Aston Martin Vanquish S James Bond für einen Tag

Einen Aston Martin kennen viele nur aus dem Kino. Auf der Straße macht sich der Dienstwagen von James Bond rar. Mit einer Jahresproduktion von 300 Exemplaren ist etwa der Vanquish so selten wie ein Mercedes SLR. SPIEGEL ONLINE erhielt dennoch die Lizenz zum Rasen.


Von wegen Weiß ist die Farbe der Unschuld. Für Hochzeitskleider mag das gelten. Aber nicht für Autos. Zumindest nicht für dieses. Denn das, was hier wie ein frostiger Morgen in der Wintersonne glänzt, ist alles andere als unschuldig, sondern – Jaguar-Fans, Bentley-Fahrer und Rolls Royce-Besitzer mögen verzeihen – die größte Versuchung, die das Vereinigte Königreich einem Autofan zu bieten hat. Ein Aston Martin Vanquish. Verführerisch die Formen, endlos lang und kraftvoll geschwungen wirkt die Haube, gierig geöffnet der Schlund. Das Dach duckt sich in den Wind, das Heck ist scharf beschnitten, und die Flanken scheinen zu zucken wie die Muskeln wie an den Beinen von Ben Johnson.

Während den Anblick jeder Kinogänger genießen kann, hält Aston Martin für die Besitzer des Vanquish eine besondere Freude bereit: den unglaublichen Klang des Zwölfzylinder-Motors, den man mit einem rot glühenden Starterknopf zum Leben erweckt. Ganz so leicht wie es klingt, ist das allerdings nicht. Denn die Entwickler haben einige Sicherungen eingebaut, die sich einem erst nach dem Blick ins Handbuch erschließen. Dort - in Leder gebunden und wie ein Scheckheft geschnitten - liest man, dass man brav die Bremse treten und beide Alupaddel des automatisierten Schaltgetriebes ans Lenkrad ziehen muss, bevor die Elektronik die Freigabe erteilt.

Dann allerdings kennt der Aston kein Halten mehr. Schon im Leerlauf rollt der sechs Liter große V12 einen Klangteppich aus, der es mit jedem Donnergrollen über den Schottischen Highlands aufnehmen kann. Und kaum streichelt der Fuß das Gaspedal, schnellt scheinbar eine Dampframme aus den Ledersesseln und lässt die Insassen mit einem Knuff ins Kreuz spüren, wer hier das Sagen hat: Nur 4,8 Sekunden vergehen, dann steht die Nadel des Tachos bei Tempo 100. Und wer danach tapfer den Fuß aufs Pedal presst, meint die Hunde von Baskerville knurren zu hören, während die Autos im Spiegel plötzlich rückwärts fahren. 150, 200, 250, 300 – ohne mit der Wimper zu zucken, schnellt der Vanquish mit 528 PS und bis zu 577 Nm dem Horizont entgegen. Erst jenseits von 321 km/h gibt sich der mit Aluminium und Kohlefaser auf immer noch stattliche 1875 Kilogramm abgespeckte Renner dem Luftwiderstand geschlagen. Er ist der stärkste und schnellste Aston Martin aller Zeiten.

Wütendes Bellen beim Zurückschalten

Aber nicht nur beim Gasgeben macht den Zwölfzylinder ein Heidenspektakel. Auch beim Bremsen lässt er jeden hören, dass er eigentlich zum Beschleunigen gebaut wurde. Natürlich hat der Vanquish eine Bremsanlage, die kraftvoll zubeißt und über jeden Zweifel erhaben ist. Doch hört man beim Herunterschalten aus dem Motorraum das wütende Bellen einer Dogge, die nur widerwillig von der Wade des Postboten ablässt.

Noch gehört Aston Martin zur Ford Motor Company. Das schränkt das Management in seinem Handlungsspielraum ein, weshalb Aston-Martin-Chef Ulrich Bez seine Firma lieber heute als morgen emanzipieren würde. Dem Vanquish allerdings ist der Schoß der Großfamilie gut bekommen. Denn anders als viele andere Luxusfahrzeuge, die nur in kleinen Stückzahlen gebaut werden, nutzt er subtil und unauffällig die Nähe zur Großserie und bietet damit eine bei solchen Kleinserienmodellen nicht immer übliche Qualität.

Handgestepptes Leder wölbt sich über der Frisur

Und natürlich ist vieles Handarbeit. Das Leder am Dachhimmel etwa wird von Hand gesteppt, die matt schimmernden Haltegriffe neben den Sitzen fühlen sich angenehm kühl an, weil sie tatsächlich aus Aluminium gefräst sind. Das Navigationssystem wird von Volvo übernommen. Der Motor wird von Experten bei Ford in Köln beinahe von Hand gebaut. Bis auf ein paar kleine Schalter in den Türen und ums Cockpit ist alles edel, echt und exklusiv - wenn auch nicht immer perfekt. So muss man sich nach der Uhr schon fast bücken, die beiden Rücksitze taugen nicht mal als Alibi, und bei so einem schnellen Auto sollte man die Stereoanlage vom Lenkrad aus bedienen können. Andererseits: Wer braucht bei diesem Motorsound noch Musik?

Natürlich hat das Vergnügen seinen Preis. Doch mit 255.000 Euro ist der Vanquish S gar nicht so teuer, wie man es bei einem Fahrzeug erwarten würde, das selbst für die KBA-Statistik zu selten ist und dort nur unter "Sonstige" geführt wird. Mit den richtigen Motoren und ein paar Extras kommt man mit einem Mercedes CL oder einem Porsche 911 fast in ähnliche Preisregionen. Dass man trotzdem kein gewöhnliches Auto fährt, merkt man spätestens beim Besuch der Werkstatt: Denn erstens gibt es in Deutschland nur zwölf offizielle Vertriebspartner. Und zweitens kostet dort - zumindest nach dem Aushang im Autohaus Kronberg – die Werkstattstunde gleich mal 40 Prozent mehr als bei der Verwandtschaft von Jaguar. Und das, obwohl dort ein Kfz-Meister und nicht Bond-Ausrüster "Q" an der Hebebühne steht. Doch wie schrieb kürzlich ein Händler in schönster 007-Manier: "Der Preis wird Sie schütteln. Aber nach der Probefahrt sind Sie gerührt."

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