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Automarkt Indien: Wohin mit den Pkw?

Foto: AIJAZ RAHI/ ASSOCIATED PRESS

Auto-Wachstumsmarkt Indien Planlos in Neu-Delhi

Die Auto-Expo in Neu-Delhi markiert den Start ins Autojahr 2012. Auch Mercedes, BMW und Co. jubeln, schließlich ist Indien bald die drittgrößte Autonation der Welt. Nur: Ohne echtes Konzept für den eigenwilligen Markt findet der Goldrausch wohl ohne die Deutschen statt.

Ist Indien der nächste Boom-Markt für die Autoindustrie? Am 5. Januar öffnet die Neu-Delhi Auto-Expo, für die Hersteller ein wichtiger Termin. Und tatsächlich: Die Zahlen müssten euphorisch stimmen. In Indien leben 1,1 Milliarden Menschen, die meisten von ihnen haben kein Auto. Gleichzeitig wächst die Wirtschaft, man kann also davon ausgehen, dass sich viele Menschen bald ein Auto kaufen wollen. Experten rechnen damit, dass Indien spätestens 2020 zur drittgrößten Autonation nach China und den USA geworden sein wird.

Was aber haben die deutschen Hersteller davon? Profitieren auch sie, wenn in ein paar Jahren Zig-, wenn nicht gar Hunderte Millionen Inder morgens mit dem Auto zur Arbeit fahren? Oder wäre das nicht vielleicht sogar eine Bedrohung für den Markt in Deutschland?

"Die deutschen Hersteller sind in Indien so schlecht aufgestellt wie sonst nirgends", fasst Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, die aktuelle Lage zusammen. Mercedes verkaufte in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres 6380 Autos, BMW schlug im gleichen Zeitraum 8692 Fahrzeuge, Audi 5117 Modelle in Indien los. Das waren zwar in allen drei Fällen deutlich mehr Verkäufe als noch im Vorjahr. Doch in einer Branche, in der es erst ab sechsstelligen Verkaufsziffern so richtig interessant wird, ist das weniger als ein Klacks. Mercedes-Sprecherin Bettina Singhartinger beteuert dennoch: "Indien ist auf dem Weg, einer unserer wichtigsten Märkte zu werden."

Wie eher auf hochpreisige, große Produkte ausgelegte Herstellern vom Schlage BMW  , Audi oder Mercedes dort Fuß fassen wollen, ist fraglich. Denn bisher werden in Indien vor allem kleine und sehr einfach gehaltene Autos wie Tata Nano, Maruti-Suzuki Alto oder Mahindra Bolero verkauft.

Insofern war es ein cleveres Ansinnen von Volkswagen  , 2009 einen Pakt mit Suzuki einzugehen, denn die Japaner sind der erfolgreichste Kleinwagenhersteller der Welt und in Indien durch die Kooperation mit Maruti unangefochtener Marktführer. Doch die Liaison VW-Suzuki ist wegen verschiedener Streitigkeiten nach nur zwei Jahren am Ende, von den geplanten Projekten wurde keines realisiert.

VW beharrt dennoch auf kühnen Wachstumsprognosen. "Bis zum Jahr 2018 wollen wir unseren Marktanteil auf 20 Prozent ausbauen", sagt Neeraj Garg, der Vertriebsdirektor von VW in Indien. Derzeit liegt VW bei rund dreieinhalb Prozent, immerhin: Die Niedersachsen sind damit die erfolgreichste deutsche Marke vor Ort.

Dabei könnte eine reine Steigerung der Verkaufszahlen gar nicht erstrebenswert sein. "Unser bisheriges Modell funktioniert nicht, wenn sich der indische Markt so entwickeln sollte, wie es sich alle erhoffen", sagt Bratzel. Denn bislang fahren auch in Indien die meisten Autos mit Benzin- oder Dieselmotoren.

Was es aber bedeutet, wenn in ein paar Jahren ein paar hundert Millionen mehr Autos ihren Sprit in die Atmosphäre verfeuern, kann man sich recht einfach ausrechnen - die Erdölvorräte würden in einer Geschwindigkeit reduziert, die vermutlich selbst hierzulande empfindlich zu spüren wären.

Doch wie sollte man den Mobilisierungsdrang drosseln? Wer wollte den Indern das Autofahren verbieten? Es müssen also andere Lösungen her. "Unter anderem muss die Autoindustrie mit dazu beitragen, neue Mobilitätsformen zu entwickeln. Vielleicht sind emissionsfreie Zweiräder oder Kleinwagen eine Lösung, eventuell in Kombination mit Carsharing-Modellen und anderen, neuen Formen der E-Mobilität", sagt Bratzel.

Bislang sind konkrete Konzepte zumindest bei den deutschen Herstellern noch Mangelware. Fragt man nach den möglichen negativen Auswirkungen, wenn Indien eine ähnliche Pkw-Dichte wie Deutschland erreichen würde - das wären nach heutigem Stand gut 500 Millionen Autos - sind die Antworten eher dünn. Man setze sich "langfristig auch in Indien für eine nachhaltige Mobilität ein", heißt es etwa bei BMW; Mercedes verweist auf das Smart-Mietprojekt Car-2-Go sowie kommende Fahrzeuge mit Hybrid-, Elektro- oder Brennstoffzellenantrieb. Allein: In Indien wird sich diese Autos auf absehbare Zeit kaum ein Mensch leisten können.

Außerdem muss man auch aus ganz banalen Platzgründen für Indien andere Konzepte entwickeln als für Deutschland. "Würde man den Autoverkehr, wie man ihn aus Deutschland oder aus den USA kennt, in Indien eins zu eins umsetzen, würde alles zusammenbrechen", sagt Bratzel. In Neu-Delhi sind bereits mehr als vier Millionen Autos unterwegs - und jeden Tag kommen etwa tausend weitere hinzu. Das Chaos auf den Straßen ist entsprechend; für Millionen neuer Autos ist schlicht kein Platz mehr, sofern die Infrastruktur nicht massiv ausgebaut wird.

Deshalb kann man zum Auftakt der Auto-Expo in Neu-Delhi nur feststellen: Indien mag vielleicht der neue Goldschrank der Autobranche sein - bisher haben die deutschen Hersteller leider noch keinen Schlüssel dafür gefunden.

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