Aral, Shell und Co. Ölmultis empfehlen Verzicht auf Erdgas

Der Gastank eines VW Touran explodiert an einer Tankstelle, womöglich ignorierte der Fahrer eine Warnung des Herstellers. Aral, Shell, Total, Jet und Esso reagieren drastisch.
Erdgaszapfsäule an einer Aral-Tankstelle

Erdgaszapfsäule an einer Aral-Tankstelle

Foto: Henning Kaiser/ picture alliance / dpa

Schlechte Nachricht für die rund 100.000 Besitzer von Erdgasfahrzeugen in Deutschland: Die fünf größten Mineralölkonzerne haben ihren Tankstellenbetreibern empfohlen, den Verkauf des Erdgaskraftstoffs CNG (Compressed Natural Gas) einzustellen.

Den Anfang hatte Aral gemacht, Hintergrund ist ein Unglück in Niedersachsen: In der Nähe von Göttingen war der Erdgastank eines mit CNG betriebenen VW Touran an einer Tankstelle des Konzerns geplatzt. Nun haben auch ExxonMobil (Esso), Total, Jet und Shell nachgezogen und den Betreibern ihrer Tankstellen dazu geraten, vorläufig kein Erdgas zu verkaufen.

Damit ist mehr als die Hälfte aller rund 900 CNG-Tankstellen in Deutschland betroffen.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Wie viele Betreiber der Empfehlung tatsächlich nachkommen, ist schwer zu überschauen. Die CNG-Säulen an den Tankstellen gehören üblicherweise einem Erdgasversorger. Mit ihnen haben die Pächter oder Eigentümer laut Angaben einer Exxon-Sprecherin zusätzliche Vertragsvereinbarungen. Auch bei Aral- oder Total-Stationen wird CNG nicht direkt vom Konzern, sondern von anderen Erdgasversorgern oder Stadtwerken geliefert.

Die Mineralölkonzerne bezeichnen die vorläufige Empfehlung für einen CNG-Verkaufsstopp als "Vorsichtsmaßnahme". Aus den Pressestellen hieß es, man wolle zunächst abwarten, zu welchem Ergebnis die Untersuchungen des Vorfalls in Niedersachsen kommen.

Um die Klärung kümmert sich die Staatsanwaltschaft Göttingen. Sie hat ein Strafverfahren eingeleitet und ermittelt gegen unbekannt wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung.

Bei dem Vorfall am vergangenen Freitag war der Gastank eines VW Touran geborsten. Der Fahrer befand sich unweit des Fahrzeugs und wurde von Trümmerteilen getroffen. Nach Polizeiangaben wurde er schwer verletzt in eine Klinik gebracht. "Das Auto und die Zapfsäule wurden beschlagnahmt", sagte Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue.

Der zerstörte VW-Touran an einer Tankstelle in Duderstadt (Niedersachsen). Bei dem Auto war der Gastank explodiert.

Der zerstörte VW-Touran an einer Tankstelle in Duderstadt (Niedersachsen). Bei dem Auto war der Gastank explodiert.

Foto: Arne Bänsch/ dpa

Eigentlich hätte der VW Touran nicht mehr im Gasbetrieb laufen dürfen: Das Fahrzeug war von einer Rückrufaktion betroffen, die VW vor rund zwei Monaten in die Wege geleitet hatte. Bei internen Untersuchungen sei festgestellt worden, dass die Gasflaschen unzureichend vor Rostschäden geschützt sein könnten.

"Eine reduzierte Wandstärke der Gasflaschen durch Korrosion kann zum Bersten eines Gastanks und so zu einer erheblichen Verletzungsgefahr führen", hatte VW in diesem Zusammenhang mitgeteilt.

Besitzer der betroffenen Fahrzeuge wurden dazu aufgerufen, die Gasflaschen in einer Werkstatt austauschen zu lassen oder das Auto - bei leerem CNG-Tank - bis zur Umrüstung nur im Benzinbetrieb zu fahren, der bei dem Model Touran TSI Ecofuel sozusagen als Reserve dient.

Touran-Besitzer soll zwei Schreiben von VW erhalten haben

Nach Angaben eines VW-Sprechers war der bei Göttingen geplatzte Gastank des Tourans von dem Rückruf betroffen. Der Halter sei zunächst am 30. Juni und erneut am 9. September - dem Tag des Unglücks - schriftlich zu einem Werkstattbesuch aufgefordert worden. "Nach unserem Kenntnisstand hatte er den mangelhaften Gastank noch nicht umrüsten lassen", sagte der Sprecher zu SPIEGEL ONLINE.

Neben dem Touran sind auch die CNG-Varianten der Modelle Caddy und Passat betroffen, weltweit wurden insgesamt rund 40.000 Fahrzeuge zurückgerufen, laut Angaben eines VW-Sprechers rund die Hälfte davon in Deutschland. Wie viele der angeschriebenen Halter bislang dem Aufruf nachgekommen sind, sei unklar.

Grundsätzlich herrscht unter Experten Einigkeit darüber, dass Erdgasautos im Vergleich zu Benzin- oder Dieselfahrzeugen nicht unsicherer sind. Das gilt sowohl für CNG-Modelle als auch für LPG-Modelle, die mit sogenanntem Flüssiggas betrieben werden.

Michael Oppermann vom Lobbyverband "Zukunft Erdgas" kritisierte die Aktion der Mineralölkonzerne. "Man sollte lieber die Rückrufaktionen effizienter durchführen als CNG-Tankstellen sperren", sagte der Verbandssprecher. Auch die Deutsche Energie-Agentur (dena) bezeichnete das Vorgehen der Unternehmen als "überzogen".

Mit Material von dpa