Autogramm Audi RS4 Avant Der Krawall-Kombi

Das Auto ist grotesk übermotorisiert, völlig unvernünftig, restlos überteuert und überflüssig wie ein Kropf. Selbst technisch ist der Wagen mit dem hochdrehenden Achtzylinder nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Aber gerade das macht den Reiz des neuen Audi RS4 Avant aus.

Audi

DER ERSTE EINDRUCK: Ein Kombi als Kraftprotz? Eigentlich ist das ziemlich dämlich, weil Sportwagen leicht und schnittig sein sollten. Andererseits hat es auch einen gewissen Charme, wenn man mit einer vermeintlich braven Familienkutsche so manchen waschechten Sportwagen ärgern kann.

DAS SAGT DER HERSTELLER: Audi verklärt den RS4 Avant zur Ikone unter den Sportmodellen des Werkstuners Quattro GmbH. Vor 18 Jahren und drei Fahrzeuggenerationen gab die Firma mit dem damals noch bei Porsche gebauten RS2 ihr Debüt. Seitdem wurde das Auto zum meistverkauften Modell der Sportabteilung und legte in der Leistung beständig zu - von damals 315 auf heute 450 PS.

Produktmanager Rolf Michl nennt das Auto einen "Sportwagen für den Alltag" und Ingenieur Matthias Nöthling lobt den Technologietransfer von der Rennstrecke auf die Straße. Allerdings wissen die Bayern, dass kaum je ein Kunde den Wagen auf einem Rundkurs ausreizen wird. "Aber die Käufer wollen die Gewissheit, dass sie könnten, wenn sie wollten." Audi hat aber tatsächlich auch nicht nur im Motorraum einen hohen Aufwand getrieben, der den Aufpreis von 20.000 Euro gegenüber dem 333 PS starken S4 rechtfertigen soll.

DAS IST UNS AUFGEFALLEN: Das wunderbare Orgeln des V8-Motors. Denn der RS4 zählt zu den letzten seiner Art. Die BMW M GmbH und der Mercedes-Ableger AMG haben bei ihren Power-Modellen längst mit der Umstellung auf Turbomotoren begonnen. Und auch Audi setzt im S8 einen aufgeladenen Achtzylinder ein, der bei Teillast sogar nur auf vier Töpfen brennt. Doch im RS4 Avant jubelt ein Saugmotor bis auf 8500 Touren und verhöhnt lauthals die Idee vom Downsizing durch Aufladung.

Der Motor klingt klasse, vor allem wenn sich die Schallklappen im Sportauspuff öffnen. Er schiebt bei jeder Drehzahl brachial nach vorn und hämmert bis zu 430 Nm auf die Kurbelwelle. Er kennt weder Gedenksekunde noch Turboloch und ist so herrlich anachronistisch wie das ganze Auto. Audi verbaut das Triebwerk aber nicht allein aus Liebe zur Drehorgel, sondern aus Zeit- und Platznot. Der neue Turbo-V8 war beim Start der RS4-Entwicklung noch nicht fertig und er würde auch nicht unter dessen Haube passen.

Auffällig ist der Aufwand, den Audi für ein rennstreckentaugliches Fahrwerk treibt. Es gibt - zum Teil gegen Aufpreis - vom Sportfahrwerk mit Wankausgleich bis zum Hinterachssportdifferential, das mehr Drehmoment ans kurvenäußerer Rad leitet, um auf mehr Tempo zu kommen - so viele technische Finessen, dass man den Allradantrieb beinahe vergisst. Der RS4 lenkt unglaublich direkt und schnell ein, lässt bisweilen sogar ein wenig das Heck kommen und fährt wie auf Schienen wieder aus der Kurve heraus.

DAS MUSS MAN WISSEN: Der RS4 ist der stärkste und schnellste Vertreter der A4-Familie. Er kann ab sofort ab 76.600 Euro bestellt werden und kommt im Herbst auf die Straße. Der V8-Motor beschleunigt den Wagen in 4,7 Sekunden auf Tempo 100 und macht der Raserei bei 250 km/h nur auf Wunsch der Elektronik ein Ende. Wem das nicht reicht, dem schaltet Audi den RS4 gegen 1500 Euro Aufpreis auch bis 280 Sachen frei. Gab es den Kraftmeier in der letzten Generation auch als Limousine, wurde das Stufenheck diesmal aus dem Programm genommen. Wer keinen Kombi will, kann das RS5 Coupé mit der identischen Technik bekommen.

DAS WERDEN WIR NICHT VERGESSEN: Die Skala des Drehzahlmessers, dessen roter Bereich erst jenseits von 8000 Touren beginnt. Vermutlich sieht man so etwas künftig nur noch bei Motorrädern.

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