Digitalstrategie von Audi Extras für gewisse Stunden

Matrix-Scheinwerfer für eine Nacht, Massagesitze für die Autobahnfahrt - Audi-Chef Rupert Stadler hat in einem Interview über künftige Erlösmodelle geredet: Kunden sollen demnach Sonderausstattungen nach Bedarf freischalten können.
Matrix LED-Scheinwerfer von Audi

Matrix LED-Scheinwerfer von Audi

Foto: Audi

Es gibt Momente beim Autofahren, in denen man die eigene Sparsamkeit bereut. Mal angenommen, man hat sich einen neuen Audi A4 gekauft, und weil der Wagen ohnehin schon teuer genug war, auf die 460 Euro Aufpreis für die Sitze mit Massagefunktion verzichtet: Bei jeder Fahrt, die nun länger als eine Stunde dauert, zwickt es im Kreuz, man wünscht sich sofort den Wellnesssitz und verflucht die Konsequenzen der Knausrigkeit.

Genau für solche Fälle hat Audi-Chef Rupert Stadler jetzt eine Lösung in Aussicht gestellt.

Kunden des Ingolstädter Autoherstellers sollen in Zukunft je nach Bedarf Extras in ihren Fahrzeugen buchen können. "Stellen Sie sich vor, es gäbe für jedes unserer Modelle einen Sitz, der über alle heute bestellbaren Funktionen verfügt, also Kühlung, Heizung, Massage und beliebige Verstellmöglichkeiten", sagte Stadler in einem Interview mit dem Magazin "auto, motor und sport" . "Unser Kunde könnte dann einzelne Features nach Wunsch und auch nur zeitweilig freischalten und bezahlt dafür nach Bedarf."

Statt sich also auf einer längeren Reise über den verspannten Rücken zu ärgern, sollen Audi-Fahrer zukünftig für ein paar Euro einfach die Sonderausstattung in Echtzeit mieten können. Man gönnt sich das Extra genau dann, wenn man es braucht.

"Temporär Laserlicht"

Stadler zählte in dem Interview noch weitere mögliche Angebote auf. "Ein anderes Beispiel sind unsere Matrix-Beam-Scheinwerfer. Wenn der Kunde eine lange Nachtfahrt vor sich hat, kann er sich temporär Laserlicht freischalten lassen", sagte er. "Oder denken Sie an einen Service, der jedem Audi-Fahrer individuell einen Parkplatz sucht und sichert. An genau solche Dienste denken wir."

Diese Überlegungen seien Teil der Digitalstrategie des Herstellers. Demnach sollen digitale Angebote schon bis 2025 erhebliche Umsatzanteile erreichen.

Audi-Chef Rupert Stadler

Audi-Chef Rupert Stadler

Foto: Alexander Körner/ dpa

Voraussetzung für solche Dienste ist natürlich, dass zum Beispiel Massagesitze auch in allen Modellen verbaut sind. Genau diesen Aspekt sieht Martin Stahl als Knackpunkt der Strategie: "Ob sich das für Audi lohnt, die notwendige Hardware in allen Fahrzeugen zu verbauen, bezweifle ich", sagte er SPIEGEL ONLINE, "da wird man jede einzelne Option genau unter die Lupe nehmen müssen." Stahl ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung Stahl Automotive Consulting und auf das Thema der Digitalisierung der Autoindustrie spezialisiert.

Gerade bei softwarebasierten Diensten und Optionen sieht er dagegen Potenzial: "Bei Infotainmentsystemen mit großer Rechenleistung könnte die Rechnung aufgehen. Hier sind die Kosten für den Hersteller nicht so hoch und gleichzeitig gibt es viele Dienste, die sich anbieten lassen - vom buchbaren Reiseführer für die Urlaubsfahrt bis zum Zeitmesser für die Rennstrecke."

Und wenn nun plötzlich alles extra kostet?

Wie das funktioniert, kann man heute schon bei Systemen wie Carplay von Apple oder Android Auto von Google beobachten, über die sich Smartphone-Apps auf dem Infotainmentsystem im Wagen einbinden lassen. "Hier bietet sich ein interessantes Geschäftsmodell", glaubt Stahl.

Allerdings müssten die Autohersteller sicherstellen, dass die eigenen Dienste oder solche von Drittanbietern problemlos laufen. "Das ist eine große Herausforderung", sagt er - und sieht vor allem in der Entwicklung einer sicheren Firewall gegen Schadsoftware eine wichtige Voraussetzung: "Die Kunden müssen sich darauf verlassen können, dass die Steuerungssoftware des Fahrzeugs - also sicherheitsrelevante Funktionen - jederzeit von dem Infotainmentsystem getrennt sind."

Bei Audi scheint man die Chancen und Risiken der Digitalisierung noch abzuwägen. Auf einen Zeitpunkt für die Einführung der von Stadler skizzierten On-demand-Funktionen will man sich nicht festlegen, auch nicht dazu äußern, in welchen Modellen sie zum Einsatz kommen könnten. Dafür sei es noch zu früh, heißt es aus der Pressestelle des Herstellers.

So schön die Zukunftsvision einer bedarfsgerechten Freischaltung von Sonderausstattungen auch ist: Besteht nicht die Gefahr, dass die Hersteller bei der Serienausstattung künftiger Neuwagen knausriger werden und für Funktionen Geld verlangen, die jetzt noch zum Basisangebot zählen? "Nein, die Kunden müssen hier bestimmt keine Abstriche machen", sagt Unternehmensberater Martin Stahl: "Dazu herrscht in der Industrie ein zu großer Konkurrenzdruck."

cst