Audi Sport quattro Zivil-Bulle

Mit dem Sport quattro dominierte Audi in den Achtzigerjahren die Rallye-WM. Nur 200 halbwegs gezähmte Straßenversionen wurden gebaut. Einen davon ergatterte Mechaniker Lothar Beckers, doch das reicht ihm nicht: Mit Freunden baut er "Sportis" nach.

Von Kai Kolwitz


Wer eine Ahnung davon bekommen will, welches Maß an Zuneigung Lothar Beckers dem Audi Sport quattro entgegenbringt, der muss mit ihm in die Karosseriebau-Werkstatt eines Freundes fahren. Dort steht, ganz hinten in der Halle, eine weiße, unscheinbare Rohkarosse.

Gemeinsam mit seinen Freunden Ewald Pütz und Stephan Wolf baut der Feinmechaniker-Meister in dieser Werkstatt eine Motorsportlegende nach. Oder, genau genommen, das Auto, das als Basis für eine Motorsportlegende diente: den Sport quattro.

200 Stück wurden davon in den Achtzigerjahren gebaut. Zu Homologationszwecken, das Rallye-Regelwerk verlangte es so: Von allen Autos, die bei der Rallye-WM mitfuhren, mussten die Hersteller mindestens 200 halbwegs serienähnliche, straßentaugliche Exemplare auf die Räder stellen. 200 Autos, das ist eine überschaubare Anzahl. "Der letzte, der auf dem Markt angeboten wurde, ist für 320.000 Euro weggegangen", so Beckers.

Rally-Monster in zivil

Die Geschichte des keilförmigen Wagens mit der scheinbar bekannten Karosserie beginnt Ende der Siebzigerjahre: Damals reifte in den Köpfen einiger Audi-Entwickler ein tollkühner Plan. Sie wollten mit einem Wagen die Rallye-Weltmeisterschaft aufmischen, mit Allradantrieb als Trumpfkarte. Als Folge dieser Spinnereien präsentierte Audi Anfang 1980 fast gleichzeitig zwei Modelle. Das Audi Coupé, mit solider Audi-80-Technik an Bord. Und die Testosteron-Version des Coupés, mit fast der gleichen Karosserie, aber wuchtigen Kotflügelverbreiterungen, Turbolader, 200 PS und eben Allrad - den Audi quattro, heute als "Ur-Quattro" bekannt.

Innerhalb weniger Jahre revolutionierte der Quattro die Rallye-Szene. So sehr, dass Audi im Jahr 1984 nachlegen musste, um nicht den Anschluss gegen die nun ebenfalls allradgetriebene Konkurrenz zu verlieren. Das tat man mit einem Audi quattro, bei dem man anscheinend in der Mitte ein Stück herausgenommen hatte, damit das Auto kürzer und wendiger wurde. Audi nannte den Wagen "Sport quattro", das Modell, um das sich Beckers und seine Freunde heute in der Werkstatt bemühen.

Der Aufwand, den die drei Männer für ihre Replika treiben, ist mit dem Wort "Irrsinn" ziemlich zutreffend beschrieben. Denn der Sport quattro ist eben doch viel mehr als nur ein durchgesägter Ur-Quattro. Die Grundstruktur des Wagens ist beim Original wie auch beim Nachbau aus dem Hinterteil eines Audi Coupés und dem Vorderteil einer zweitürigen Audi-80-Limousine zusammengesetzt. "Da steht die Frontscheibe steiler. Damals wollte der Walter Röhrl (Audi-Werksfahrer und Rallye-Weltmeister - d. Red.) das so", sagt Becker.

Mit 400 PS durch den Alltag

Weil große Teile der Karosserie des Sport quattro aus Kohlefaser bestehen, liegen nun auch im Keller der rheinischen Werkstatt Laminierformen. Daneben lagern bereits fertiggestellte, federleichte Kotflügel, Hauben, Rennsitze und Unterfahrschutze. Seit 13 Jahren arbeiten die Männer an dem Projekt, gerade wird alles zusammengebaut. Die Replika ist bereits Nachbau Nummer zwei. Nummer eins fährt Pütz, das jetzige Projekt ist Stephan Wolf versprochen. Beckers selbst wiederum braucht gar keinen Nachbau. Er hat ja eins der 200 Originale.

"Mit 18 hatte ich einen Golf 1 GTI", beschreibt der 56-Jährige, der in Sankt Augustin bei Bonn lebt. "Aber da wollte ich schon einen Ur-Quattro, wie den von Walter Röhrl oder Hannu Mikkola." Für den Ur-Quattro hatte Beckers das Geld mit 23 zusammen, eine Weile Spaß und dann ziemlich schnell das nächste Ziel: "Ein Kurzer. Ein ,Sporti'", sagt er.

Wer heute in dem Wagen mitfährt, der kann das Begehren verstehen: Der auf weit über 400 PS leistungsgesteigerte Motor in Beckers' Wagen sorgt für regelrechte Schläge beim Beschleunigen. Brachiale Wucht trifft auf Allrad-Antrieb und ein Fahrwerk, bei dem man auf öffentlichen Straßen nur ahnen kann, was da noch an Kurvengeschwindigkeiten möglich wäre.

Schlachtaktion bei Nacht und Nebel

In diesem Auto fühlt man sich nicht wattig eingepackt wie in einem Supersportwagen moderner Bauart. Sondern man sitzt in einem Auto, das zwar überraschend alltagstauglich ist, aber trotzdem eckig, ruppig, hart, blechern - und mit fast schon orchestralem Motorsound, dank fünf Zylindern und Turboaufladung.

Allerdings war Beckers' Traum auch in den Achtzigern schon weder billig, noch stand er an jeder Straßenecke herum. Also kaufte der Fan zunächst die leere Rohkarosse eines Ex-Rennautos. Jahrelang suchte er schließlich Teile, bis er schließlich bei Nacht und Nebel einen Versuchsträger des Werks ausschlachten durfte und den Wagen komplettieren konnte. "Meine damalige Frau war zum Glück genauso verrückt wie ich und hat die Sache mitgemacht", blickt Beckers zurück.

Der "Sporti" blieb nicht Beckers' einziger Audi: Allein zehn weitere "normale" Ur-Quattros stehen heute in einer Tiefgarage, gekauft in einer Zeit, in der die Wagen billig zu haben waren. Hinzu kommen Hochregale voller Motoren, Karosserie- und Fahrwerksteile.

Außerdem wären da noch Käfer Cabrio, Golf 1 GTI, Audi TT und RS2, ein knallgelbes Turbo-Coupé aus den frühen Neunzigern mit gut 400 PS für die Nordschleife - und eben der Sport quattro, von dem sich der Audi-Fan wohl niemals mehr trennen wird. Und das obwohl kaum einer hinguckt, wenn die Rarität durch die Straßen des Bonner Umlands rollt - zu ähnlich sieht der Über-Audi dem braven Audi Coupé, von dem er damals abgeleitet wurde.

"Mein Briefträger hat zu dem Kurzen mal gesagt: ,Was hast du denn da für einen Plastik-Bomber?'", sagt Beckers. Es hat ihn nicht die Bohne gestört.



insgesamt 29 Beiträge
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PowlPoods 05.07.2015
1. Ich
bin einmal ein Wochenende das Pedant von Peugeot, den 205 T16, gefahren. Ein Autoelefant. Bei jedem Schaltvorgang hat es einem die Kante vom Sportsitz in den Nacken geschlagen und beim Bremsen drückte der Magen gegen die Bauchdecke und gegen den Hosenträgergurt und man ist nassgeschwitzt, aber glücklich ausgestiegen. Verbrauch, wenn man ein klein bisschen aufs Gas gestiegen ist, 30 liter + x vom guten Super verbleit. Eine Autogeneration, die seinesgleichen sucht und die mit den rundgelutschten Karrossen der Neuzeit nicht vergleichbar sind.
ceisen72 05.07.2015
2. Kohlefaser?
Ich denke mal, dass das wohl eher Glasfaser ist. Für Kohlefaser fehlt der Autoklaven.
sierrabravofour 05.07.2015
3. Dominierten?
1983 und 1984 die Fahrerweltmeisterschaft, 1982 und 1984 die Marken-WM. Davor und seitdem: Nichts!
brendan33 05.07.2015
4. @3
Davor: Erst kurz davor in die RallyeWM eingestiegen. Danach: Verbot der Gruppe B-Fahrzeuge. Seitdem fahren mittelmässig motorisierte Kleinwagen um die Rallye-WM. Gehts ansonsten im Motorsport im Allgemeinen und Audis Erfolge? Einfach mal DTM, LeMans und PikesPeak googeln!
steffen.ganzmann 05.07.2015
5. Homologation ...
... mit nur 200 Fahrzeugen? Bei meinem Escort RS1800 waren es noch 500 ...
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