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Ausstellung zur Fahrradkultur: Das bekommen Besucher in Dresden zu sehen

Foto: Verkehrsmuseum Dresden/ Sarah Seefried

Ausstellung zur Fahrradkultur "Radler galten schon immer als etwas exzentrisch"

Das Fahrrad läuft dem Auto den Rang als Statussymbol ab. Eine Ausstellung in Dresden widmet sich nun der Kulturgeschichte des Rads - mit allen seinen Krisen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schmidt, Ihre Ausstellung heißt: "Der eigene Antrieb - oder wie uns das Rad bewegt" . Was hat Sie denn zu dieser Ausstellung bewegt?

Petra Schmidt arbeitet als Kuratorin, Kommunikationsexpertin und Design-Managerin in Frankfurt am Main. Nach ihrem Studium der Theater- Film und Medienwissenschaft war sie von 1999 bis 2007 Chefredakteurin der renommierten Designzeitschrift "form".

Schmidt: Mich hat die Entstehungsgeschichte des Fahrrads fasziniert, die mit vielen Hindernissen verbunden war. Fahrradfahren ist wie eine tägliche Zirkusnummer, ein Drahtseilakt, den wir heute wie selbstverständlich erledigen. Weil sich die Menschen das Balancieren im 19. Jahrhundert aber nur schwer vorstellen konnten, hat dies auch die Entwicklung des Rades zunächst behindert.

SPIEGEL ONLINE: Was hat dem Fahrrad dann letztendlich doch zum Durchbruch verholfen?

Schmidt: Mit der Zeit haben die Menschen ihre Ängste überwunden - auch durch die Erfindung des Rollschuhs, der ihnen das Gleiten näher brachte. Richtig in Schwung kam die Entwicklung des Fahrrads aber erst ab etwa 1861 mit der Erfindung der Pedale am Vorderrad. Die Draisine selbst war eher ein Laufrad, wie es Kinder heute haben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich nur wenig Zeit habe, was sollte ich mir auf jeden Fall in der Ausstellung angucken?

Schmidt: Wir haben etwa eine Jacke in der Ausstellung, die sich durch den Fahrtwind aufbläht und den Radfahrer wie eine große Amöbe wirken lässt. Die Studierenden, die diesen Prototypen entwickelt haben, möchten so für mehr Sichtbarkeit und Sicherheit sorgen. Und man kann in einem großen Barocksaal verschiedene Räder ausprobieren, etwa ein Hochrad oder ein Liegerad. Außerdem zeigen wir die Geschichte des Fahrrads als Designgeschichte mit ihren Wegen und Irrwegen. So gab es etwa ein Kunststoffrad als Reaktion auf die Krise des Fahrrads. Ein totaler Flop! In den Sommermonaten wurde der Rahmen warm und weich.

SPIEGEL ONLINE: Wodurch wurde die Krise des Fahrrads ausgelöst?

Schmidt: Durch den Wohlstand in der Wirtschaftswunderzeit und den damit verbundenen Autoboom. Den Tiefpunkt erreichte die Entwicklung in den Siebzigerjahren. Das Rad ließ sich nur noch als Anhängsel des Autos verkaufen, es machte sich regelrecht klein, um überhaupt noch Käufer zu finden - so kamen die Klappräder in Mode.

SPIEGEL ONLINE: Wie schaffte es das Rad wieder, Begehrlichkeiten zu wecken?

Schmidt: Wichtige Impulse kamen aus der damals noch jungen Szene der Mountainbiker. Durch neue Technik wie Scheibenbremsen, dickere Reifen und Federung schafften sie es, eine neue Aufmerksamkeit auf das Fahrrad zu lenken. Auch die Art, wie sie Fahrrad fuhren, war etwas Neues - die Berge hoch und runter, mitten in der Natur. Durch sie hat sich viel verändert im Radbereich.

SPIEGEL ONLINE: Heute gibt es kaum noch eine Werbung ohne Fahrradmotiv. Sei es in der Modefotografie oder in Möbelprospekten. Wie kam es dazu?

Schmidt: Das Fahrrad ist zum Lifestyleprodukt geworden, mit dem sich die Besitzer gerne schmücken. Junge Menschen machen deutlich seltener als früher einen Führerschein. Bei dieser Zielgruppe hat das Fahrrad das Auto als Statussymbol abgelöst oder zumindest infrage gestellt. Das sieht man auch daran, dass Fahrräder mittlerweile häufig wie Kunst- oder Designobjekte in Wohnungen hängen.

SPIEGEL ONLINE: Was nehmen Sie persönlich aus der Ausstellung mit, was Sie vorher nicht wussten?

Schmidt: Dass es bereits im 19. Jahrhundert Frauen gab, die um die Welt geradelt sind wie Annie Londonderry. Das Fahrrad hat auch dazu geführt, dass sich der Kleidungsstil der Frauen änderte - von langen Kleidern und engen Korsetts zu Hosen und Männerjacken, weil die für die Bewegungsfreiheit einfach besser geeignet waren.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Ausstellung sprechen Sie davon, dass das Fahrrad auch immer ein "Vehikel der Gegenkultur" war. Was meinen Sie damit?

Schmidt: Radler - auch die ganz frühen - galten schon immer als etwas exzentrisch. Für die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert erfüllte das Rad eine wichtige Funktion indem es half, in kürzerer Zeit längere Strecken zurückzulegen. Nur so konnten sich die Arbeiter mit anderen Gruppen solidarisieren.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Bewegung sehen Sie heute?

Schmidt: Eine Fahrradbewegung, die sich für mehr Nachhaltigkeit einsetzt. Dafür steht beispielsweise die Critical Mass, ein Flashmob von Fahrradfahrern in fast allen Großstädten für bessere Fahrradwege. Oder Selbsthilfewerkstätten namens Bike Kitchen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie eine technische Erfindung nennen müssten, die das Fahrrad in den letzten Jahren maßgeblich verändert hat. Welche wäre das?

Schmidt: Der Lithium-Ionen-Akku. Die kleinen Batterien haben mehr Gestaltungsfreiheit gebracht. Außerdem wurde durch die Batterietechnologie fürs Fahrrad auch weniger sportlichen Menschen mehr Mobilität mit dem Rad ermöglicht.

Ausstellungsplakat

Ausstellungsplakat

Foto: Pixelgarten/ SKD

Der eigene Antrieb - oder wie uns das Rad bewegt. Eine Ausstellung des Kunstgewerbemuseums der Staatlichen Kunstsammlung Dresden. 30. April 2016 bis 01. November 2016, Schloss Pillnitz

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