Analysten über die Antriebe der Zukunft Bye, bye Benzin?

Von wegen! Trotz alternativer Kraftstoffe wie Biodiesel, Erdgas oder Ethanol, trotz einer neuen Antriebstechnologie wie dem Hybrid – der benzinbetriebene Ottomotor und der Diesel werden auch in Zukunft die Autowelt dominieren, prophezeien Automobil-Analysten.

Von Rainer Busch


Vorhersagen sind ein schwieriges Geschäft. Klettert der Ölpreis auf 100 US-Dollar pro Barrel oder bleibt er konstant? Wird der CO2-Ausstoß verbindlich festgeschrieben, und wenn ja, wie hoch ist der Grenzwert? Angesichts der "Vielzahl und Komplexität der entscheidenden Faktoren", so die Experten von McKinsey, seien präzise Vorhersagen "seriös nicht möglich". Und machten sich dennoch an die Arbeit. In ihrer 128 Seiten starken Studie "Drive" vom Sommer gingen sie der Frage nach, aus welchen Quellen das Automobil bis zum Jahr 2020 seine Kraft schöpfen wird.

Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger: Ein dicker Geländewagen, aber mit sauberem Wasserstoffantrieb
AP

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Das Ergebnis mag überraschen. "Wir gehen derzeit davon aus, dass eine neue, sparsamere Generation der klassischen Benzin- und Dieselmotoren die automobilen Antriebe dominieren wird", so Philipp Radtke, Co-Autor der Studie zu SPIEGEL ONLINE. Um 30 Prozent könnte der Spritverbrauch bei Benzinern sinken, um 20 Prozent beim Diesel, schätzt der McKinsey-Partner mit Sitz in Tokio. Allerdings sind die Sparvarianten mit deutlich höheren Motorenpreisen verbunden: um 50 Prozent beim Benziner, um 15 Prozent beim Diesel.

"Der Trend zum Downsizing, den wir in den letzten Jahren beim Diesel erlebt haben, wird sich auch beim Benziner durchsetzen", glaubt Stefan Geiger, Technical Automotive Market Analyst beim Wirtschaftsprognose-Unternehmen Global Insight in London. Durch Technologien wie Direkteinspritzung, Turbolader oder Kompressoren holen die Hersteller aus kleineren Motoren mehr Leistung – bei geringerem Verbrauch und reduzierten Emissionswerten. Als Beispiel nennt Geiger den Golf GT TSI. "Der schafft 170 PS bei 1,4 Liter Hubraum. Dazu brauchte man vor einigen Jahren noch 2 Liter Hubraum."

Hybridantrieb in jedem zehnten Fahrzeug?

Federn lassen müssen die Motorenklassiker aber schon. Einen Marktanteil von zehn Prozent und mehr könnten die Hybridantriebe in ihren unterschiedlichsten Formen bis 2020 erobern, prognostiziert McKinsey-Mann Radtke. Und warnt zugleich vor einem Hybrid-Hype. Denn die Kombination aus konventionellen und Elektroantrieb ist zwar angesagt und umweltfreundlich, doch die höheren Produktionskosten werden durch den geringeren Verbrauch nicht wieder eingefahren. "Hybridantriebe werden sich vor allem für größere Fahrzeuge lohnen wie der S-Klasse von Mercedes oder dem X5 von BMW", ergänzt Geiger. Und die konkurrieren in Europa mit Dieselfahrzeugen, die ähnliche oder sogar bessere Verbrauchswerte aufweisen. "Überall dort, wo nur wenige Diesel im Angebot sind, wie in Nordarmerika oder Japan, ist der Hybrid attraktiver. In Europa ist der Diesel interessanter", so Geiger.

Bleiben die alternativen Kraftstoffe, bleiben Erdgas, Biodiesel oder Ethanol? McKinsey erwartet für sie als Beimischung zu Diesel oder Benzin einen Marktanteil von 5 bis 20 Prozent – abhängig von der Entwicklung des Ölpreises. Während in Südamerika etwa 50 Prozent der Fahrzeuge mit aus Zuckerrohrabfällen gewonnenem Ethanol unterwegs sind, experimentieren in Europa Hersteller wie Saab oder Volvo mit Alkoholtreibstoff aus Holzabfällen und setzten Opel und Fiat in Deutschland und Italien auf Erdgas.

Brennstoffzelle? Wahrscheinlich schon, aber wann?

Doch gerade mal ein halbes Prozent der Pkw in Europa werden derzeit mit alternativen Antriebsquellen ausgerüstet. Zwar ist Erdgas billiger und pustet weniger Schadstoffe in die Luft, doch wird es, wie McKinsey feststellt, in vielen Regionen gar nicht oder eben nur unzureichend angeboten und kann sich zudem bei den Käufern nicht von seinem "lame duck"-Image befreien. "Die Biokraftstoffe helfen, die CO2-Bilanz zu verbessern, sie werden aber immer ein Randbereich bleiben", sagt Ferdinand Dudenhöffer. Der Direktor des Center of Automotive Research an der FH Gelsenkirchen beklagt das Fehlen einer klaren Förderungsstrategie. Dudenhöffer: "Egal ob Bundesregierung oder EU, jeder subventioniert ein bisschen vor sich hin – es ist ein Flickenteppich."

Und nach 2020? Die Brennstoffzelle wird laut McKinsey selbst dann noch ein Nischenprodukt sein. Irgendwann, so viel scheint sicher, wird der Wasserstoffantrieb kommen. Aber wie das mit Prognosen so ist. Laut früheren Aussagen der Hersteller sollten bereits im Jahr 2000 eine Million Brennstofffahrzeuge auf den Straßen unterwegs sein. Stefan Geiger von Global Insight hat nachgezählt: "Es waren gerade mal 52."



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