Mobilität

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Audi e-tron GT

Angriff auf Teslas tollsten Wagen

Sechs Jahre nach dem Start von Teslas Model S führt Audi als erster Hersteller eine ebenbürtige Elektrolimousine vor - den kraftvollen e-tron GT. Doch kommt der Wagen zu spät?

Von Michael Specht

Donnerstag, 29.11.2018   04:40 Uhr

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Tesla-Chef Elon Musk hat für Elektroautos deutscher Hersteller meist nur ein müdes Lächeln übrig. Zwar haben Volkswagen, Daimler und BMW milliardenschwere Modelloffensiven für Akkufahrzeuge verkündet. Diese zeigen auch erste Ergebnisse, vor allem im SUV-Segment.

Doch ausgerechnet das Model S - die Limousine, mit der Musk den Mythos Tesla begründete - hat bis heute weit und breit keinen Gegner in ihrem Segment. Mehr als 300.000 Exemplare des Model S hat Tesla ohne Konkurrenz schon abgesetzt.

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Als erster deutscher Hersteller hat nun Audi in Los Angeles einen Batterieboliden präsentiert, der dieses Monopol streitig machen soll - den e-tron GT. Von 2020 an greifen die Ingolstädter mit dem flachen 590-PS-Renner an.

Aufholjagd mit ungewissem Ausgang

So vielversprechend die Studie ist - sie zeigt erneut auf, dass die deutsche Industrie bei Elektroautos langsam unterwegs ist, vor allem bei klassischen Luxuslimousinen mit E-Antrieb. BMW will 2021 seine Coupé-Limousine i4 auf der Straße haben, Mercedes im selben Jahr ein EQ-Modell in der Größe der E-Klasse.

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"Wenn die neuen Modelle bei den Kunden punkten, könnten die deutschen Hersteller die Rückstände bis etwa 2025 aufgeholt haben", sagt Branchenexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach. Er sieht die Aufholjagd als Langstreckenrennen an - mit ungewissem Ausgang.

"Die deutschen Hersteller haben das Thema der E-Mobilität zu spät erkannt", sagt Bratzel. "Tesla ist ihnen um Jahre voraus. Damit haben sie bislang nicht nur Imagepunkte, sondern bereits auch Marktanteile verloren."

Niedrige Silhouette des Autos als Markenzeichen

Audis e-tron GT kommt für die Trendwende eine Schlüsselrolle zu, zielt der Wagen doch auf Teslas Herz. Der VW-Konzern spielt bei dem Auto die ganze Stärke in Entwicklung und Produktion aus: Mit Porsches Taycan teilt sich der e-tron GT die technische Basis, die sogenannte J-Plattform. Später soll der Wagen von einer modularen Architektur profitieren, die von Porsche, Audi, Bentley und Lamborghini genutzt wird. Sie passt für größere Limousinen, Sportwagen, SUVs und Crossover-Modelle.

Ein Model-S-Imitat sollte der e-tron GT aber auf keinen Fall werden. Für Audi-Designchef Marc Lichte war die niedrige Silhouette des Autos die größte Herausforderung. Während Entwickler ein elektrisches SUV wegen der Höhe einfacher mit dicken Batteriepaketen im Unterboden bestücken können, kämpften sie beim GT um jeden Millimeter.

Anmaßend oder umweltfreundlich?

Bei den äußeren Maßen zeigt sich, dass dieses Ringen erfolgreich war. In der Länge (4,94 Meter) ist der e-tron GT nur etwas kürzer als das Model S, mit 1,38 Meter Höhe aber spürbar flacher. Das lässt den Wagen samt den großen 22-Zoll-Rädern sehr satt auf dem Asphalt stehen.

Kräftig, anmaßend und etwas aggressiv sieht der Audi aus - doch das ist nicht die ganze Botschaft, die der Hersteller vermitteln möchte. Das zeigt sich etwa im Innenraum.

Wo es bei Audis Topmodellen einst nach Rindsleder duftete, hat die Nase nun nichts mehr zu erschnüffeln. Die Sitzbezüge sind aus Recyclingstoffen, die Bestandteile der Bodenmatten trieben einst im Meer als Fischnetze.

Batterie in 20 Minuten zu 80 Prozent gefüllt

Audi gibt sich umweltfreundlich, um die ökoaffine Tesla-Kundschaft anzusprechen - ein Ablenkungsmanöver? Gerade Elektroautos mit großen Batterien weisen eine schlechte Klimabilanz auf, solange Strom noch großteils aus Kohle gewonnen wird. Vor allem die Batterieherstellung verschlingt viel Energie.

Im e-tron GT steckt ein üppiges 90 Kilowattstunden-Akkupaket. So fragwürdig das aus Umweltsicht auch ist - Audi sieht in solch großen Batterien, wie sie auch Tesla verwendet, offenbar die Zukunft. Der Wagen ist wie der Porsche Taycan mit einer 800-Volt-Technik ausgestattet, wodurch sich das Laden radikal beschleunigt. An einer extraschnellen 350-kW-Gleichstrom-Ladesäule soll die Batterie des e-tron GT in weniger als 20 Minuten zu 80 Prozent gefüllt sein. Kein anderer Hersteller setzt auf diese Hochvolttechnik.

Superladesäulen als Pluspunkt gegenüber Tesla

"Dem Kunden muss man in dieser Klasse den Luxus der kurzen Ladezeiten bieten", sagt Peter Fintl, Experte beim Technologie-Beratungsunternehmen Altran. Er ist sicher, dass sich das System in der Elektrooberklasse durchsetzen wird - und der VW-Konzern zumindest damit früher dran ist als Tesla.

Der Vorsprung nützt Audi und Porsche zunächst wenig - weil es erst wenige Ladesäulen gibt, die die 800-Volt-Autos vollmachen können. Tesla hat zwar langsamere, aber mehr Ladesäulen. Unterm Strich seien die Amerikaner besser ausgerüstet, sagt Fintl. Ein Industriekonsortium, an dem VW beteiligt ist, kontert und baut Hochleistungs-Stromtankstellen an europäischen Autobahnen auf. Porsche will zusätzlich Superladesäulen bei Händlern platzieren.

Audi will bei Elektroautos wieder bodenständiger werden

Vollstrom statt Vollgas - das Prinzip gilt auch für den e-tron GT selbst. Das Allradauto fährt wie ein Supersportwagen und rauscht von null auf 100 km/h in 3,5 Sekunden. Bedingt durch den niedrigen Schwerpunkt wird der Wagen wohl geradezu nach Kurven gieren. Kosten dürfte er weit mehr als 90.000 Euro.

Audi attackiert Tesla also mit Pomp und Power, was nicht jedem gefallen wird. Die Ingolstädter wollen bei Elektroautos künftig aber wieder bodenständiger werden. Kommenden März wird das Unternehmen einen City-SUV präsentieren. Zudem wird es 2021 einen Q4 e-tron geben.

Wo aber bleibt der A2, die Ikone der Sparsamkeit, als elektrische Variante? Bereits 2011 stand eine solche Studie bei der IAA in Frankfurt - und verstaubt seitdem im Keller des Designzentrums.

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