Auto der Zukunft Elektropionier China verliert den Mut

Dämpfer aus Fernost: Mit aller Macht wollte die chinesische Führung das Elektroauto auf den Weg bringen - und weckte Erwartungen einer ganzen Branche. Doch die anfängliche Euphorie ist der Ernüchterung gewichen. Inzwischen zählt auch Regierungschef Wen Jiabao zu den Skeptikern.

Renault

Umweltschützer, Zukunftsforscher und Politiker sind sich schon lange einig: Der Elektromotor wird das Automobil der Zukunft antreiben. Als Kronzeugen rufen sie dafür gerne den chinesischen Regierungschef Wen Jiabao auf, der sein Land mit Macht ins elektrische Zeitalter hatte katapultieren wollen - mit Milliarden aus der Staatskasse und erzwungener Entwicklungshilfe ausländischer Konzerne. Bis 2020, lautete sein erklärtes Ziel, sollten fünf Millionen Elektroautos auf Chinas Straßen fahren.

Doch inzwischen macht sich Ernüchterung breit: "Alle werden etwas realistischer", stellte Volkswagen-China-Chef Karl-Thomas Neumann fest. "Es braucht mehr Zeit." Niemand sollte sich überzogene Hoffnungen machen, was möglich sei.

Der VW-Manager räumt auch ein, dass er etwas "geschockt" gewesen sei, als Wen seine Zweifel öffentlich gemacht hatte. Der Premier hatte im Parteimagazin "Qiushi" ("Wahrheit") geschrieben, es sei "ungewiss", ob Elektroautos oder nicht doch Hybrid-Fahrzeuge am Ende als Gewinner aus dem Rennen hervorgehen. Die Entwicklung zentraler Technologien gehe nicht schnell genug voran, und es sei auch nicht endlos Geld für zusätzliche Investitionen und staatliche Förderung vorhanden.

"Es sah wie ein Richtungswechsel aus", sagte Neumann auf der Internationalen Automesse im südchinesischen Guangzhou. Doch der Verdacht habe sich in Gesprächen mit Verantwortlichen und Experten in den Monaten seither nicht bestätigt. "Er (Wen) ist enttäuscht, aber das bedeutet nicht, dass es einen Kurswechsel gibt", sagte der VW-Manager. "Ich bin sicher, dass China nicht lockerlassen wird." Aber Realismus sei notwendig. "Die Idee, dass Elektroautos die Benzin-Autos ersetzen könnten, wird nicht funktionieren." Die Kosten seien einfach noch zu hoch und die Volumen anfangs zu gering.

Handelsschranken bremsen

Nach Überzeugung von Branchenbeobachtern bremst die chinesische Regierung aber auch selbst die Entwicklung, indem sie ausländische Konzerne zum Technologietransfer zwingt. Einem erst jüngst eingeführten Erlass zufolge muss das geistige Eigentum für eine der drei Schlüsselkomponenten eines E-Mobils - Batterie, Motor oder Elektronik - beim chinesischen Gemeinschaftsunternehmen liegen. Dem sind nicht nur die Autobauer selbst, sondern auch die Zulieferer unterworfen, weil sie ohne solche Joint Ventures keinen Zugang zum chinesischen Markt mehr bekommen. Die Vorschriften sollten am besten aufgehoben werden, findet Neumann. "Der Markt muss geöffnet werden, damit jeder seine beste Technologie mitbringt."

Er glaubt aber auch, dass Hybrid-Fahrzeuge, die mit geringerer Reichweite elektrisch fahren und dann den Benzinmotor anwerfen, zunächst die beste Zwischenlösung sind. Dann könnten die Technologien erprobt und höhere Stückzahlen erreicht werden. 2013 oder 2014 gehen bei Volkswagen die ersten Elektroautos in Produktion. Ob China seinen Fünf-Millionen-Plan verwirklichen kann, mochte aber auch Neumann nicht sagen.

Batterie bleibt größtes Problem

"Das größte Problem stellt immer noch die Batterie dar", sagte auch der Chefökonom und Vizegeneralsekretär von der Personenwagenvereinigung Chinas (CPA), Cui Dongshu, "ebenso wie das Gewicht, die Sicherheit, die Flexibilität." China werde hier nicht allein den technologischen Durchbruch schaffen. Die Infrastruktur sei in China aber schnell aufgebaut.

Das sieht der Daimler-Chef für Nordost-Asien, Ulrich Walker, ähnlich, auch wenn er ein Netz aus Ladestationen am liebsten schon errichtet sehen würde, bevor die ersten E-Mobile in größeren Stückzahlen auf den Markt kommen. Denn das würde die Verkaufschancen beträchtlich erhöhen. Mercedes will im April auf der Automesse in Peking sein erstes Elektroauto in Kooperation mit dem chinesischen Hersteller BYD (Build Your Dreams) vorstellen. 2013 soll wie geplant das erste Fahrzeug auf den Markt kommen. "Die Arbeiten mit BYD kommen gut voran", sagt Walker. Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht die Kooperation mit dem angeschlagenen Batterie- und Autoproduzenten allerdings eher kritisch. "BYD ist gescheitert", sagte der Direktor des Centers für Centers Automotive Research (CAR). Er sieht besonders Nissan und Mitsubishi weit vorn. "General Motors und Ford sind auch gut unterwegs."

Auch Dudenhöffer sieht das Elektroauto "noch in den Kinderschuhen", ist aber überzeugt: "Die Welle kommt." Erst kämen die Plug-in-Hybride, dann die Elektrofahrzeuge, die ab 2015 in größeren Zahlen die Straßen in China bevölkern dürften. "Die Chinesen sind dabei viel offener als wir." Vom Fahrrad seien sie schon auf Elektrobikes umgestiegen. "Das zeigt, was dort alles möglich ist und wie schnell es geht." Die Absicht, die Verbrennungsmotoren in Chinas Großstädten zu verbieten, habe einen Riesen-Schub an Innovationen und neuen Produkten bei den Autobauern weltweit ausgelöst. "Ohne China würden wir heute nicht über Elektroautos reden."

mik/dpa



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