Auto-Köpfe des Jahres Die Fliehkraft des Personalkarussells

Stühle rücken, Schreibtisch räumen, Koffer packen – 2006 galt das für viele Führungskräfte der Autoindustrie. Dabei zog immer wieder ein Mann die Strippen, der offiziell längst auf dem Altenteil sitzt: Ferdinand Piëch. Er brachte das Personalkarussell in Schwung.

Von und Jürgen Pander


Personalberater und Headhunter können sich die Hände reiben, sie hatten in der Autoindustrie in diesem Jahr gut zu tun. Zwar war die Branche, die wie kaum eine andere im Licht der Öffentlichkeit steht, schon immer sehr schnelllebig und stets von überraschend vielen Personalien geprägt, doch ging es 2006 besonders hoch her. Und das auch in den obersten Führungsetagen.

Richtig in Schwung brachte der VW-Konzern das Personalkarussell. Der Ex-Vorstandschef, jetzige Aufsichtsratsboss und Großaktionär Ferdinand Piëch zog dabei die Strippen - und zwar viel heftiger, als es seiner Rolle als Oberaufseher angemessen wäre. Zunächst überraschte Porsche-Chef Wendelin Wiedeking die Branche mit dem Einstieg bei VW, der ihn nun endgültig aus der lieb gewordenen Rolle des Davids unter lauter Auto-Goliaths hebt. Kurz darauf schickte Piëch von seinem Alterssitz in Österreich aus den von ihm selbst installierten Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder in die Wüste. Dies geschah übrigens nur wenige Monate, nachdem in einer Kampfabstimmung dem einstigen BMW-Chef Pischetsrieder der Vorstandsvertrag bei VW bis 2012 verlängert wurde. Sein Nachfolger in Wolfsburg wird der Piëch-Gefährte Martin Winterkorn, der dafür den Chefsessel bei Audi räumt, auf dem der bisherige Finanzvorstand Rupert Stadler Platz nimmt.

Wie entscheidet sich Wolfgang Bernhard?

Auch Stadler arbeitete lange Jahre unter Piëch und gilt vielen Kritikern deshalb als Statthalter des machthungrigen Österreichers in Ingolstadt. Die Personal-Rochade brachte wiederum VW-Markenvorstand Wolfgang Bernhard in Zugzwang. Der Ex-McKinsey- und Ex-DaimlerChrysler-Mann, der häufig für seinen rüden Stil gerügt wurde, führte VW in diesem Jahr zu einem ordentlichen Plus - und strich dabei auch rund 8000 Arbeitsplätze. Die große Frage lautet nun: Bleibt er unter Käptn Winterkorn tatsächlich auf der Brücke in Wolfsburg? Offiziell entschieden und vor allem kommuniziert wurde dazu bislang noch nichts.

Aber auch in anderen Konzernen mussten die Hausmeister auf der Vorstandsetage neue Türschilder montieren. So hat zum Beispiel BMW-Chef Helmut Panke den Staffelstab – vielleicht nicht ganz freiwillig – an seinen Nachfolger Norbert Reithofer übergeben, weil er die für Vorstandsmitglieder von BMW verbindliche Altersgrenze von 60 Jahren erreicht und ihm der Aufsichtsrat keine Ausnahme davon genehmigt hat. BMW spricht in diesem Zusammenhang von einer Verjüngung des Vorstandes (Reithofer ist 50) und vor allem von Kontinuität – was auch für das Showtalent der Führungskräfte gilt. Frei nach dem Motto "Erfolg hat kein Gesicht" gibt sich der ehemalige Produktionsvorstand Reithofer gemessen an seinen omnipräsenten Kollegen aus Stuttgart, Wolfsburg, Paris oder Detroit eher still und unauffällig.

Hoher Unterhaltungswert, noch höhere Problemtürme

In Stuttgart wiederum verblasste in den vergangenen Monaten das anfangs funkelnde Strahlen des neuen Sternenlenkers Dieter Zetsche ein wenig. Zwar ist noch immer jeder Auftritt des Sympathie- und Schnauzbartträgers ähnlich unterhaltsam wie eine Show von Thomas Gottschalk, und in den USA hat er es als "Dr. Z." sogar zum vorübergehenden Werbestar gebracht. Die Kampagne allerdings wurde schon wieder abgesetzt. Und das von Zetsche während seiner Zeit als Chrysler-Chef vermeintlich sanierte US-Unternehmen Chrysler sieht nach einem kleinen Höhenflug wieder den Boden der Tatsachen.

Doch nicht nur in Deutschland stehen die Vorstände in der Kritik: Bei Ford zum Beispiel schied wegen anhaltender Erfolglosigkeit Bill Ford, der Urenkel von Firmengründer Henry Ford, aus dem operativen Geschäft aus. Er räumte den Platz an der Unternehmensspitze für den einstigen Boeing-Sanierer Allan Mullally. Jetzt soll der frühere Flugzeug-Manager den Autoriesen wieder in den Steigflug manövrieren.

Erste Dellen an der Imagefassade von Carlos Ghosn

Kurzfristig war für die Topposition in Dearborn auch Carlos Ghosn im Gespräch. Allerdings hat der Chef der Renault-Nissan-Allianz in diesem Jahr seinen Status als Superstar vielleicht etwas überstrapaziert, als er darüber nachdachte, nicht nur die Fäden bei Renault und Nissan, sondern auch noch die bei General Motors zu ziehen. Aus der anvisierten französisch-japanisch-amerikanischen Partnerschaft wurde nichts, und auch ohne diese Herkulesaufgabe hat der zum Helden stilisierte Retter von Nissan genug zu tun – zumal bei den Japanern der Glanz schon wieder erste blinde Flecken zeigt und Renault dringend mehr Impulse braucht als flammende Reden auf Automessen und entsprechend ambitionierte Zielvorgaben. Vielleicht wäre mal wieder ein richtig überzeugendes Auto nicht schlecht.

Aber nicht nur auf den Managementetagen – auch in den Designstudios herrschte reges Kommen und Gehen. So wurde Renault-Genie Patrick Le Quément nach seinen Eskapaden bei Mégane & Co. mittlerweile in ähnlich in unkritische Sphären hochgelobt wie Chris Bangle bei BMW. Und der einstige Audi-Star Peter Schreyer wechselt nach einem Intermezzo in Wolfsburg zur koreanischen Marke Kia. Geoff Upex dagegen hörte bei Land Rover einfach auf. Sein Job, die Modellpalette optisch komplett zu erneuern, ist erledigt.



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