Neues Carsharing-Modell Leihen geil

Bei Carsharing und anderen, neuen Mobilitätskonzepten fuhr Audi bislang hinterher. Jetzt drängen die Ingolstädter ebenfalls in diesen Markt - allerdings mit einem etwas anderen Ansatz.

Audi

Die Fahrzeugindustrie hat ein Problem: Viele Menschen wollen weiterhin mit dem Auto fahren, aber immer weniger eines kaufen. "Das Bedürfnis nach Mobilität ist ungebrochen. Aber der Anteil der Menschen, die dafür zwingend ein eigenes Auto besitzen wollen, nimmt beständig ab", sagt Matthias Kempf. Er ist Partner bei der Münchner Strategieberatung Berylls und registriert eine weltweit zunehmende Tendenz zu Carsharing-Programmen und ähnlichen Dienstleistungen.

Eine solche Dienstleistung hat man nun auch bei Audi ersonnen. Einmal bei dem sogenannten "Audi on Demand"-Programm registriert, reichen schon ein paar Klicks in der App, schon steht der Wunschwagen vollgetankt, gewaschen und mit programmiertem Navigationssystem vor der Tür. Egal ob es der R8 für die Spritztour mit Freunden, der Kombi zum Besuch bei der Schwiegermutter oder das Cabrio für den romantischen Ausflug ist.

Damit steigen die Bayern spät, aber dafür mit einem neuen Ansatz in den boomenden Markt der Mobilitätskonzepte ein. Anders als Daimler mit Car2Go und BMW mit DriveNow will die VW-Tochter allerdings nicht ins schnöde Massengeschäft vordringen. Stattdessen kombiniere der Dienst die jeweiligen Vorzüge von Carsharing, Leasing und Autovermietung und ergänze dies mit einem persönlichen Service, wie man ihn bei solchen Flotten bislang nicht kenne, erklärt Audis US-Vizechef Mark Del Rosso das Prinzip hinter dem neuen Angebot, das jetzt als Pilotprojekt in San Francisco gestartet wird.

Den Audi R8 Spyder für 1285 Dollar - pro Tag

Die Autos - im Augenblick umfasst die Flotte 70 Fahrzeuge vom A4 für 165 Dollar am Tag über den RS5 für 440 Dollar bis zum R8 Spyder für 1285 Dollar - stehen deshalb auch nicht einfach an der nächstbesten Straßenecke, in einem Parkhaus am Flughafen oder in einem entfernten Gewerbegebiet. Sondern zumindest zwischen 7 und 20 Uhr werden sie auf Zuruf von einem Concierge an jeden gewünschten Punkt im Stadtgebet geliefert und zur vereinbarten Zeit am bestellten Ort wieder abgeholt, erläutert US-Sprecher Bradley Stertz. Außerdem gibt es auf Wunsch eine Einweisung, das Navigationssystem wird programmiert und der Concierge hilft zur Not auch beim Koppeln des Handys.

Schöne, neue Audi-Welt? Natürlich ist Audi On Demand vor allem eine geschickte Werbemaßnahme. Man könnte sogar sagen, dass das Programm letztlich nichts anderes ist als eine Probefahrt, für die der Kunde auch noch tief in die Tasche greifen muss. Doch eine direkte Verbindung zum Handel gibt es nicht, beteuert Audi-Sprecher Stertz. Weder kann man seinen Leihwagen nach der Miete einfach kaufen, noch lässt sich die Gebühr später mit dem Preis verrechnen. Allerdings räumt der Pressesprecher sehr wohl ein, dass Audi damit dem Wunsch vieler Kunden nachkomme, ein Auto näher und besser kennenzulernen, bevor sie den Wagen tatsächlich kaufen.

Probefahrten über das Smartphone buchen und auch noch Geld dafür bezahlen - das ist ein Modell, das für Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach durchaus Erfolg haben und dann auf weitere Regionen übertragen werden könnte. Aber für ihn ist Audi on Demand vor allem die überfällige Reaktion auf Dienste wie Car2Go oder DriveNow: "Audi hat bei solchen Angeboten einen deutlichen Nachholbedarf gegenüber den Wettbewerbern", sagt der Professor. "Da müssen die Bayern schnell Erfahrungen sammeln und so eine Kompetenzlücke weiter füllen."

Finanzkräftige Kunden im Visier

Zumindest in den USA haben die Audi-Manager das offenbar begriffen. Erstens, weil sie bereits jetzt über die Aufstockung der Flotte auf 100 Autos, eine Ausweitung des Testfeldes bis hinein ins Silicon Valley und ähnliche Projekte in anderen Metropol-Regionen nachdenken. Und zweitens, weil sie in Miami mit "Audi at Home" gleich noch einen zweiten Mobilitätsdienst starten. Dort wollen sie die Tiefgaragen luxuriöser Appartement-Blocks demnächst mit einer entsprechenden Carsharing-Flotte bestücken und so finanzstarken Urlaubern mit entsprechender Smartphone-App den Weg zum Mietwagenschalter ersparen.

Der Ansatz von Audi ist ein anderer, aber das Ergebnis ist ähnlich wie bei den Carsharing-Angeboten von Car2Go bei Daimler oder DriveNow bei BMW: Das Unternehmen verkauft keine Autos mehr, sondern Mobilität. Es wird damit vom Hersteller zum Dienstleister. Das liegt durchaus im Trend und dient den Konzernen auf lange Sicht vielleicht sogar als Existenzsicherung, sagt Analyst Kempf.

Zwar sei die Idee vom geteilten Auto nicht neu. "Doch mit dem Aufkommen der Free-Floating-Anbieter, der Digitalisierung solcher Systeme, mit virtuellen Schlüsseln oder der Online-Abfrage von Standorten und Verfügbarkeiten hat ein richtiger Boom eingesetzt," sagt der Experte. Nicht umsonst meldet Daimler weltweit mehr als eine Million und BMW in Deutschland rund 400.000 Kunden und manche Studien rechnen allein in Europa bis zum Ende des Jahrzehnts mit 15 Millionen Nutzern und einer Viertelmillion Fahrzeugen.

Dass die Hersteller in diesem Geschäft direkt mitmischen und nicht einfach nur ihre Autos an Vermieter oder Dienstleister verkaufen, hat für Berylls-Experte Kempf vor allem einen Grund: "Sie haben Angst, auf lange Sicht den direkten Draht zu ihren Kunden zu verlieren - insbesondere wenn Carsharing mit autonomen fahrenden Autos möglich wird und Anbieter wie Google oder Apple ins Spiel kommen."

Denn je freizügiger die Autofahrer im Carsharing ihre Wagen wechselten, desto stärker schwinde die Bedeutung einer Herstellermarke, ist Kempf überzeugt. "Und das kann gefährlich werden für Unternehmen, die ihre hohen Preise vor allem mit der Strahlkraft ihrer Marke rechtfertigen."



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
kleenerernie 04.06.2015
1. spektakulär...
vollgetankt an den Wunschort und wieder abgeholt, dass macht Sixt schon seit Jahren... und das für alle Modelle. Innovation sieht anders aus!
ctwalt 04.06.2015
2. klar......
wer leiht sich bitte für 1300,- einen R8 ??? Kunden, die das Fahrzeug fahren oder es (anschliessend) kaufen wollen, werden das kostenfrei beim Händler machen. Das wäre ja im Vergleich zu einer immobilie so, als müsste ich das Musterhaus eine Woche mieten um es mir von innen anzusehen. Was soll das Ganze am Ende darstellen, herstellerfinanziertes Leihwagengeschäft, Entgegenkommen für Kunden, die inklusive Leihgebühr danach am freien Markt den billigsten (re-)importpreis suchen? Der von uns immernöch präferierte T5 Bus kostet uns als Italien-Reimport ca. 30% weniger als ein deutsches Modell bei gleicher Qualität, Service, Garantie. Am Ende schakten die Hersteller so ihre Händler aus.
spon-facebook-1193320237 04.06.2015
3. soso.. ein RS8?
dann kann ich dort also jedes Auto, dass ich mir wünsche, auch bestellen - egal ob es existiert, oder nicht? Fantastisch!
112211 04.06.2015
4. Concierge
So ein Hol- und Bringedienst dürfte richtig schön teuer werden und somit zumindest hierzulande nur ein Nischendasein fristen. In den USA sieht es wohl anders aus, dem Land, in dem der Weg zu Fuß fast überall ein Fremdwort ist (außer der Weg vom Parkplatz bis in den Supermarkt = max. 200 Meter ...), von wenigen Metropolen abgesehen und dort auch nur in einzelnen Bereichen.
moritz1989 04.06.2015
5.
Bei Sixt kriege ich an einem günstigen Wochenende einen Porsche 911 für 250 Euro. Ein ganzes Wochenende! Und einen Porsche! Was soll also so eine Kalkulation?
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