Auto-Salon Genf Zwang zum Zwerg

Als Cabrio oder SUV, mit mehr PS oder als Öko-Mobil: In Genf präsentieren die Autohersteller reihenweise neue Kleinwagen in immer neuen Ausstattungsvarianten. Viel Gewinn lässt sich mit den Zwergen nicht machen - aber sie sind das Einstiegsangebot, das die Kundschaft zur Marke locken soll.

AFP

Aus Genf berichtet Margret Hucko


Der Mann trägt schwarzen Anzug, bunte Retro-Turnschuhe und sieht mit seinen geschätzten zwei Metern nicht gerade aus wie der typische Kleinwagenkunde. Laurens van den Acker zieht seinen Kopf ein und schlängelt sich hinter das Lenkrad des Renault Twingo, der auf dem Auto-Salon in Genf Premiere feiert. Den Wagen hat der 48-Jährige selbst entworfen. Dank des Heckmotors, der aus einer Zusammenarbeit mit Smart stammt, soll der französische Autozwerg mehr Platz im Innenraum bieten. "Früher waren Kleinwagen billig und funktional", sagt der Renault-Chefdesigner. "Heute sind sie kleine Verführer, die den Eintritt in die Marke bilden."

Im Klartext heißt das: Wer als Hersteller bei den Kleinen versagt, droht nachhaltig Interessenten und Kunden zu verstoßen. "Wer den Twingo kauft, entscheidet sich später vielleicht für größere Modelle wie den Clio oder Megane", hofft van den Acker. Erst dort winken die großen Margen - denn die Klasse der Kleinen gilt als "schwieriges Segment, um Geld zu verdienen".

Die Kleinen als Lockstoff - auch deshalb bohren die Hersteller ihre Modellpalette in den unteren Segmenten immer weiter auf. Kleinwagen gibt es nicht mehr nur als Drei- oder Fünftürer, sondern in Geländewagenoptik, als Cabrio, als PS-nachgeschärfte S-Version oder als umweltoptimiertes Eco-Modell. "Früher hatte der Twingo ein bis drei Konkurrenten", sagt van den Acker, "heute hat er 30". Umso wichtiger sei es, sich von der Konkurrenz zu unterscheiden.

"Diese Vielfalt wäre früher nicht möglich gewesen"

Der Renault-Designer muss nur nach rechts oder links schauen, um seine Aussage bestätigt zu finden. Auf dem Auto-Salon in Genf, der noch bis zum 16. März andauert, wimmelt es von Konkurrenten: Toyota zeigt den neuen Kleinwagen Aygo, Mazda die sehr seriennahe Kleinwagenstudie Hazumi, Suzuki den Celerio, Opel eine sportliche Version des Adam mit unbescheidenem Dachspoiler. Mini präsentierte ein neues Konzept für den Kombi Clubman.

"Diese Vielfalt wäre früher nicht möglich gewesen", sagt der Autoexperte Peter Fuß von der Unternehmensberatung Ernst and Young. Dass die Autokonzerne ihr Kleinwagensegment immer weiter aufsplitten können, hängt maßgeblich von den Errungenschaften der Technik ab.

Denn statt immer neue Plattformen zu entwickeln, auf denen die Autos stehen, bedient sich etwa VW aus einem Baukasten. "Durch die Verwendung vieler gleicher Module können neue Technologien parallel in den oberen Baureihen und in die unteren Segmente eingeführt werden", sagt der Entwicklungsvorstand der Marke VW, Heinz-Jakob Neußer. Das als Modularer Querbaukasten (MQB) bezeichnete System kommt bisher beim VW Golf, dem Audi A3, Seat Leon und Skoda Octavia zum Einsatz. Später könnte es die Baureihen vom Polo bis zum Passat bedienen. "Unsere Aufgabe ist es, Technologien zu entwickeln, die allen Segmenten dienen."

Die Vielfalt bei den Kleinwagen birgt auch Risiken

So rüstete Mazda die Studie Hazumi mit einem Head-up-Display aus, das die Geschwindigkeit in die Windschutzscheibe einblendet - früher ein Privileg der automobilen Oberklasse. Der kleine Toyota Aygo bietet einen großen Touchscreen im Innenraum - und der neue Polo verfügt über eine Notbremsfunktion für die Stadt. Übersieht der Fahrer ein Hindernis bei geringer Geschwindigkeit, bremst der Wagen von alleine ab. Das Sicherheitsbedürfnis sei in einem Kleinwagen ja nicht geringer als in einer großen Limousine, so Neußer.

Früher war es normal, dass Annehmlichkeiten wie Sitzheizungen oder Sicherheitsausstattungen aus Kosten- oder Prestigegründen erst in den Top-Modellen der Hersteller eingeführt wurden - wie beispielsweise das elektronische Stabilitätsprogramm ESP in der S-Klasse. Durch den Trend, die Autos zu rollenden Smartphones und Internetschnittstellen aufzurüsten, kehrte sich dieses Prinzip um. Denn gerade jüngere Kunden, die sich nur einen Kleinwagen leisten können, legen besonderen Wert auf das Thema Vernetzung. Wer auf diese Kundschaft zielt, muss sie auch vorrangig bedienen.

Schöne neue Welt. Doch für den Unternehmensberater Fuß hat die große Vielfalt bei den Kleinen auch eine Kehrseite: "Es besteht die Gefahr, dass ich irgendwann den Kunden überfordere."

insgesamt 11 Beiträge
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abwägig 10.03.2014
1. Flottenobergrenze
es geht nicht um das Einstiegsmodell, es geht um die kommende CO² Obergrenze für die Firmen
drake2tausend 10.03.2014
2. Neuer Twingo ja - abe bestimmt kein Megane & co.
Der neue Twingo begeistert ich in der Tat, aber bestimmt, gewiss und mit ziemlicher Sicherheit würde ich mir deswegen keinen anderen Renault zulegen (zumindest nicht eines der Autos, die Renault aktuell auf dem Markt hat)!
humpensack 10.03.2014
3. ...
Zitat von drake2tausendDer neue Twingo begeistert ich in der Tat, aber bestimmt, gewiss und mit ziemlicher Sicherheit würde ich mir deswegen keinen anderen Renault zulegen (zumindest nicht eines der Autos, die Renault aktuell auf dem Markt hat)!
Der neue Twingo ist ein abgekupferter Fiat 500. Abgesehen davon sind diese Seifenkisten maximal was für den Stadtverkehr.
kaitou1412 10.03.2014
4. optional
Einheit der Leistung ist Watt! Zum Henker nochmal, warum wird dauernd die eigene Inkompetenz deutlich gemacht und im Jahr 2014 immernoch von PS geschrieben? Leben wir im Mittelalter oder was? Nochmal: Einheit der Leistung ist Watt. Das gilt auch für Autos! Es kann nicht sein, dass so eine große Zeitung so einen Unsinn immer und immer wieder verbreitet.
spon-facebook-1478387491 10.03.2014
5. Einstieg?
Ausstieg! Wenn man es in den unteren Klassen nicht richtig macht, kaufen die Leute auch die Großen nicht? vollkommen egal, in welcher Klasse! Ich hatte mal einen Mégane! Für das Geld, was die Reparaturen gekostet haben, hätte man wahrscheinlich eine halbe S-Klasse kaufen können! Seitdem weiß ich: nie wieder Renault!
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