Anders Autofahren Logan-Logbuch Transsylvanien

TÜV-Prüfer, ADAC-Tester, Premium-Prediger haben ihr Urteil über den Dacia Logan gefällt: schuldig im Sinne der deutschen Vollkasko-Mentalität. Wer das Auto aber dort fährt, wo es herkommt, plädiert auf Freispruch. Der Wagen ist ein braver Begleiter durchs rauhe Rumänien.


Die E-Mail aus Bukarest war kurz und eindeutig. Ein Dacia Logan für drei Wochen zum Preis von 790 Euro plus eine Kaution von 300 Euro in bar; das Auto würde am Flughafen stehen, Adriano heiße der Ansprechpartner. Keine Unterschrift? Keine Anzahlung? - No. See you in Romania! Als das Flugzeug im Sinkflug ist, steigen die Bedenken. Ob da wirklich ein Adriano mit einem Auto stehen wird? Bei der Passkontrolle deutet der Beamte auf den im Dokument eingetragenen Geburtsort. In Solingen, berichtet er erfreut, habe er mal einen gebrauchten Golf gekauft, tolles Auto, ah, Germany! Das fängt ja gut an.

Fotostrecke

7  Bilder
Logan-Tour: Von Bukarest nach Transsylvanien

Die Grundstimmung wird noch besser, als Adriano in der Ankunfthalle auftaucht. Draußen steht der Dacia Logan. Kaum 9000 Kilometer zeigt der Tacho, das Auto ist so gut wie neu. Die Formalitäten sind rasch geklärt, dann springt der 1,4-Liter-Motor an und schnurrt los. Erst ins Getümmel nach Bukarest, tags drauf in die Karpaten, nach Transsylvanien. Eine bergige Gegend, in der die Landschaft groß und einsam ist. Die Dörfer dagegen sind klein, die meisten Menschen arm und die Straßen verschlungen. Sehr oft zuckeln Pferdewagen über die Hauptverbindungswege, manchmal sogar Ochsenkarren; dazwischen Radfahrer oder Leute, die zu Fuß in den nächsten Ort laufen, um dort etwas zu erledigen.

Über die gleichen Straßen aber brummen auch Tanklastzüge und Tieflader, Sattelschlepper und Busse, sehr viele Dacia-Modelle und Daewoo-Typen, immer wieder mal ein Skoda, Opel, Ford oder VW und ab und zu mal ein Mercedes, Audi oder sogar ein Porsche. Im neuen Logan gehört man da zur gehobenen Mittelschicht. Unser Auto trägt ein Bukarester Kennzeichen und die Farbe grellorange - so sind hier die Taxis lackiert, und der Leihwagen war in seinem ersten Lebensabschnitt ein Taxi, man kann noch erkennen, wo die entsprechenden Aufkleber angebracht waren.

Stolz über Westauto lastet auf rechtem Fuß

Der Wagen fährt sich tadellos. Jedenfalls dann, wenn der Fahrstil den regionalen Eigenheiten angepasst wird, und das bedeutet: zügig, aber nicht rasant unterwegs zu sein. Mit Vollgas glühen nämlich bereits jene vorwärts, die es zu einem teuren "Westauto" gebracht haben und deren Stolz darüber offenbar schwer im rechten Fuß lastet. Auf diese Kamikaze-Kraftfahrer sollte man achten. Außerdem auf die extrem langsamen, mächtig qualmenden Roman-Lkw. Und auf die manchmal eimertiefen Löcher in den Straßen. Mitunter wechseln perfekter Asphalt und Schlaglochmuster auf der Fahrbahn von einem Meter auf den anderen.

Farbenspiel vor einem "Magazin Mixt": Mit dem Logan gehört man in Rumänien zur gehobenen Mittelklasse unter den Autofahrern
Jürgen Pander

Farbenspiel vor einem "Magazin Mixt": Mit dem Logan gehört man in Rumänien zur gehobenen Mittelklasse unter den Autofahrern

Dem Logan macht das alles nichts aus. Das Fahrwerk rumpelt zwar manchmal böse, doch der Wagen hält auch auf fiesestem Untergrund unbeirrt die Spur. Der Komfort ist akzeptabel, die Geräuschkulisse ebenso. Klar können das andere Autos besser, aber die kosten auch ein Vielfaches. Und beim Logan geht es darum, günstige und zweckmäßige Mobilität bereitzustellen. Vor allem Letzteres erfüllt der Logan mit Bravour: Er ist viertürig, bietet ausreichend Platz für vier Erwachsene im Innenraum und einen erstaunlich großen, 510 Liter fassenden Kofferraum. Damit liegt er nicht weit vom Niveau der Mercedes E-Klasse (540 Liter) entfernt, das große Urlaubsgepäck jedenfalls schluckte der Logan locker und luftig.

Renault wirbt in Deutschland für den Logan mit dem Slogan "Alles, was ein Auto braucht". Diese Behauptung wirkt beim Logan-Fahren in Rumänien plötzlich gar nicht mehr spaßig oder verschmitzt - sondern stimmig und nachvollziehbar. Weder offenbart der Wagen gravierende Schwächen, noch wird man von seinen Mitmenschen als bemitleidenswerter Ahnungsloser in Sachen Auto abgestempelt. Im Gegenteil: Die überwiegende Mehrheit der Rumänen wäre heilfroh, den Schlüssel zu einem Logan zu besitzen. Das Basismodell kostet in Rumänien 6230 Euro - Autos werden grundsätzlich in Euro bezahlt, die Landeswährung Leu ist zu flatterhaft. Das ist ein Haufen Geld in einem Land, in dem Gymnasiallehrer zum Beispiel umgerechnet kaum 200 Euro pro Monat verdienen.

130 Kilometer rumänische Autobahn

Wir waren rund 2400 Kilometer im Dacia Logan unterwegs. Von Bukarest bis Cluj Napoca (ehemals Klausenburg), von Brasov (ehemals Kronstadt) bis Baile Herculane. Das Auto lief stets brav und zuverlässig. Einzig beim Tanken gab es manchmal Probleme, weil offenbar der Einfüllstutzen so unglücklich geformt ist, dass die Zapfpistole nur in einem ganz bestimmten Winkel angesetzt werden kann, damit das Benzin ohne weiteres Zutun fließt. Im Schnitt schluckte das Auto 7,2 Liter - in dieser Hinsicht also ist der Logan kein Sparmodell.

Ziegen auf der Fahrbahn: Vor allem in Orten - wie hier in Valea Mare - muss man auf kreuzende und meist recht neugierige Nutztiere achten
Jürgen Pander

Ziegen auf der Fahrbahn: Vor allem in Orten - wie hier in Valea Mare - muss man auf kreuzende und meist recht neugierige Nutztiere achten

An der spartanischen Ausstattung aber gibt es nichts auszusetzen. Was macht es schon, die Fenster per Handkurbel zu öffnen oder zu schließen? Warum sollte es nicht auch ohne Klimaanlage gehen? Der Logan mit dem 75-PS-Motor wiegt mit 975 Kilogramm (fahrfertig) mehr als 200 Kilogramm weniger als ein gleichstarker, viertüriger VW Golf (1189 Kilogramm). Schon das erklärt, warum das Basismodell der Wolfsburger etwas lahm und untermotorisiert daherkommt, das Modell aus Pitesti aber durchaus flott und agil. Es stimmt natürlich, dass ein guter Teil des Golf-Mehrgewichts in Sicherheitsbauteilen wie Airbags, ESP oder Karosserieverstärkungen steckt. Da kann der Logan nicht mithalten - aber schließlich ist er rund 10.000 Euro billiger.

Es wäre wohlfeil, dem Logan seine Nichtausstattungsmerkmale vorzuwerfen. Man kann mit diesem Auto gut, bequem und sicher vorwärts kommen, sofern man ein paar Grundregeln des Straßenverkehrs beachtet - ganz besonders in Rumänien. Das dies in der hochmotorisierten Konkurrenz auf deutschen Autobahnen anders aussieht, trifft natürlich auch zu. Doch für solche Situationen wurde der Logan nicht entwickelt. In Rumänien gibt es - von einem Ministück in der Donauebene abgesehen - nur eine Autobahn. Sie führt über knapp 130 Kilometer von Bukarest nach Pitesti - damit dem dort ansässige Dacia-Werk der Teilenachschub nicht ausgeht.

Am Ende der Rumänienreise, am Flughafen von Bukarest, wartete Adriano schon wieder auf den Wagen. Er war sehr staubig geworden, aber sonst unversehrt. Die 300 Euro Kaution bekamen wir bar zurück, er die Schlüssel fürs Auto. Ein ganz neues Fahrerlebnis hatten wir umsonst erhalten.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.