SUV-Projekt von Aston Martin Im Größenwahn

SUVs gelten in der Automobilindustrie als Goldesel. Längst werfen deswegen auch exklusive Hersteller ihre Prinzipien über Bord. Nur Aston Martin ziert sich bislang - bei einem Werksbesuch war allerdings unter einer Abdeckung ein verdächtig klobiges Auto zu erkennen.

DPA

Aus Gaydon berichtet


Marek Reichmann muss bisweilen in die Rolle eines Schäfers schlüpfen, der jedes einzelne Tier seiner Herde mit Namen kennt. Dann nämlich, wenn er seinen Besuchern erklären muss, in welchen Details sich die verschiedenen Modelle von Aston Martin unterscheiden. Dann holt der hünenhafte Designchef aus und zeichnet mit ausschweifenden Bewegungen die Linien nach und beschreibt dabei die unterschiedlichen Proportionen, Kurvenradien und Lichtkanten. Hat man die S-Kurve - jene kleinen Bögen in den oberen Ecken des Kühlergrills - oder den Schwung der Dachlinien erst einmal nachvollzogen, liegen die Unterschiede plötzlich auf der Hand - und plötzlich erscheinen Vantage und Vanquish zumindest ein bisschen als eigenständige Autos.

Mit einem Projekt scheint der Chefkreative des Luxussportwagenherstellers während des Werksrundgangs allerdings zu fremdeln. Zu der Silhouette unter dem schwarz glänzenden Paletot in der Ecke des Designstudios äußert er sich bemerkenswert kurz angebunden. Die massige Gestalt und die Bauhöhe deuten auf ganz klar auf einen SUV hin. Ist der Startschuss für das Projekt womöglich schon gefallen? "Aston Martin ist ein Sportwagenhersteller", sagt Reichmann dazu nur.

Am Thema SUV jedoch kommt selbst eine so kleine, edle Automanufaktur wie Aston Martin nicht vorbei. Kein anderes Marktsegment wächst schneller, besonders in der Oberklasse. Im Jahr 2015, schätzt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen, dürften allein in Deutschland bis zu 576.000 Exemplare verkauft werden. Das entspräche einem Marktanteil von 18 Prozent. Reiche Autoliebhaber gibt es offensichtlich genug, und in China, Russland und den USA mehr noch als in Deutschland - und sie lieben üppige Abmessungen und unbändige Motorkraft.

Luxushersteller auf SUV-Kurs

Selbst ehedem gusseiserne Sportwagenhersteller wie Porsche haben der reinen Lehre längst abgeschworen. 2002 erschien der Cayenne - und fand trotz seines umstrittenen Designs schnell reißenden Absatz. Auf den wuchtigen Geländewagen entfallen inzwischen mehr als 50 Prozent der verkauften Porsches. Wenn der kleinere Macan in diesem Jahr auf den Markt kommt, bilden die Sportwagen im Sortiment nur noch die Minderheit, zumindest was die Zulassungszahlen betrifft.

Auf das Vorbild von Porsche angesprochen, sucht Aston-Martin-Kreativchef Reichmann für einen vielsagenden Moment nach Worten. Porsche, das lässt sein Gesichtsausdruck erkennen, ist kein Hersteller, an dem man sich orientieren will. "Natürlich", räumt er wenige Sekunden später ein, lasse sich der Trend nicht ignorieren.

Vermutlich vor allem deshalb, weil die direkten Konkurrenten bereits ein gutes Stück weiter sind. Denn auch in der absoluten Highend-Liga hat sich der Wind längst gedreht: So will die Fiat-Tochter Maserati im nächsten Jahr mit allen Traditionen brechen und den Levante auf den Markt bringen, Lamborghini plant den Marktstart für den Urus für 2017 - und gleich bei Aston Martin um die Ecke werkeln sowohl Jaguar als auch Bentley an SUV-Projekten. Die erste Studie von Bentleys Luxus-Offroaders mit dem komplizierten Namen EXP 9F stieß 2012 auf dem Genfer Autosalon auf großes Interesse. Nach internen Schätzungen könnte er die Verkaufszahlen der Marke um mehr als 30 Prozent steigern.

Auch Reichmanns Chef, Ulrich Bez, denkt längst laut über einen SUV nach, der unter dem Namen der legendären Schwestermarke Lagonda laufen könnte. Talente wären ausreichend vorhanden, um einen solchen Luxus-SUV auf die Räder zu stellen. Die Aston-Martin-Ingenieure können Leichtbau, edle Innenräume und beherrschen die Kunst, die Fertigung von Hand mit der Qualität des Serienbaus zu vereinen.

Neukonstruktion erforderlich

Eine Studie, die 2009 auf der IAA in Frankfurt stand, darf als Versuchsballon gelten. Allerdings wirkte der klotzig gezeichnete Riese wie ein Anschlag auf den Geschmack der Stammklientel, die die Eleganz und das vornehme Understatement der Aston Martins preisen. Womöglich ist Reichmanns Zurückhaltung auch nur Ausdruck purer Verzweiflung, weil es ihm und seinem Team nicht gelingen will, die fließenden Formen adäquat zu übertragen.

Doch es gibt auch andere, schwerwiegendere Gründe für die Zögerlichkeit in Gaydon, dem Stammsitz von Aston Martin. Der womöglich entscheidende: Ein SUV ließe sich kaum mit Bordmitteln konstruieren. Denn der sogenannte VH-Baukasten, von dem die Sportwagenfamilie abgeleitet ist, lässt sich nicht als Basis für einen Offroader nutzen.

Denkbar wäre zwar eine hochgesetzte Variante mit großen Rädern für mehr Bodenfreiheit. Doch das Transaxle-Prinzip, bei dem das Getriebe um der besseren Gewichtsverteilung willen an der Hinterachse sitzt, schließt einen Allradantrieb aus. Das Problem ließe sich allenfalls durch den Einbau eines Elektromotors lösen, der die Vorderräder antreibt. Immerhin würden die Briten mit dieser Lösung gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen - sie hätten einen SUV und gleich einen Plug-in-Hybriden dazu.

Doch der finanzielle Aufwand dafür würde die Kräfte des Sportwagenherstellers ebenso übersteigen wie die komplette Neukonstruktion einer Plattform. Denn anders als Bentley und Lamborghini (Volkswagen) oder Maserati (Fiat/Chrysler) können die Briten nicht auf das Know-how einer Konzernschwester oder auf fertig entwickelte Komponenten aus dem Konzernregal zurückgreifen. Und Lieferanten, die standesgemäße Technologie für solch einen Luxus-Offroader liefern könnten, sind nicht gerade an jeder Ecke zu finden.

Mit Mercedes waren die Briten zeitweise im Gespräch, die Motoren, Chassis und Antriebsstrang des GL-Nachfolgers hätten beisteuern können. Im Gegenzug wäre Aston Martin bei Maybach behilflich gewesen. Doch mit dem Untergang Maybachs haben sich die Pläne offensichtlich zerschlagen.

Noch wollen die Aston-Martin-Leute aber nicht aufgeben. Ein wichtiger Schritt wäre zunächst einmal das Go der Eigentümer. Die Investoren müssten eigentlich recht einfach zu überzeugen sein. Sie kommen vorwiegend aus Kuwait, wo luxuriöse SUVs hoch im Kurs stehen.



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