Auto-Innenräume Platz!

Autos werden immer breiter, doch im Innenraum kommt vom Raumgewinn kaum etwas an. Warum nur?

Daimler

Alle zehn Jahre wachsen Autos um etwa fünf Zentimeter in die Breite. Diese Faustregel lässt sich gut belegen. Der VW Golf ging in den 41 Jahren seit dem Debüt der Baureihe um 19 Zentimeter in die Breite, der BMW 3er wurde seit 1975 um 20 Zentimeter breiter, beim Opel Corsa waren es ebenfalls 20 Zentimeter - in 33 Jahren.

Die Beispiele belegen: Autos werden breiter, und zwar alle Marken und Typen. Wobei die tatsächliche Breite sogar noch stärker zunahm, denn die hier angegebenen Werte sind die der ISO-Norm 612, bei der Fahrzeugbreiten ohne Anbauteile gemessen werden. Inklusive der ebenfalls größer gewordenen Außenspiegel samt Multifunktionsgehäusen müssen also weitere 20 bis 30 Zentimeter addiert werden.

Wozu das führt, weiß jeder Autofahrer, der schon einmal durch beidseitig zugeparkte Altstadtstraßen, in ein Parkhaus oder durch eine Autobahnbaustelle gefahren ist. Wozu die zunehmende Breite nicht führt, ist aber dann doch überraschend, nämlich zu mehr Platz im Innenraum. Präziser formuliert: Vom stattlichen Breitenzuwachs der Karosserien bleibt für die Insassen kaum etwas übrig.

Die Tür als Multifunktionsgerät

Gründe dafür gibt es viele. "In den Türen moderner Autos stecken Lautsprecher, Dämmstoffe, Crashelemente, Elektromotoren und es gibt meist große Ablagen - das alles benötigt Volumen", erklärt Lothar Wech vom TÜV-Süd. "Und auf der Mittelkonsole wird Platz benötigt für Bedienelemente, Ablagen, ein Touchpad und bequeme Armauflagen, das macht den Innenraum zumindest optisch voller."

Und nicht nur optisch, sondern auch haptisch ist das erlebbar. Etwa wenn das Knie des Gasfußes ständig an der wuchtig in die Armaturentafel übergehenden Mittelkonsole schubbert; wenn der linke Fuß ebenfalls stark angewinkelt werden muss, weil die Radhäuser wegen des Trends zu immer größeren Rädern auch immer größer werden; wenn man sich also hinterm Lenkrad eines Hightech-Automobils ebenso fühlt wie damals in der Seifenkiste: ringsum eingebaut.

In vielen Automobilen der Fünfziger- und Sechzigerjahre war das noch völlig anders, allein weil beispielsweise der vordere Fußraum meist durchgehend war und eine Mittelkonsole noch völlig fehlte. Schon dadurch entstand ein weitaus großzügigeres Raumgefühl, ganz abgesehen von dünneren (und viel weniger stabilen) Dachpfosten oder filigraneren Sitzen ohne Heizung, Gebläse und zwölffache elektrische Verstellmöglichkeiten.

Warum bleibt vom Karosseriewachstum kaum etwas übrig?

Wohlgemerkt, es geht hier nicht um Zentimeterhuberei von rein rechnerischen Werten wie Ellbogenmaß, Hüftpunkt oder anderen Kenngrößen für die Innenraumgestaltung. Es geht um die Frage, warum die massiv anschwellenden Pkw-Karosserien innen kaum geräumiger und lichter werden.

Thomas Vietor, Professor für Konstruktionstechnik im Niedersächsischen Forschungszentrum Fahrzeugtechnik der TU Braunschweig, gibt darauf folgende Antwort: "Mit den Ansprüchen an ein Auto sowohl von den Kunden, als auch vom Gesetzgeber, wächst auch das Fahrzeug selbst. Denn Sicherheitselemente, die teils aufwendige Technik zur Abgasvermeidung oder -nachbehandlung und natürlich die Komfortkomponenten benötigen Bauraum." Das ist nachvollziehbar, doch Vietor nennt noch einen weiteren Aspekt. "Vielleicht mögen viele Autokäufer das aktuelle Cockpitdesign, das sie regelrecht umschließt. Und ich denke, sie wollen auch den Arm auf der Mittelkonsole ablegen. Jedenfalls habe ich noch nie von dem Wunsch gehört, das Auto solle innen bitteschön weniger komfortabel sein."

Vietor räumt jedoch ein, dass in manchen Autos tatsächlich eine Grenze in Sachen Innenraummöblierung erreicht sein könnte. "Ich denke, der Trend zum kokonhaften Interieur wird sich mittelfristig wieder umkehren", sagt er.

30 Prozent mehr Platz im Auto-Interieur

Die Zulieferer von Automobilinterieurs arbeiten bereits an solchen neuen Freiräumen im Auto, beispielsweise Yanfeng Automotive Interiors, der weltweit größte Zulieferer in diesem Bereich. Han Hendriks, im Unternehmen für Innovation und Vertrieb zuständig, sagt: "Wir haben einen Wendepunkt erreicht, der Innenraum gewinnt wieder an Räumlichkeit und wir glauben, dass wir künftig das Raumvolumen um rund 30 Prozent vergrößern können." Und zwar, ohne dass die Karosserie noch weiter aufgebläht wird.

Wie das gehen soll? Zum Beispiel könnte man die Airbags nicht mehr in der Armaturentafel, sondern im Dach unterbringen, wie es Citroën mit dem Beifahrerairbag im C4 Cactus bereits gelungen ist. Und auch die Klimaanlage muss nicht zwangsläufig hinter der Bedientafel positioniert sein. "Wenn man zudem weiß, dass bei 80 Prozent aller Fahrten der Fahrer allein im Auto ist", sagt Hendriks, "erscheint es nur logisch, über neue Funktionen des Beifahrersitzes oder der Rückbank nachzudenken."

Weil das Auto für immer mehr Menschen nach Wohnung und Büro zum "dritten Raum" werde, wie Hendriks sagt, steige auch die Bedeutung der Interieurgestaltung. "Einfache Mulden als Ablagen, das wird nicht mehr funktionieren, da gibt es smartere Lösungen." Gänzlich neu über den Innenraum werde jetzt schon mit Blick auf künftige, autonom fahrende Autos nachgedacht. "Die werden radikale Veränderungen bringen", sagt Hendriks, "wir werden dann in Wohnzimmern auf Rädern unterwegs sein."

Bis dahin ist es noch eine Weile hin. Und in der Zwischenzeit wären etwas weniger vollgestopfte, vielleicht sogar insgesamt schlankere und raumeffizientere Autos schon ein echter Fortschritt.



insgesamt 133 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
amdorf 16.07.2015
1. Gutes Thema!
Endlich wird dieser Aspect einmal aufgegriffen. Der überwiegende Teil der Menschen die ich kenne, beschwert sich über die Plastkflut. Mir ist ein Fall bekannt, in welchem ein Besitzer eines 5 er BMW's, das Fahrzeug gewechselt hat um einfach mehr Platz zu haben. Ich bin in letzter Zeit in einem Opel Mokka mitgefahren und war positiv überrascht. Ich besuche auch diese Jahr die IAA, einfach um festzustellen, in welchem Auto man am besten sitzt. Mein persönlicher Favorit ist der Skoda Superb Kombi.
Hinrich7 16.07.2015
2. ja die Straßen
und Parkplätze werden nicht breiter, also was soll dieser sogenannte Komfortquark? Für ein kurzes (Auto)Leben wird eine Unmenge an Ressourcen einfach verpulvert, aber das scheint niemanden zu interessieren. Statt dessen erleben wir ängstliche Autobeweger die sich nicht mehr durch Engstellen trauen, weil irgendwas angetatscht werden könnte - einfach nur Wahnsinn.
kleinsteminderheit 16.07.2015
3. Raumwunder
Der Skoda Superb stellt sich klar gegen diesen Trend. Ich hatte den als Leihwagen und war bezüglich des Platzangebots angenehm überrascht. Vorne wie hinten gab es auch für Menschen um 1.90 üppig Bein-, Schulter- und Kopffreiheit. Dazu ein großer, gut durchdachter Kofferraum. Besser als beim Passat und allen anderen Wagen in der Liga und ohne jegliche Abstriche bei der Ausstattung. Einfach nur gut durchdacht.
Zeugma 16.07.2015
4. Ergänzende Gedanken
Zitat: "Wozu das führt, weiß jeder Autofahrer der schon einmal durch beidseitig zugeparkte Altstadtstraßen, in ein Parkhaus oder durch eine Autobahnbaustelle gefahren ist." Ach Gottchen, die große Angst vor allem der Deutschen, dass das Goldene Kalb ein Kratzerchen abbekommen könnte und das dann beim Wiederverkauf ...viele kalkulieren die Kosten ihres Autos unter Berücksichtigung des Restwertes, weil sie immer die neueste Karre haben wollen, weil ... Nein, am ärgsten sind die zunehmenden Breiten für Radfahrer, die traditionell mit zu wenig Seitenabstand überholt und dadurch gefährdet werden! Kein Autofahrer überholt nicht, weil sein Wagen zu breits dazu ist. Zitat Prof. Vietor: "Jedenfalls habe ich noch nie von dem Wunsch gehört, das Auto solle innen bitteschön weniger komfortabel sein." Mein Autohändler schon, wenn man einen einfachen Innenraum mit abwischbaren Hartplastikoberflächen und einfachen Fußmatten und ohne großartige Verbauungen zwischen den Vordersitzen überhaupt als unkomfortabler bezeichnen mag. Ich tue das nicht und denke wohlig an meinen alten Kangoo zurück (aber auch im neuen kann man rüberrutschen auf den Beifahrersitz).
Didoxion 16.07.2015
5. Empfehle die R-Klasse.
Raumerlebnis pur trotz dicker Türen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.