Aston Martin Abschied von Muttern

Knapp zehn Jahre nach dem Einstieg von Ford bei Aston Martin rücken beide Firmen nun wieder auseinander. Der Sportwagenhersteller will heraus aus dem starren Korsett des Großkonzerns. SPIEGEL ONLINE sprach mit Aston-Martin-Chef Ulrich Bez am Rande des Autosalons in Paris.


Wenn Ulrich Bez in den vergangenen Wochen die Zeitungen aufschlug, verging ihm häufig das Lachen. Denn selten hat er so viele "verdrehte Tatsachen und falsche Interpretationen" gelesen, wie im Vorfeld des Pariser Autosalons. Wann immer zuletzt über die dramatische Krise bei Ford berichtet und über den Verkauf verschiedener Tochterfirmen spekuliert wurde, war auch sein Unternehmen Aston Martin im Gespräch. Der kranke Riese aus Detroit wolle, so der Tenor der Berichterstattung, sein Tafelsilber verkaufen, um damit die Bilanzen zu sanieren.

"Alles falsch", sagt Aston-Martin-Chef Bez und rückt die Größenordnungen zurecht. "Ganz egal, welchen Preis man für Aston Martin erzielen könnte: Für Ford wäre das nur ein Tropfen auf den heißen Stein." Zwar ist es richtig, dass die Bande zwischen Detroit und Gaydon gelockert werden sollen. "Doch die Initiative dafür ging von uns aus", sagt Bez. "Nicht Ford will Aston Martin versilbern, sondern Aston Martin sucht eine gewisse Distanz zu Ford", stellt er die Geschichte richtig und skizziert zum Vergleich ein Bild aus dem Familienleben.

"Direkt nach der Geburt ist der Säugling hilflos und allein nicht überlebensfähig. So ging es Aston Martin, als wir 1987 von Ford übernommen wurden", erinnert sich Bez. "Danach päppeln die Eltern das Baby auf, freuen sich am Wachstum des Kindes und nehmen während der Pubertät sogar ein paar freche Bemerkungen und Widerworte hin", bringt Bez den Anstieg der Jahresproduktion von wenigen hundert auf mehr als 5000 Autos im Jahr in sein Bild ein. "Doch irgendwann ist das Kind erwachsen, fertig ausgebildet und will auf eigenen Füßen stehen", fasst er eine Entwicklung zusammen, die vielen Eltern bekannt sein dürfte. Dumm nur, wenn der Nachwuchs dann nicht zum Beispiel die Schneiderei der Familie übernehmen, sondern lieber Künstler werden will. "Dann müssen sich Eltern und Kind zusammensetzen und eine Lösung finden", kommt Bez auf den Punkt, um den sich nun auch die Diskussion mit Ford dreht. "Wenn im Kind tatsächlich ein Künstler steckt, die Talente vorhanden und die Chancen gut sind, dann muss man es ziehen lassen."

Raus aus dem engen Korsett der Ford Motor Company

Diesen Schritt weg von der Mutter will Bez nun auch mit Aston Martin vollziehen. "Denn im starren Korsett eines Großkonzerns werden wir zu sehr eingeschränkt, um uns richtig weiterentwickeln zu können", klagt er. Dabei wird Bez auch ein Opfer seines eigenen Erfolges: Früher sei die Marke so klein gewesen, dass sie sich auch innerhalb des Konzerns quasi alles erlauben konnte. Doch nun, mit mehr als 6000 Autos pro Jahr, 1600 Mitarbeitern und einem geschätzten Umsatz von etwa einer Milliarde Dollar ist Aston Martin "nicht mehr unsichtbar" und muss sich mit Rücksicht auf die anderen Töchter den Konzernregeln beugen. "Ford ist der Hersteller eines Massengutes, wir dagegen fertigen eine kleine Anzahl von Luxusartikeln. Da gelten einfach andere Gesetze", sagt Bez.

Aus dieser Warte klingt das Bild vom Künstler im Kinde verständlich, und man nimmt Bez durchaus ab, dass die Initiative zur Trennung tatsächlich von Aston Martin ausging. Doch der Manager gibt auch zu, dass ihn die Mutter gern ziehen lässt – wenn der richtige Käufer gefunden ist. Weil der sogenannte Management Buyout zwar reizvoll wäre, sich die Chefs ihre Firma aber nicht leisten können, sucht man nun einen Käufer, der sich vorzugsweise als stiller Teilhaber einbringt und der amtierenden Führungsriege freie Hand lässt. "Schließlich haben wir in den letzten Jahren ja keinen schlechten Job gemacht", sagt Bez, der Aston Martin immerhin zum ersten positiven Jahresabschluss in der Geschichte verholfen hat.

Die nächste Neuheit: Ein Roadster auf V8-Vantage-Basis

Die Diskussionen um die Zukunft kosten reichlich Kraft und Zeit. Doch die Arbeit am Produkt geht unterdessen munter weiter: Schon in vier Wochen wird Aston Martin auf der Auto Show in Los Angeles das Coupé V8 Vantage auch als Roadster vorstellen. Im März steht auf dem Genfer Salon der neue James-Bond-Dienstwagen DBS in der zivilen Version für jedermann, und auch die Entwicklung am Rapide geht weiter. Denn zum Ende der Dekade will Bez die Designstudie des viertürigen Sportwagens in Serie bringen.

Die Pointe seines Plans ist allerdings nicht die völlige Trennung von Ford. Eine "gewisse Restbeteiligung" würden wir uns durchaus wünschen, sagt der Chairman und nennt mehrere Gründe dafür. "Allem voran würden wir damit den Zugriff auf wichtige Entwicklungsressourcen - etwa bei Emissions- und Sicherheitsthemen - behalten, ohne dass wir diese Kompetenzen teuer einkaufen müssten". Und ganz nebenbei würde das kleine, aber langfristige Engagement von Ford verhindern, dass Aston Martin zu einem Spielball für launische Investmentgesellschaften werde, die nur kurzfristige Interessen verfolgen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.