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Auto-Expo in Neu-Delhi: Aufschwung zwischen Ruinen

Foto: Tom Grünweg

Auto-Expo 2012 in Neu Delhi Showtime im Schmutz

Normalerweise herrscht auf Automessen Glanz und Gloria. Die Auto-Expo in Neu-Delhi erinnert eher an eine "Mad-Max"-Kulisse, allerdings mit Facebook-Anbindung. Ein Messerundgang.

Detroit oder Delhi? Fragt man indische Automanager, sollte sich die Branche ernsthaft mit dieser Frage auseinandersetzen. Der Grund: Seit Jahrzehnten beginnt das Autojahr traditionell mit der Show in der US-Metropole; doch inzwischen hat sich die indische Auto-Expo noch davor in den Messekalender gedrängelt. Alle zwei Jahre findet sie statt - und erfährt stetig mehr Beachtung. Denn Indien gilt nach China und Brasilien als wichtigster Wachstumsmarkt der Branche.

Wer sich vor Ort einen Eindruck verschaffen möchte, braucht vor allem Geduld. Das Taxi zur Messe kriecht mehr, als dass es fährt. Das Versprechen einer "Mobilität für alle" wird hier zum Horrorszenario. Bislang kommen auf 1000 Inder lediglich 19 Autos. Wie soll das erst werden, wenn der auf Wachstum programmierte Subkontinent tatsächlich zum drittgrößten Automarkt der Welt aufsteigt?

Hat man bei anderen Automessen nach der Ankunft und der Ticketkontrolle am Eingang das Schlimmste hinter sich, fängt auf dem Pragati-Maidan-Messegelände das Chaos erst so richtig an. Die Wege zwischen den Hallen sind löchrig und verwinkelt, die Gebäude marode und die Luft so dreckig, dass atmen fast schon weh tut. Zum Smog kommt der Staub, den abertausend Füße aufwirbeln. Die Putzkolonnen sind chancenlos.

Während die neuen Autos auf anderen Messen im Scheinwerferlicht glänzen, glimmen sie hier matt unter einer Staubschicht. Die wird in den nächsten fünf Tagen noch viel dicker werden, denn dann stolpern nicht mehr nur Journalisten und Fachbesucher, sondern insgesamt rund zwei Millionen Besucher über die Messe. "Wer da in einer Halle etwas fallen lässt, wird es nie mehr wiedersehen", sagt der indischer Manager eines europäischen Herstellers. "Denn bücken kann man sich in dem Gedränge nicht mehr."

Panzer, offene Garküchen und Feuer aus alten Teppichresten

Dabei böte das Gelände eigentlich genug Platz für die rund 1500 Aussteller. Mehr als 30 Hallen stehen hier, doch viele bleiben leer. Das scheint auch vernünftig, denn etliche Gebäude sehen aus, als könnten sie jeden Moment einstürzen. Ein Teil der Freiflächen ist von Tempeln, fliegenden Händlern und einer Dauerausstellung der indischen Armee belegt. So wird die Auto-Expo zur wohl einzigen Automesse weltweit, auf der es auch Panzer, Raketen und Düsenjäger zu sehen gibt.

Im Grunde ist das Messegelände ein Stadtteil für sich - und kein feiner. Garküchen und Backbuden sind auf den Brachflächen aufgebaut; drum herum kampieren, wie auch in den Zwischengeschossen der Hallen, Hunderte von Landarbeitern und Messebauern: Massenlager zwischen Kisten, Containern, Lagerfeuern aus Teppichresten und Betonruinen. Wäre "Mad Max" nicht schon gedreht, hier stünde die ideale Kulisse für den Film.

Das verlotterte Ambiente steht in krassem Gegensatz zum gigantischen Aufschwung des Landes - insbesondere der Autoindustrie. In Indien haben sich in den vergangenen fünf Jahren die Zulassungszahlen mehr als verdoppelt, die Prognosen verheißen goldene Zeiten, die gerade von den Pkw-Herstellern umworbene Mittelschicht wächst und wächst.

Heile Welt in der doppelten Halle

Diese Mittelschicht sei jedoch anders geprägt als in China oder dem Rest der Welt, sagt Kay Segler, der Chef der BMW-Kleinwagenmarke Mini, der das Land seit 25 Jahren kennt. "Für die Hälfte der Bewohner bedeutet schon ein Paar Schuhe Luxus", sagt Segler. Die zwar kleinen aber teuren Modelle von Mini, die ab sofort auch in Indien angeboten werden, können sich wohl nur sehr wenige Menschen leisten.

Die scharfen Kontraste der Auto-Expo werden auf den Ständen der europäischen Hersteller besonders deutlich. Denn die haben sich mit Hallen in den Hallen ihre eigenen kleine, heile Messewelt gebastelt. Während draußen Dutzende von Generatoren den Strom für gleißend helle Scheinwerfer liefern, vergisst man vorübergehend, dass man in Delhi und nicht in Detroit ist.

Mit Hilfe von künstlichen Zwischendecken, doppelten Böden und umlaufenden Stellwänden bleibt die Realität ausgeblendet - und mit ihr Staub, Qualm und zumindest die strengsten Gerüche. Die Illusion währt jedoch nur kurz, denn ständig bekommt man als ausländischer Besucher an den Ständen von BMW, VW, Mercedes oder Ford eindringliche Ratschläge: "Machen Sie einen Bogen um jedes Buffet und verkneifen sie sich alle sanitären Bedürfnisse, bis Sie wieder in Ihrem Hotel sind."

Gleichzeitig ist die Messe an anderer Stelle erstaunlich zeitgemäß: Selbst beim kleinsten Hersteller stehen moderne Datenterminals, die alle Fakten und Fotos der jeweiligen Neuheiten auf Knopfdruck in den eigenen Facebook-Account oder die private Mailbox laden. Leider bricht das Funknetz in verlässlicher Regelmäßigkeit zusammen. "Sobald ein Minister auftaucht, werden alle Datenverbindungen gestört", behauptet ein deutscher Messebauer.

Delhi oder Detroit? Wer Detroit kennt und einmal auf der Auto-Expo war, stellt sich diese Frage in den nächsten zehn Jahren sicher nicht mehr.

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