Audi Ai:Trail Flughöhe null

Audi propagiert auf der IAA ein Leihmodell für Autos: Fahrer bekommen immer den Wagen, den sie brauchen. Zum Beispiel den radikalen SUV Ai:Trail, in dem man wie in einem Hubschrauber sitzt.

Audi

Von Thomas Geiger


Wenn Audis Designchef Marc Lichte über seine vier jüngsten Studien spricht, wirkt er wie befreit: "Endlich keine Kompromisse mehr." Die Wagen sind konzipiert für eine Zeit, in der Autos nicht mehr gekauft werden, sondern sich die Kunden für jede Gelegenheit das passende Modell ausleihen. In einer solchen Welt konstruieren die Entwickler weniger riesige Allroundautos - sondern mehr Spezialfahrzeuge, die eine Sache richtig gut können.

Audi hat auf der Autoshow IAA nun ein Quartett derartiger Elektro-Fantasieautos komplettiert - und will damit zeigen, dass der Hersteller nicht immer in den üblichen Kategorien wie Limousine, Kombi oder SUV denkt. Das Auto mal ganz neu denken - ist es nicht das, was alle immer von den Konzernen verlangen?

Mondauto für Besserverdiener

Diesen Anspruch hatte Audi schon für den Ai:Con, einen Luxus-Langstreckengleiter für die Zeit des Autopiloten vor zwei Jahren. Und mehr noch für den Ai:Race, der sich allein dem Fahrspaß verpflichtet fühlt. Den Ai:Me wiederum will Lichte als Gegenentwurf zu gesichtslosen Robotaxen für die Stadt verstanden wissen will.

Der jüngste und letzte Neuzugang in dieser Reihe ist nun der Ai:Trail. Auf den ersten Blick wirkt der wie eine Art Mondauto für Besserverdiener. Audi schwebte ein Freizeitauto für Pärchen vor, die ein Wochenende in der Natur verbringen wollen, mit Camping am Stand oder Wandern im Gebirge. Vielleicht besitzen diese Nutzer dann gar kein Auto oder fahren im täglichen Leben ein ganz anderes.

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Audi Ai:Trail: Das Radikal-SUV

Der Eindruck, dass der Wagen für einen anderen Himmelskörper womöglich besser geeignet wäre, entsteht vor allem durch die verglasten, kantigen Kabine. Die Seiten sind ausgestellt, die Brüstung ist sehr niedrig. Statt Instrumenten gibt es nur ein Smartphone, das man auf die Lenksäule steckt. Am reduzierten Armaturenbrett vorbei schaut der Fahrer durch den verglasten Bug auf die Fahrbahn. Das wiederum wirkt wie im Helikopter, wenngleich mit Flughöhe null. Den Eindruck verstärkt diese Art Steuerhorn, die ein klassisches Lenkrad ersetzt.

Obwohl der Ai:Trail mit 4,15 Meter kürzer ist als ein aktueller Q3 (aber 2,15 Meter breit), wirkt er innen luftiger als ein Q7. Dies auch, weil die Antriebstechnik wie bei jedem Elektroauto im Wagenboden verschwindet und die volle Fahrzeugfläche für die Insassen genutzt werden kann. Richtig leicht ist das luftig anmutende Gefährt mit 1,75 Tonnen allerdings nicht.

Drohnen ersetzen Fernlicht

Bei den Details des SUV haben sich die Entwickler ausgetobt - wie bei solchen Studien üblich. Da sind integrierte Outdoor-Trinkflaschen, an der Decke hängt ein Fernglas statt Rückspiegel, und es gibt einen prominent platzierten Verbandskasten. Die hinteren Sitze sind wie Hängematten in den Rahmen gespannt, sie können zudem im Wagenboden verstaut oder in den nächsten Baum gehängt werden.

Und wenn die Entwickler schon mal nach Herzenslust brainstormen dürfen, kommt auch so etwas heraus: Statt einem konventionellen Fernlicht hat der Ai:Trail zwei LED-Drohnen auf dem Dach, die bei Bedarf aufsteigen, vorausfliegen und dem Wagen so den Weg weisen.

Weniger Wert haben Lichte und seine Leute auf klassische Audi-Eigenschaften gelegt. Zwar soll das Auto mit seinen vier nah an den Rädern montierten Motoren (zusammen 320 kW und 1000 Nm), Allradantrieb und besonders nachgiebigen Offroad-Reifen im Gelände extrem beweglich sein. Doch das Tempo wird mit Blick auf die Reichweite auf 130 km/h beschränkt. Audi will so einen Aktionsradius von 400 bis 500 Kilometern erreichen.

Experte hält das Nutzungsszenario für naiv

Wer auf der Straße schneller als 130 km/h fahren will, soll sich eben bei "Audi on Demand" ein anderes Auto bestellen, wer mehr Infotainment, mehr Luxus oder mehr Platz möchte ebenfalls: "Das ist der Charme an der On-Demand-Idee", sagt Lichte, "mit jedem Auto decken wie ein anderes Nutzerszenario ab."

Wäre das eine Welt, in der Menschen nicht mehr mit großen SUV in die Stadt fahren, sondern sich Geländefahrzeuge nur leihen, wenn sie sie wirklich brauchen? Skeptisch gibt sich der Kölner Designprofessor Paolo Tumminelli. Er rügt die Naivität, mit der Audi den möglichen Einsatzzweck des Ai:Trail glaubhaft machen will. Er bezweifelt zudem, dass sich ein solches Konzept rechnet. "So gesehen ist der Ai:Trail kaum überzeugender als die Düsenjäger-Fahrzeuge, die von den amerikanischen Big Three - GM, Chevrolet, Ford - in den Fünfzigerjahren zu Propagandazwecken aufgelegt wurden."

Gute Idee oder Ablenkungsmanöver?

Es ist aber die Frage, wie man eine solche Studie versteht - als ernstgemeinte Idee für die Mobilität von morgen, als Ablenkungsmanöver oder als gedankliche Lockerungsübung in einer Branche, die vielen als gestrig gilt. "Die Studie beweist, dass sie in Ingolstadt weit über platte Limousinen und dicke SUV samt barocker Frontgrills hinaus denken", hält Tumminelli Audi zugute.

Handwerklich sei Audi zudem kein Vorwurf zu machen: "Das Design-Konzept ist charmant, strahlt eine gewisse Romantik aus und trifft sicher den Nerv einer jungen, vom Stau gelangweilten Generation." Ein elektrischer Geländewagen, der Mensch und Natur versöhne, sei an den Designhochschulen nicht umsonst ein immer wiederkehrendes Thema. Der Ai:Trail sei so, wie es sich für eine Studie gehört: "Stilistisch auffällig und inhaltlich realitätsfremd."

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Sleeper_in_Metropolis 10.09.2019
1.
Zitat : "Wäre das eine Welt, in der Menschen nicht mehr mit großen SUV in die Stadt fahren, sondern sich Geländefahrzeuge nur leihen, wenn sie sie wirklich brauchen?" Und wann braucht man so ein Fahrzeug wirklich ? Vermutlich nie, genau so wie man SUVs eigentlich nicht braucht. Forstarbeiter, Jäger&Co. werden ohnehin ein passendes Fahrzeug besitzen, die fallen als Leihkundschaft für so eine Karre also schon mal weg. Und alle anderen benötigen das wohl nur für ein Wochenende im Kriegsgebiet. Na gut, Blender die knapp bei Kasse sind, aber vor den Nachbarn, den Kollegen oder der Angebeteten trotzdem auf dicke Hose machen wollen vielleicht, aber ob das alleine das Geschäft trägt ?
dagegengewicht 10.09.2019
2. audi kapiert es offenbar nicht.
anstatt ständig neue ps-monster rauszubringen, mit dem cw-wert der eiger nordwand und so sinnvoll wie ein kropf, sollten sie mal ihre hausaufgaben machen, die fehlenden unterlagen rausrücken und autos bauen, die sinnvoll in unsere zeit passen. aber nein, audis machen heute auf dicke hose ... . wer als halbwegs seriös gelten will kann sich in ingolstadt heute doch praktisch nix mehr kaufen.
c.PAF 10.09.2019
3.
Betrügt sich Audi diesmal womöglich selbst? Ich denke nicht, letztendlich sollen wohl wieder Kunde/Umwelt über's Ohr gehauen werden...
syracusa 10.09.2019
4. ein Fall für Psychiater
Zitat von c.PAFBetrügt sich Audi diesmal womöglich selbst? Ich denke nicht, letztendlich sollen wohl wieder Kunde/Umwelt über's Ohr gehauen werden...
Ich denke schon. Unternehmensführung, Entwicklungsabteilung, Ingenieure und Designer sind in aus der eigenen Werbestrategie entstandener kognitiver Dissonanz gefangen und finden nicht mehr heraus. Die Welt, für die sie ihre Autos designen, gibt es gar nicht, und es gab sie nie. Und das gilt nicht nur für Audi, sondern mehr oder weniger für alle PKW-Hersteller. Die Werbung konstruiert Bedürfnisse, die Menschen nicht wirklich haben, um Bedarf zu wecken und Umsatz zu generieren. Und weil das seit Jahrzehnten die gleichen Propagandalügen sind, haben die Hersteller angefangen, ihre eigenen Lügen zu glauben. Sie glauben sicher ernsthaft, dass Menschen das Bedürfnis haben, in einem Zweisitzer mit 340 kW und 1000 Nm durch unbekanntes Gelände zu rasen. Das ist ein Fall für Psychiater, nehme ich an.
Danny G. 10.09.2019
5. Sieht eher aus...
...wie ein Auto, das in die Ära der Post-Klimakatastrophe passt. Das landschaftliche Setting passt dazu. Blöd nur, dass es dann (hoffentlich) keine Menschen mehr gibt, die das Ding noch leihen könnten...
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