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Autodesigner in Paris: "Die Fenster stehen offen"

Foto: Jürgen Pander

Autodesign auf dem Pariser Salon Mehr als nur Oberfläche

Für den Pkw-Antrieb sagen viele Experten eine Revolution voraus. Die ersten serienreifen Elektroautos, die auf dem Autosalon in Paris gezeigt werden, deuten an, dass der Technologiewechsel in Fahrt kommt. Während es auf technischer Seite viele neue Ideen gibt, bleibt das Design zurück.

"Ganz klar, wir befinden uns in einer Phase des Technologiewechsels. Und da stehen auch für die Designer die Fenster weit offen." Mark Adams, Designchef von Opel, ist optimistisch, was die Zukunft seiner Branche und deren Kreativität angeht. Durch Elektromotoren, die zum Beispiel auch in den Rädern angeordnet werden könnten oder durch den Wegfall des Getriebes werde die Freiheit größer. Bald ließen sich die Auto-Architektur und seine Proportionen stark verändern, weshalb Fahrzeuge in Zukunft ganz anders aussehen könnten als heute.

Man glaubt Adams gern, wenn er geradezu euphorisch über Karossen spricht, die da kommen werden. Doch der Opel GTC, offiziell noch die Studie der dreitürigen, sportlichen Opel-Astra-Variante, sieht nicht nach dem ganz großen Aufbruch nach Morgen aus. "Für Opel geht es aktuell darum, deutsche Präzision und hohe Emotionalität miteinander zu kombinieren, so dass ein Gesamtdesign entsteht, das sehr sexy ist", sagt Adams. Im Prinzip hätten inzwischen alle großen Automarken ein ähnliches Niveau an Qualität und Fahreigenschaften erreicht. Daher gehe es jetzt vor allem um die optische Differenzierung von den anderen.

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Paris-Fundstücke: Die kleinen Dinge

Foto: Tom Grünweg

Während bei Opel das Design derzeit aus nachvollziehbaren Gründen Verlässlichkeit und Solidität ausdrücken muss - schließlich stand die Marke vor eineinhalb Jahren noch am Abgrund - arbeiten die Kreativen der Marke Kia unter umgekehrten Vorzeichen. "Früher waren Autos von Kia gut, günstig und solide, aber sie hatten nicht unbedingt Charakter", sagt Gergory Guillaume, Designchef von Kia in Europa. "Jetzt herrscht bei uns kreative Aufbruchstimmung, denn mittels Design kann man sehr viel sehr schnell sichtbar machen."

Zum Beispiel, dass eine Marke aus dem Dornröschenschlaf erwacht ist und nicht mehr nur auf die koreanische Billiglösung reduziert werden mag. Kia baut seit Jahren höchst ansehnliche Autos, etwa den Kompakt-SUV Sportage, den Kleinwagen Soul oder den Minivan Venga. Außerdem engagierte die Marke den Ex-Audi- und VW-Designer Peter Schreyer als obersten Kreativen und sorgt in Paris mit der exaltierten Elektro-Kleinwagen-Studie Pop für Aufsehen. Das Wägelchen gehört optisch zum aufregendsten, was die Show an der Seine zu bieten hat.

"Die CO2-Debatte war wie ein Schock für uns"

Erheblichen Wirbel löste auch die Sportwagen-Studie C-X75 von Jaguar aus. Maßgeblichen Anteil an der Formgebung des Elektrorenners mit zwei Gasturbinen an Bord, die während der Fahrt die Lithium-Ionen-Akkus aufladen können, hatte Julian Thomson, der den Job des Advanced Design Directors inne hat. "Als die CO2-Debatte vor ein paar Jahren begann, war das für uns alle wie ein Schock", sagt er. "Aber dann machten wir uns an die Arbeit - und heute haben wir die Marke in einer neuen Welt positioniert."

Man habe dabei die Einsicht gewonnen, dass die Kunden viel weniger konservativ seien als vermutet. "Die Leute assoziieren heute alles mit Design. Und für viele ist es wichtig, dass vom Produkt ein unmittelbarer Appeal ausgeht", erklärt Thomson. Das aber sei bei Autos besonders schwierig zu erreichen. Wegen der langen Entwicklungszyklen, wegen der generellen Komplexität eines Fahrzeugs und nicht zuletzt deshalb, weil eine Marke wie Jaguar auf zeitlosen Purismus setze.

Ein cooles Auto mit aufsehenerregender Technik

Dafür ist auch die aktuelle Jaguar-Studie ein gutes Beispiel, denn die spektakuläre Technik mit Gasturbinen für die Stromerzeugung ist zwar überaus cool und elegant, aber eben nicht abgedreht verpackt. Das klassisch silberfarben lackierte Auto setzt, wie Thomson erklärt, eben nicht auf effektheischende Details, sondern einen seriös-soliden Gesamteindruck.

Auf den pocht auch Anders Warming, der Chef des Exterieur-Designs bei BMW. "Es geht bei der Gestaltung eines Autos immer um Authentizität und um Aura. Nur so kann das entstehen, was mit Premium wirklich gemeint ist", sagt der Däne, der - mit einer kurzen Unterbrechung - seit 1997 für den Münchner Konzern arbeitet. Exakt fassen lässt sich solch ein Aspruch nicht. Ob ein BMW X6 tatsächlich eine seriöse Ausstrahlung hat, sei einmal dahin gestellt. Warming sagt, Autodesign sei das stete Bemühen, "Begehrlichkeit durch das gewisse Extra zu wecken". Das soll auch das silbrig schimmernden BMW Konzeptauto, das bereits den so gut wie fertigen, neuen BMW 6er zeigt.

Ein besonderer Moment für Autodesigner

Die jetzige Phase sei ein besonderer Moment für Automobildesigner, denn "wir stehen vor einer Zukunft, in der Nachhaltigkeit und Premium in Einklang gebracht werden müssen", sagt Warming. "Und wir bei BMW haben eine klare Vorstellung davon, wie diese neue Art von Premium aussehen soll."

Zu sehen ist davon derzeit leider noch nichts. Das künftige iCar, ein Leichtbau-Kleinwagen aus Karbon, der voraussichtlich 2013 auf den Markt kommen soll, wird die neue Stilrichtung exemplarisch zeigen. Doch noch ist es nicht soweit. Warming sagt, es gehe vor allem auch darum, die neue Technologie in Einklang zu bringen mit der Ästhetik. Ein Designer müsse stets den Fuß in der Tür zu Technik haben. Warming: "Design darf nicht Überschwappen in Oberflächlichkeit. Sonst ist es kein Design mehr, sondern Styling."