bald ihre Knie schonen, und das liegt an "Dino". So nennt die französische Firma Naïo Technologies ihren neuen Unkrautjäteroboter, der mit Hilfe von GPS-Signalen, diversen Kameras und künstlicher Intelligenz das mühselige Unkrauthacken auf Gemüsefeldern vollautomatisch erledigt. Und zwar nicht nur zwischen den Pflanzenreihen, sondern auch zwischen den einzelnen Salatköpfen, Paprika- oder Knoblauchpflanzen. "Dino" ist jedoch nicht nur orthopädisch ein Gewinn, sondern auch ökologisch. Denn wenn ein Roboter das Unkraut mechanisch unschädlich macht, kann der Bauer aufs Giftspritzen verzichten.

Der Hightech-Apparat - einer von insgesamt 40 Gewinnern eines Innovationspreises der Fachmesse "Agritechnica" (10. bis 16. November) - steht exemplarisch für den Trend in der Landwirtschaft: Digitale Technologien sollen die bäuerliche Arbeit in Zukunft effizienter und naturverträglicher zugleich machen. Zu sehen ist das jetzt auf der alle zwei Jahre in Hannover stattfindenden Leitmesse der Agrarbranche. Mehr als 2750 Aussteller zeigen dort ihre Neuentwicklungen, von der Dünge-App bis zum Raupentraktor, vom Jäte-Roboter bis zum Highend-Mähdrescher.

Digitalisierung, Automatisierung, Elektrifizierung und Vernetzung - was man aus der Autobranche und anderen Industrien kennt, prägt auch die Entwicklung in der Landwirtschaft. Einerseits sind die Anforderungen an die Landtechnik sogar nochmals komplexer, weil es hier um autonomes Arbeiten unter oft schwierigen Bedingungen im Außeneinsatz geht. Andererseits gibt es auf Feld und Acker weder Fußgänger noch Gegenverkehr, weder Ampeln noch Vorfahrtregeln, und das erleichtert wiederum die Automatisierung erheblich.

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Technikinnovationen im Landbau: Hightech vom Hof

Die Technik der Natur anzupassen ist dringend notwendig. Viele Herstellerfirmen haben das erkannt, so dass mittlerweile sogar Missstände wie die Überdüngung oder das Kardinalproblem Klimawandel die Hochtechnisierung der Landwirtschaft befördern. Hans-Werner Griepentrog, Professor am Institut für Agrartechnik der Universität Hohenheim, sagt: "In der Vergangenheit wurde einiges übertrieben, darunter auch der Pestizid-Einsatz. Neue Technologie kann dabei helfen, diese Fehlentwicklungen zu korrigieren." Wie das funktioniert? Zum Beispiel durch Jäte-Roboter, die den Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln überflüssig machen. "Robotik hat insofern auch etwas mit Ökolandbau zu tun", sagt Griepentrog.

Roboter düngen sparsamer

Auch bei der Düngung kann Technologie künftig helfen, die ebenso weitverbreitete wie fatale Strategie "viel hilft viel" zu beenden. Zumal das bislang übliche Verfahren, Dünger einfach auf Feld oder Acker zu streuen, immer öfter ohne Wirkung bleibt. Der Grund sind die zunehmenden Trockenperioden. Denn wenn der Regen den Dünger nicht auflöst und in die Erde einsickern lässt, haben die Pflanzen nichts davon. Mit neuen, hochautomatisierten Düngemaschinen lässt sich jedoch der Boden zwischen den Pflanzenreihen gezielt öffnen und dort das Düngemittel einbringen. Die Bodenfeuchte unter der Oberfläche reicht dann aus, um die Nährstoffe für die Pflanze verfügbar zu machen. Allerdings funktioniert das nur mittels Hightech-Maschinen, die ein zentimetergenaues Arbeiten und eine bedarfsgerechte Düngerdosierung gewährleisten.

Bei den meisten Innovationen, die auf der Agritechnica gezeigt werden, geht es im Kern um ausgefuchste Sensorik. Kameras können erkennen, in welche Richtung die Getreidehalme abgeknickt sind und den Mähdrescher entsprechend steuern; Laserstrahlen ermitteln exakt, wo Rebstöcke oder Salatköpfe wachsen und lassen das Arbeitsgerät präzise daran vorbeirollen; Radarsensoren, Hyperspektralsensoren oder Laserscanner ermitteln permanent die Feuchte, Dichte oder Zusammensetzung des Bodens, um Säh-, Dünge-, Bewässerungs- oder Erntemaschinen darauf einzustellen. "Die Digitalisierung ist der alles beherrschende Trend in der Landwirtschaft. Aber vieles von dem, was angekündigt wird, ist noch Zukunftsmusik. Zunächst geht es erst einmal darum, die Unmengen von anfallenden Daten zu erfassen und auszuwerten, um sie dann wieder für die Technik nutzbar zu machen", erklärt Griepentrog.

Warum mehr Maschinen auch mehr Natur bedeuten können

Noch also lässt sich die Big-Data-Ernte nicht einfahren, doch der Trend zum "precision farming", also zu einer datenbasierten Landwirtschaft, ist deutlich sichtbar. Möglicherweise führt dies auch zu "mehr Biologisierung anstelle von mehr Industrialisierung", wie Griepentrog es formuliert. Etwa wenn anstatt eines Mähdreschers mit einer Schnittbreite von bis zu 10 Metern mehrere kleinere Mähroboter zum Einsatz kämen. Dann könnten Felder wieder natürlicher werden, mit Bäumen, Tümpeln oder Hecken zwischendrin, um die Biodiversität zu erhöhen. Gigantische Maschinen lohnen sich nur auf hektargroßen, möglichst glatten Flächen. Kleine und automatisch agierende Maschinen, deren künstliche Intelligenz das Gelände exakt kennt, kommen überall zurecht. Landschaftsschutz durch Hightech sozusagen - ohne Ertragseinbußen für den Landwirt.

Aktuell jedoch, auch das wird auf der Agritechnica deutlich, gibt es auch abseits der Digitalisierung noch erheblichen Innovationsbedarf. Ab dem 1. Januar 2020 etwa müssen alle neue Traktoren die Abgasgrenzwerte der Stufe V einhalten, bislang galt das nur für die größeren Modelle ab 130 kW Leistung (175 PS). Das erfordert Abgasnachbehandlungssysteme - was zugleich alternative Antriebe für Traktoren attraktiver macht. Dazu passen zwei Weltpremieren auf der Agritechnica: Der erste serienreife Trecker mit Gasantrieb des US-Unternehmens New Holland, und der erste serienreife Elektro-Bulldog des Schweizer Herstellers Rigitrac.

Wenn der Traktor nur noch säuselt

"Elektrische Antriebe werden auch in der Landtechnik immer wichtiger", sagt Roger Stirnimann, Traktorexperte und Dozent für Agrartechnik an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften im Schweizerischen Zollikofen. "Die Herausforderungen sind jedoch größer als bei Autos, denn auf Feld und Acker müssen hohe Leistungen über lange Zeiträume erbracht werden. Und Rekuperationsphasen wie im normalen Straßenverkehr, in denen beim Ausrollen, Bergabfahren oder Verlangsamen vor Kurven elektrische Energie zurückgewonnen wird, gibt es so gut wie gar nicht."

Der zweite große Trend bei den Traktoren sind sogenannte Raupenfahrwerke, wie man sie etwa von Baggern kennt. Es wirkt, als wachse kein Halm mehr, wo so ein Ungetüm darüber gerollt ist - doch das ist ein Irrtum. Traktor-Spezialist Stirnimann: "Raupenfahrwerke bieten eine höhere Traktion bei zugleich geringerem Bodendruck, weil sich das Fahrzeuggewicht auf eine größere Fläche verteilt." Und natürlich wird auch der klassische Trecker mehr und mehr zum Zentralcomputer für alle möglichen Anbaugeräte. Fachleute sprechen von TIM, das Kürzel steht für "Tractor Implement Management" und meint das System aus Hightech-Trecker und dem daran angedockten Hightech-Arbeitsgerät.

Die Branche macht glänzende Geschäfte

Ob feine Sensorik oder rustikaler Maschinenbau - die Branche profitiert in jedem Fall von der hohen Innovationsgeschwindigkeit und der Investitionsbereitschaft vieler Landwirte. Letztere hat ihren Grund unter anderem an einer "wertmäßig erstaunlich robusten Performance" von Milch und Weizen, wie der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) im Vorfeld der Agritechnica mitteilte. Für die Hersteller von Landwirtschaftstechnik sind das gute Nachrichten. Der VDMA prognostiziert für dieses Jahr einen Umsatz von 8,4 Milliarden Euro. "Wir werden das Jahr mit dem zweithöchsten Branchenumsatz aller Zeiten abschließen", heißt es unter der Überschrift "Abkühlung, aber kein Weltuntergang". Vielleicht sollten auch die Formulierungen wieder mehr an die Fakten angepasst werden.

Zusammengefasst: Digitalisierung und Automatisierung haben nach der Auto-Branche auch die Agrarwirtschaft erfasst. Dort könnten technische Innovationen wie Jätroboter oder neuartige Düngemaschinen dank modernster Sensor-, und Radartechnik viele Probleme industrieller Landwirtschaft lösen - und ökologisch sinnvolleren Anbau von Lebensmitteln ermöglichen.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Augustusrex 09.11.2019
1. Fantastische Möglichkeiten
Leider sind viele der Maschinen so groß und damit sicher auch so teuer, dass der Einsatz nur für Riesenfelder von Großagrariern lohnend und wirtschaftlich sein wird. Wenn ich so bedenke, wie noch in meiner Kindheit die Bauern die Getreideernte einbrachten. Das ging los mit dem Mähbinder. Der wurde meist schon von einem Zetor-Traktor gezogen, manchmal aber auch von den Pferden. Der hat das Getreide geschnitten und zu Garben gebunden. Diese wurden mit der Hand zu Puppen aufgestellt, damit das Getreide nicht feucht wurde. Dann wurden die Garben auf die Pferdewagen geladen, natürlich mit der Hand. Die Fuhre wurde in den Ort zur Dreschmaschine gefahren. Die arbeitete in der Saison bis tief in die Nacht um das Getreide auszudreschen. Das Stroh wurde zu Ballen gepresst, die Spreu wurde in den geschlossenen Spreuwagen geblasen. und das Getreide wurde in Säcke abgefüllt. Das typische Geräusch der Dreschmaschine habe ich heute noch in den Ohren. Diese Maschine wurde am Anfang vermittels eines Transmissionsriemens von einem Lanz-Bulldog angetrieben. Später dann hatte sie einen Elektromotor. Natürlich waren viele Menschen an der Maschine beschäftigt. Für uns als Kinder war das Ganze aufregend. Wir durften mithelfen und wurden auch von den Erwachsenen akzeptiert. Später dann kamen die ersten Mähdrescher und der Spaß war vorbei. Es ist schon toll, um wieviel einfacher das heute alles geht und wieviel leichter das für den Landwirt geworden ist.
frenchie3 09.11.2019
2. @1 Erlauben Sie zu Widersprechen
Zu teuer? Alles relativ. Da man das Unkraut rupfen, im Gegensatz zur Ernte, nicht ungefähr zum gleichen Zeitpunkt machen muß wie der Feldnachbar können hier mehrere Landwirte in eine Maschine investieren. Auch Verleihfirmen kommen mit geringeren Investitionen aus als beispielsweise bei Mähdreschern. Vom ökologischen Standpunkt ohnehin top. Wo kann ich "gefällt mir" antippen?
damianschnelle 09.11.2019
3. Da
Da hört sich erst mal vieles toll an und ist sicher auch für die Effizienz gut. Nur werden die Geräte immer größer und schwerer. Die Auswirkungen sind auf den Feldern zu sehen und die Straßen rund um die zu bearbeitenden Felder sind dafür nicht ausgelegt und werden so binnen weniger Jahre zerstört. Auf den Kosten bleiben die Straßenbaulastträger sitzen. Die großen Landwirtschaftsbetriebe interessiert das nicht im geringsten.
frenchie3 09.11.2019
4. @3 Wenn das auf dem Foto
der Apparat ist dürfte das Gewicht maximal das eines Mittelklassewagens sein. So der überhaupt auf die Straße dürfte und nicht auf einem Hänger oder hinter den Traktor muß. Ich vermute jetzt mal daß man auf dem gesamten Straßennetz nicht mehr davon finden wird als Autos in einer Kleinstadt. Das bißchen Schaden für die Straßen gegen den Umweltschutz gerechnet, wie wird das wohl ausgehen?
Augustusrex 09.11.2019
5. Ja gut,
Zitat von frenchie3Zu teuer? Alles relativ. Da man das Unkraut rupfen, im Gegensatz zur Ernte, nicht ungefähr zum gleichen Zeitpunkt machen muß wie der Feldnachbar können hier mehrere Landwirte in eine Maschine investieren. Auch Verleihfirmen kommen mit geringeren Investitionen aus als beispielsweise bei Mähdreschern. Vom ökologischen Standpunkt ohnehin top. Wo kann ich "gefällt mir" antippen?
natürlich ist Verleih möglich, aber was machen Sie mit der Größe der Maschinen wenn Felder in Handtuchgröße zu bearbeiten sind? Der Unkrautzupfer ist ja noch eines der kleineren Geräte hier.
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