Dobrindts Diesel-Rettungsaktion Der Nachrüstungsminister

Verkehrsminister Dobrindt plant eine Nachrüstaktion für Dieselautos. Damit will er verhindern, dass in Innenstädten Fahrverbote verhängt werden - und Fahrzeuge mit Selbstzündern zur Ramschware werden.
Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU)

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU)

Foto: Bernd von Jutrczenka/ dpa

Die deutschen Autohersteller verkünden in ihren Jahresbilanzen reihenweise imposante Gewinnzahlen. Doch der Schein trügt: Denn die Stimmung in den Chefetagen ist alles andere als gut. Grund dafür sind die Dieselautos - die Hoffnungsträger von einst sind zu Sorgenkindern geworden. Alle Befürchtungen über den Imageverlust der Selbstzünder finden sich in einer Studie wieder, die im Bundesverkehrsministerium unter Verschluss liegt.

Die Analyse prognostiziert einen heftigen Einbruch der Wiederverkaufswerte der Dieselautos für den Fall, dass großflächig Fahrverbote in den deutschen Städten eingeführt werden. In Hamburg und Stuttgart könnten solche Sperrbezirke für viele Dieselfahrzeuge schon bald Realität werden. Der Wertverlust der PKW würde nicht nur Privatbesitzer treffen, sondern die Hersteller ganz unmittelbar: Sie fürchten die Rückgabe großer Leasing-Flotten. "Am Ende wird man uns die Dinger doch auf den Hof stellen, und wir müssen sie dann billig nach Afrika verramschen", heißt es aus dem Management eines deutschen Premiumherstellers.

Bislang tat Verkehrsminister Alexander Dobrindt so, als würde ihn die Sorge der Autoindustrie über diese unaufhaltsame Entwicklung nicht interessieren. Die Kommunen könnten das doch selber regeln, ließ er verlauten. Doch nach Informationen des SPIEGEL ist hinter den Kulissen seines Ministeriums plötzlich Hektik ausgebrochen. Angestachelt von den ängstlichen Autobossen will Dobrindt die Fahrverbote verhindern und scheucht seine Beamten nun auf, nach Auswegen zu suchen.

Seine Überlegungen: Durch eine riesige Umrüstaktion sollen Dieselautos mit Euro-Norm 5 sauberer gemacht werden.

So aufwendig wäre eine Nachrüstung

Schon in der kommenden Woche könnte er damit an die Öffentlichkeit gehen. Eile ist geboten, bevor sich andere mit einer Lösung für Autofahrer und Industrie schmücken. Sein Verbündeter ist der Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) und dessen Präsidenten Matthias Wissmann, der händeringend nach einem Masterplan auf Bundesebene sucht. Allerdings sind wichtige Details noch nicht geklärt: Unter anderem steht noch gar nicht fest, wie die Wagen nachgerüstet werden sollen.

Im Gespräch ist derzeit eine Softwarelösung, die nach Schätzungen der Bundesregierung mit 150 Euro pro Fahrzeug zu Buche schlagen dürfte. Der Ausstoß giftiger Stickoxide soll bei den Dieselautos damit um mehr als die Hälfte reduziert werden - und im Gegenzug dann die Fahrverbote fallen.

Das Vorhaben ist nicht nur verwaltungsrechtlich extrem ambitioniert, sondern auch technisch. Experten wie Stefan Carstens zweifeln solche Lösungsversuche an. Carstens leitet Seminare und Weiterbildungen zum Thema Abgasreinigungssysteme. Seiner Einschätzung nach ist die Lage kompliziert: Der Dieselmotor, sagt er, werde nur dann sauberer, wenn die Abgasrückführung (AGR) im Stadtverkehr häufiger zum Einsatz komme. Das gelte sowohl für Autos mit Speicher-Katalysatoren - die den überwiegenden Teil des Bestands ausmachen -, als auch für Fahrzeuge mit SCR-Systemen.

Wird das Abgas im Motor häufiger zurückgeführt, schafft das jedoch neue Probleme: Die Systeme müssten einen größeren Außentemperaturbereich abdecken. Genau das wird bei vielen Fahrzeugen aber durch die sogenannten Thermofenster verhindert, die die Systeme teils schon bei Außentemperaturen von unter 17 Grad deaktivieren. Um die AGR auch bei niedrigeren Temperaturen einzusetzen, würde ein Softwareupdate zunächst reichen. Doch die Hersteller fürchten dann Schäden am Motor.

Beim Einsatz der Abgasrückführung bei kälteren Umgebungsbedingungen, erklärt Carstens, neigen die Systeme zur Versottung und Filmbildung. Das heißt, an den Innenrohren des AGR-Systems und am AGR-Ventil lagern sich Kondensate aus Kohlenwasserstoff- und Schwefelverbindungen ab. Dadurch verschlechtert sich die Kühlfunktion und damit der Wirkungsgrad des Motors - er verbraucht mehr Sprit. "Schlimmstenfalls könnten die Ablagerungen und Kondensate sogar in den Motortrakt gesaugt werden", sagt Carstens. Der Motor könnte leiden oder sogar ausfallen.

Neben einem Softwareupdate müsste deshalb zusätzlich neue Hardware ins Auto: Größere Kühler für die rückgeführten Abgase wären notwendig, zudem müsste die Rohre besser geschützt werden, um Ablagerungen zu verhindern. Dies könne beispielsweise durch eine Innenbeschichtung erfolgen.

Die Kosten für diesen Umbau lassen sich nur grob schätzen, Carstens rechnet mit zusätzlichen Teilekosten ohne Aus- und Einbau von etwas mehr als 200 Euro. Das Problem: "Solche Nachrüstlösungen befinden sich gerade erst in der Entwicklung und haben noch keine Serienreife."

Ein grüner Ministerpräsident treibt Dobrindt vor sich her

Ob die Abgasreduzierung also wirklich bei jedem Fahrzeug erreicht wird, ist noch nicht klar. Vor diesem Hintergrund erwecken die Überlegungen Dobrindts vor allem den Eindruck, dass der CSU-Mann sich in Sachen Dieseltechnologie politisch wieder in Führung bringen will.

Denn bislang war es vor allem der grüne Ministerpräsident Baden-Württembergs, Winfried Kretschmann, und dessen Verkehrsminister, der ganz nach seiner grünen Pragmatik mit der Industrie an einer Lösung für das drängende Problem bastelt.

Schon in dieser Woche wollte Kretschmann eigentlich einen großen Durchbruch mit der Autoindustrie verkünden, doch dann machte der VDA einen Rückzieher. Man müsse die im Raume stehende technische Lösung noch prüfen, hießt es dort. Auch Umweltschützer wie Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) forderten, die angedachte Lösung müsse technisch verfeinert werden.

Auf der Frühjahrskonferenz der Umweltminister von Bund und Ländern im brandenburgischen Bad Saarow stand das Thema am Freitag ebenfalls an oberster Stelle. Auch hier wurden Nachrüstungen gefordert. Der Bund solle sich bei den Herstellern "für eine technische Ertüchtigung von Diesel-Fahrzeugen in der gesamten Breite der Flotte" einsetzen, heißt es in einem vorläufigen Ergebnisprotokoll. "Da sind die Hersteller in der Pflicht, tatsächlich nachzurüsten", sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Die Konferenz schlug vor, dass ein Ausgleichs- und Entschädigungsfonds geprüft werde.

Und wer bezahlt?

Letztlich stehen alle Politiker vor dem gleichen Problem: Wie soll die Nachrüstung umgesetzt werden? Ist dafür erst einmal eine Lösung gefunden, stellt sich noch eine viel heiklere Frage: Wer soll das bezahlen?

Die Autoindustrie will nicht allein auf den Kosten sitzen bleiben und spekuliert auf staatliche Unterstützung. Doch sollten die Steuerzahler die Rechnung für das Versagen der Hersteller begleichen müssen, droht gleich der nächste Imageschaden. Sowohl für den Diesel als auch für Dobrindt.


Zusammengefasst: Verkehrsminister Dobrindt will Fahrverbote für Dieselautos in Innenstädten verhindern. Stattdessen sollen ältere Diesel-Pkw nachgerüstet und somit sauberer werden. Auch die Umweltminister von Bund und Ländern fordern eine solche Umrüstung. Das Problem: Um die Abgasemissionen deutlich zu senken, sind aufwendige Änderungen an den Motoren nötig - und die Hersteller wollen die Kosten dafür nicht allein tragen.

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