Mannheimer Polizeiaktion gegen laute Autos "Poser, wir haben dich im Fokus"

In Mannheim gehen die Behörden rigoros gegen Autofahrer vor, die in der Stadt ihre Motoren aufheulen lassen. Polizeichef Dieter Schäfer über die Hintergründe der Aktion - und die aufgebrachten Reaktionen.

Getuntes Auto (Symbolbild)
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Getuntes Auto (Symbolbild)

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SPIEGEL ONLINE: Herr Schäfer, die Polizei Mannheim geht mit gezielten Kontrollen gegen Autofahrer vor, die in der Innenstadt Lärm verursachen. Können Sie kurz für alle Menschen, die Mannheim nicht kennen, das Problem etwas genauer schildern?

Dieter Schäfer: Mannheim ist in Quadrate eingeteilt, durch die Innenstadt verlaufen parallel zur Einkaufsmeile Planken zwei Verkehrsachsen. Dort sitzen auch viele Leute in Cafés. Und da kommen jetzt unsere Freunde mit Klappenauspuff oder Active-Sound-Boost-Anlage - wir nennen sie "Poser" -, geben unnötig Gas und lassen die Motoren aufheulen. Das tut richtig weh in den Ohren und mancher hat das Gefühl, dass ihm gleich der Kuchen vom Teller fliegt.

Mannheims Polizeidirektor Dieter Schäfer zeigt die gelbe Karte, mit der sogenannte "Autoposer" verwarnt werden sollen.
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Mannheims Polizeidirektor Dieter Schäfer zeigt die gelbe Karte, mit der sogenannte "Autoposer" verwarnt werden sollen.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das genau?

Schäfer: Gestern haben wir bei einem sichergestellten Auto eine Lärmentwicklung von 138 Dezibel gemessen. Motorengeräusche in dieser Lautstärke sind in jedem Falle verboten. Das Startgeräusch von einem Düsenjet liegt je nach Standort bei 115 Dezibel.

Zum Reinhören - Geräuschaufzeichnung der Mannheimer Polizei von einem getunten BMW M5:

SPIEGEL ONLINE: Wer verursacht diesen Lärm mit den Autos?

Schäfer: Nach unseren bisherigen Beobachtungen vor allem 18- bis 35-jährige Männer mit Migrationshintergrund.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen die Maßnahmen der Mannheimer Polizei genau aus?

Schäfer: Es fahren ja nicht immer Hunderte von den Posern rum, sondern nur einzelne. Wenn man die von Weitem hört, kann man sie abgreifen. Wir bekommen auch viele Hinweise aus der Bevölkerung, denen wir nachgehen. Wer an zwei Tagen hintereinander auffällt, erhält ein Warnschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Was steht da drin?

Schäfer: Der Text ist knapp gehalten, sonst liest ihn ja keiner. Er lässt sich ungefähr so zusammenfassen: "Poser, wir haben dich im Fokus".

SPIEGEL ONLINE: Und was passiert, wenn die Fahrer trotzdem wieder auffällig werden?

Schäfer: Wenn sie dabei erwischt werden, müssen sie in sogenannter Schleichfahrt einem Streifenwagen zum Polizeiareal folgen - oder sie werden abgeschleppt. Dort misst ein Gutachter den Lärmpegel des Autos. Wird der gesetzlich vorgeschriebene Wert überschritten, erlischt die Betriebserlaubnis des Wagens, der Halter muss ihn zu einer Werkstatt schleppen und entsprechend umbauen lassen. Da kommen inklusive Bußgeld schon mal mehr als 1000 Euro zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind die Reaktionen auf die verschärften Kontrollen?

Schäfer: Wir haben den Bericht über die Aktion ja auf unserer Facebook-Seite gepostet - und so viele Kommentare wie auf diese Meldung hatten wir noch nie. Es gibt viel Zustimmung, aber einige scheinen auch sehr erbost zu sein. Die schreiben dann zum Beispiel "Mein Auto hat 400 PS, ihr kommt mir nie hinterher" oder "Ich hab sieben Autos, mit allen komme ich am Wochenende in die Stadt. Ihr könnt mir gar nichts".

SPIEGEL ONLINE: Können Sie den Zorn verstehen?

Schäfer: Aus deren Sicht ist der Ärger vielleicht verständlich. Aber ich bin heute Morgen an ein paar der Boliden, die wir stillgelegt haben, vorbeigelaufen. Da stand zum Beispiel ein Auto, bei dem die hinteren Walzen um fünf Zentimeter aus den Radkästen hervorstanden. Das ist so unglaublich bescheuert! Da haben sich schnell kleine Rillen in die Karkasse der Reifen eingeschliffen, und dann platzen die bei hohen Geschwindigkeiten. Das ist lebensgefährlich. Bei manchen dieser Leute kommt offensichtlich Protz und Posen vor Hirneinschalten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Motive vermuten Sie hinter dem Verhalten?

Schäfer: Das ist reine Selbstdarstellung. Es gibt eine kleine Schrauberklientel, die diesen Lärm als Sounderlebnis empfindet - und die glauben offensichtlich, dass sie andere Leute damit beeindrucken können.

SPIEGEL ONLINE: Auf der Facebook-Seite werfen mutmaßlich Betroffene Ihnen Neid als Motivation für Ihre Maßnahmen vor. Mal ehrlich: Sind Sie neidisch?

Schäfer: Bei mir vor der Tür steht ein BMW 320d mit M-Paket und ein Audi A4, der auch ganz spritzig ist. Ich fahre gern schöne Autos - aber einen Höllenlärm muss ich damit nun wirklich nicht machen.

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