Autobauer in der Krise Bei Toyota klemmen nicht nur die Gaspedale

Klemmende Fußmatten und Gaspedale, verantwortlich für den Rückruf mehrerer Millionen Autos, sind für Toyota ein Desaster. Nun beschäftigt den bisherigen Vorzeigekonzern wohl die Frage, wie es so weit kommen konnte. Ein Grund könnte Überheblichkeit sein.


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Toyota-Krise: Autogigant in Nöten
Der Schock über den Rekordrückruf, bei dem im vergangenen Herbst mehr als vier Millionen US-Modelle der Marken Toyota und Lexus zurückgerufen werden mussten, weil die Gefahr bestand, dass das Gaspedal in der Fußmatte hängen bleibt, war noch nicht überwunden, da traf es den Konzern schon wieder. Wieder ist es das Gaspedal, diesmal jedoch handelt es sich um ein mechanisches Problem, das im schlimmsten Fall zum Verklemmen des Pedals führen kann - mit einer unfreiwilligen Vollgasfahrt als Folge.

2,3 Millionen Fahrzeuge aus acht Toyota-Baureihen sind von dem neuen Rückruf in den USA betroffen. Möglicherweise ist das aber noch nicht alles. Derzeit werde in der Toyota-Europazentrale in Brüssel "mit Hochdruck überprüft, ob auch in Europa Fahrzeuge betroffen sein könnten", sagte eine Toyota-Sprecherin zu SPIEGEL ONLINE. Die japanische Zeitung "Yomiuri Shimbun" spekulierte bereits über weitere zwei Millionen Rückrufe europäischer Modelle, zu denen auch der Kompakt-SUV RAV4 gehören könnte.

Wie konnte es so weit kommen? "Toyota kaut seit zwei Jahren an dieser Frage", sagt Christoph Stürmer, Analyst beim Prognoseunternehmen IHS Global Insight. "Der Schock darüber, wie die Solidität und Zuverlässigkeit der Autos derart unter die Räder kommen konnte, sitzt sehr tief. Und verstärkt wird diese Empfindung noch durch die Krise, die Toyota besonders heftig gebeutelt hat."

Die Probleme begannen, als Toyota endlich der Größte war

Seit Toyota vor drei Jahren den US-Konzern General Motors überholte und mit einem Jahresvolumen von 9,51 Millionen Fahrzeugen zum größten Autohersteller der Welt aufstieg, lief es nicht mehr richtig rund. 2008 schrieb das Unternehmen erstmals in seiner Geschichte rote Zahlen, 2009 übernahm der Gründerenkel Akio Toyoda die Konzernspitze von Katsuaki Watanabe, der in den fünf Jahren seiner Präsidentschaft Toyota scheinbar unaufhaltsam an die Spitze geführt hatte. Möglicherweise blieb bei diesem Parforceritt etwas von dem auf der Strecke, was Toyota stets von anderen Autobauern unterschieden hatte.

"Offenbar sucht Toyota die Wurzeln der gegenwärtigen Probleme auf einer Art Metaebene", sagt Analyst Stürmer. Es gehe im Moment nicht so sehr darum, warum irgendeiner bei den Fußmatten oder der Gaspedalmechanik nicht auf die Schwachstellen aufmerksam geworden sei. "Es geht darum, wie es geschehen konnte, dass die Toyota-Qualitätsphilosophie nicht bis in die kleinsten Details durchgesetzt wurde - was jahrzehntelang selbstverständlich war." Das Prinzip Kaizen, die stetige Verbesserung des Produktionsprozesses in all seinen Facetten, wurde von Management-Gurus und Konkurrenten begierig angenommen und zum eigenen Vorteil genutzt. Bei Toyota büßte es offenbar an Strahlkraft ein.

Schlich sich bei Toyota irgendwann Überheblichkeit ein?

Gesellte sich zu dem Bewusstsein, der größte Autokonzern der Welt zu sein, vielleicht irgendwann auch eine gewisse Selbstgefälligkeit? Eine diffuse Überheblichkeit? Das könnte erklären, warum die aktuelle Krise den Konzern so kalt erwischt. 2009 sank die Produktion weltweit um knapp 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 7,2 Millionen Autos. Und: Erstmals in der Toyota-Geschichte wurde das Aus für eine Fabrik beschlossen. In wenigen Wochen soll das ehemalige Gemeinschaftswerk mit GM im kalifornischen Freemont geschlossen werden, wo zuletzt 4700 Mitarbeiter beschäftigt waren. General Motors war bereits im Zuge des Konkursverfahrens dort ausgestiegen.

Und nun? Toyota erklärt, man wolle in diesem Jahr weltweit 8,2 Millionen Fahrzeuge verkaufen; in den USA solle der Absatz gar um 11 Prozent gesteigert werden. Analyst Stürmer nennt die optimistische Prognose eine "Durchhalteparole". Er sehe derzeit "noch keine eindeutige Strategie, wie Toyota die Krise überwinden" wolle. "Der Konzern agiert defensiv, der Druck von früher ist weg."



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Whybr 27.01.2010
1. Völlig übertrieben
Zitat von sysopKlemmende Fußmatten und Gaspedale, verantwortlich für den Rückruf mehrerer Millionen Autos, sind für Toyota ein Desaster. Nun beschäftigt den bisherigen Vorzeigekonzern wohl die Frage, wie es so weit kommen konnte. Ein Grund könnte Überheblichkeit sein. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,674330,00.html
Wenn man sich die Fotostrecke oben anschaut, sieht man billiges Toyota-Bashing: 8 Bilder und 8 mal gebetsmühlenartig negativ und "Rückrufe", als ob die dargestellten Fahrzeuge sämtlich voller Probleme wären. Wenn man sich die weltweiten Rückrufe überblickshaft anschaut, steht Toyota sicher NICHT an der Spitze - und die anspruchsvollste und effizienteste Antriebstechnologie (Vollhybride) werden dort entwickelt. Und zwar seit 11 Jahren fehlerfrei. Ein möglicher Grund für die vereinzelt technischen Mängel sind an Herstellungsorten eingebaut, die sich nicht in Japan befinden. Immer noch würde ich auf einen 10 Jahre alten Toyota deutlich mehr setzen als auf ein gleich altes frz., ital., amerikanisches oder dt. Modell, letztere nicht grundsätzlich, aber zunehmend häufiger.
Achim Detjen 27.01.2010
2. Was soll das???
Jetzt hat der Spiegel wohl Toyota als neues Bashing-opfer auserkoren? War das bis vor einigen Tagen noch DER inovative, einzig politisch-korrekte Autobauer, nun also ein Buhmann? Wird da die Fahne in den neuen Wind gehangen, weil man bemerkte, das der alte Götze Klimatot-und-ich-besiege-den-mit-Hybridantrieb doch nicht das hält, was er versprochen hat. Wie anders ist der massive Wechsel in der Berichterstaatung zu verstehen? Seit Neuestem ein haufen Berichte gegen den IPCC und nun auch gegen Toyota. Und um die Verwirrung zu stärken noch zu jedem einen neuen Blog...... Das wesentlichste dazu wurde bereits in einem der älteren Threads besprochen. *Meine Aussage von damals (http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=4882269&postcount=12)* steht auch heute noch. Diese ganze Unsinn von Kaizen und Fortschritt und super Technik war nix anderes als eine Mega-PR-Wuchtel! Und natürlich rannte der Westen (zeitweise) begeistert hinterher. Da hatte ja jemand wieder was neues, exotisches angeboten, mit dem sich die eigene Geistesleere hervorragend ausfüllen lies ohne nachzudenken. Und wenn die anderen das machen, muß es ja richig sein und nachmachen kann kein Fehler sein --- dann machen es jedenfalls alle falsch und das ist weniger schlimm. Und weil die deutschen Autobauer diesen Mist nicht vollumfänglich mitgemacht haben, wurde die von den politisch-korrekten Medien in Deutschland schön gemassregelt. Nur ---- wo dieser Weg hinführt, zeigen die Japaner exemplarisch. Und das NICHT NUR Toyota, sondern eben auch Honda und die anderen kleineren dazu. Das auspressen der Mitarbeiter und Zulieferer (hier in Europa unbemerkt, ist ja zu weit weg für eine Recherche!) hat noch NIE zu nachhaltigem wirtschaftlichem Erfolg eines Unternehmens geführt. Man bekommt schlussendlich IMMER das, für was man bezahlt. Und DAS fällt den Japanern nun auf den Kopf! Und auch die Reaktionen sind ebenfalls typisch. Denen ist keine gute Zukunft beschienen, denn die Reaktionezeiten sind in diesen Riesenkonklomeraten viel zu langwierig, wenn es um WIRKLICH wichtige Entscheidungen geht ---- fernab von dem, was bei uns PR-bereinigt zu hören und zu lesen ist.....
Gegengleich 27.01.2010
3. Design
Evtl. ist ja für die sinkenden Verkaufszahlen auch andere Faktoren verantwortlich. So zum Beispiel das Design. Der Prius beinhaltet zwar modernste Technik, reicht aber von außen an Häßlichkeit fast an den Fiat Multipla heran.
Achim Detjen 27.01.2010
4. Falsch!
Zitat von WhybrWenn man sich die Fotostrecke oben anschaut, sieht man billiges Toyota-Bashing: 8 Bilder und 8 mal gebetsmühlenartig negativ und "Rückrufe", als ob die dargestellten Fahrzeuge sämtlich voller Probleme wären. Wenn man sich die weltweiten Rückrufe überblickshaft anschaut, steht Toyota sicher NICHT an der Spitze - und die anspruchsvollste und effizienteste Antriebstechnologie (Vollhybride) werden dort entwickelt. Und zwar seit 11 Jahren fehlerfrei. Ein möglicher Grund für die vereinzelt technischen Mängel sind an Herstellungsorten eingebaut, die sich nicht in Japan befinden. Immer noch würde ich auf einen 10 Jahre alten Toyota deutlich mehr setzen als auf ein gleich altes frz., ital., amerikanisches oder dt. Modell, letztere nicht grundsätzlich, aber zunehmend häufiger.
DAS ist alles komplett falsch und durch PR-Abteilungen vorgekauter Unsinn. Der Vollhybrid ist in der Gesamtbilanz, also einschliesslich einer wirklichen ÖKOBILANZ(!!!) das mit Abstand schlechteste Antriebssystem. Denn die Dinger wachsen nicht auf den Bäumen! Um die ganze Elektrik und Elektronik für diese Antriebe herzustellen ist ein dermassen hoher Energieeinsatz nötig, das dieser durch den geringen Verbrauchsvorteil erst nach mehreren 100tkm wieder hereingeholt wird. Hybridantriebe bestehen eben NICHT aus Gußeisen, wie das landläufig vom Otto-Normalverbraucher gedacht wird. Dafür sind Rohstoffe nötig, die nur mit hochgiftigen Produktionsmethoden gewonnen werden können. ABER KLAR: das geschieht ja alles verab in Afrika oder China, was stört das schon den politisch-korrekten Gutmenschen..... Zu Qualität von Toyotaprodukten reicht ein Blick auf die wirklichen Rückruffaktionen und nicht auf das, was der geneigte Studienrat glaubt --- den der Glaube gehört in die Kirche. Jetzt wird sogar der Vertrieb gestoppt, da scheint es also nicht nur um einige kleine Problemchen zu gehen. Und ein neues Problem ist das auch nicht, wie oben schon geschrieben. Es reicht also nicht, sich auf die Autotesterqualitäten der Frau Künast zu verlassen.....
mumrik2, 27.01.2010
5. Was tut man, wenn das passiert?
Ich bin etwas verblüfft darüber, dass bei diesen Artikeln niemals dabeisteht, wie man sich in diesem Fall verhalten soll. Man hat ja sogar schon darüber gelesen, dass manche Leute über einen längeren Zeitraum mit Vollgas unterwegs waren und währenddessen die Polizei angerufen haben sollen usw. Da frage ich mich, wie das gehen soll: Entweder man tritt die Kupplung, man schaltet auf N oder versucht, die Zündung auszuschalten. Dann kann man halt zuhören, wie der Motor kaputtgeht, aber das war's dann auch. Oder gibt es da noch ein anderes Problem?
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