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05. Oktober 2004, 16:10 Uhr

Außer Kontrolle

Wenn Autos einen eigenen Willen entwickeln

Der rasende Franzose war nicht der erste Fahrer, dessen Auto auf Grund technischer Probleme außer Rand und Band geriet. Zur Rettung zweier unfreiwilliger Hochgeschwindigkeitspiloten in Großbritannien und USA trugen Handys und mutige Polizisten bei.

Angel Eck war zunächst nur leicht verwirrt, als ihr Auto plötzlich selbständig beschleunigte. Doch bald packte sie der wahre Horror: Die 20-jährige Amerikanerin konnte nicht mehr bremsen, ihr sieben Jahre alter Pontiac Sunfire geriet außer Kontrolle, berichtete "The Guardian" im Februar. Schnell erreichte ihr Wagen auf der Interstate 70 zwischen Limon in Colorado und Denver eine Geschwindigkeit von 160 km/h. Verzweifelt versuchte sie, per Handy die Polizei zu erreichen - zunächst vergeblich.

"Er beschleunigte immer weiter, und mein Fuß war noch nicht mal auf dem Gaspedal", sagte Eck gegenüber des "Guardian", "er hatte einen eigenen Willen." Sie schaltete den Warnblinker ein, kam dreimal von der Straße ab, um anderen Autos auszuweichen, fuhr fast in einen Lastwagen und in ein mit Kindern voll besetztes Auto.

Die Rettung nahte, als sie endlich per Handy einen Freund erreichte, der die Polizei einschaltete. Und die knobelte ein wahrhaft filmreife Strategie aus: Während Polizeiwagen in den Randgebieten von Denver vor Angel Eck die Straße räumten, setzten sich Officer Troy Bisgard und Gary Ayers mit ihrem Wagen vor den durchgedrehten Pontiac. Der kollidierte leicht mit dem Polizeiauto und wurde dann langsam zum Stehen runtergebremst. "Ich dachte: 'Oh my God, no way', aber ich glaube, das war die beste Lösung", sagte die Fahrerin Eck, nachdem das gefährliche Manöver gelungen war.

Zwanzigtonner in voller Fahrt

Andere technische Probleme hatte ein 26-jähriger britischer Lastwagenfahrer: Sein Gaspedal klemmte und wollte nicht wieder vom Fußboden kommen. Mit 130 km/h raste der Zwanzigtonner auf der stark befahrenen M1 gen London. "Die ersten Minuten war ich voller Panik", sagte der Fahrer Michael Rayner der Zeitung "The Mirror" im Mai 1998. "Ich war zu Tode erschrocken und fühlte mich sehr allein, als ich den Autos auswich."

Die Bremsen hatten sich in heiße Luft verwandelt, nach dem Abschalten des Motors wäre der rasende Laster nicht mehr zu kontrollieren gewesen. Rayner griff zum Handy, rief seinen Vater und dann die Polizei an. Polizeiwagen und -hubschrauber nahmen die Verfolgung auf und versuchten die sechsspurige Autobahn freizuhalten. Kurz vor einem Kreisel schließlich, nach 30 Kilometern Horrorfahrt, fuhr Rayner auf den Seitenstreifen und bremste sich an der Leitplanke aus. Nach rund 50 Metern kam der Lkw zum Stehen.

Rayner stieg unverletzt aus seinem Laster und dankte den Polizisten. Die britische Polizei pries die Umsicht des Fahrers und versprach, von einer Anzeige wegen Geschwindigkeitsüberschreitung abzusehen. Normalerweise befördert der 26-Jährige Salzsäure, an diesem Tag war der Tankwagen jedoch leer.

Antje Blinda

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