Senioren am Steuer Mit dem Alter steigt die Selbstüberschätzung

Obwohl Sehkraft und Reaktionsfähigkeit im Alter nachlassen, lehnt die große Mehrheit älterer Autofahrer laut einer Umfrage regelmäßige Tests ab. Wie dringend diese Checks nötig wären, beweist die Unfallstatistik.

Bonn - Gut jeder zweite Autofahrer (55 Prozent) findet es sinnvoll, ab einem bestimmten Alter die Fitness am Steuer prüfen zu lassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) , die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Doch die Akzeptanz für regelmäßige Tests sinkt genau bei der Gruppe, die es mit am nötigsten hat: Nur noch 36 Prozent der Autofahrer über 60 Jahre wollen sich prüfen lassen. Die Mehrheit der Befragten (78 Prozent) über 65 Jahren ist der Ansicht, dass ein Gesundheitscheck erst ansteht, wenn Fahrer selbst merken, dass die Fahrfitness nachlässt.

Das Problem dabei: Viele der Betroffenen schätzen sich dabei falsch ein - denn mit zunehmendem Alter steigt das Unfallrisiko: Sind Senioren in Unfälle mit Personenschaden verwickelt, tragen sie laut Statistischem Bundesamt meistens die Hauptschuld. Autofahrer im Alter zwischen 60 und 65 waren 2013 demnach in 54 Prozent der Fälle die Unfallverursacher. Bei den 70- bis 75-Jährigen klettert der Wert auf rund 64 Prozent. Bei den über 75-Jährigen ist er doppelt so hoch wie bei Fahrern zwischen 30 und 60 Jahren, und das Unfallrisiko eines 80-Jährigen ist vergleichbar mit dem eines Fahranfängers.

78 Prozent der 18- bis 29-Jährigen befürworten laut der Umfrage dagegen einen Check ab 65 Jahren.

Checks, die der Sicherheit dienen

Nachlassende Sehkraft im Alter, das schlechter werdende Gehör und eine abnehmende Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen das Fahren im höheren Alter, so der DVR. Ärzte weisen darauf hin, dass die Fähigkeiten schleichend nachlassen. Nur selten kommen gesundheitliche Beeinträchtigungen massiv und in kurzer Zeit. Deswegen gewöhnen sich älterwerdende Autofahrer an die sich langsam verschlechternden Umstände - und merken selbst gar nicht, welchem Risiko sie sich und andere beim Fahren aussetzen.

Zwar gibt es keinen einheitlichen Test zur Kontrolle der Fahrfitness. Der DVR fordert Autofahrer jedoch auf, sich folgenden Checks zu unterziehen, damit sie im Straßenverkehr sicher unterwegs sind und andere nicht gefährden:

  • Sehcheck: Autofahrer ab 40 Jahren sollten ihre Sehschärfe bei Dämmerung und Nacht einmal im Jahr vom Augenarzt überprüfen lassen.
  • Aufmerksamkeitscheck: Autofahrer ab 60 Jahren lassen am besten regelmäßig ihre Konzentrationsfähigkeit, Wahrnehmung und Reaktionsgeschwindigkeit testen. Das geht zum Beispiel bei einer Begutachtungsstelle für Fahreignung (zum Beispiel TÜV oder Dekra) oder bei einem Betriebsarzt.
  • Hörcheck: Autofahrer ab 60 sollten alle zwei Jahre von einem Ohrenarzt überprüfen lassen, wie gut sie hohe Töne hören können. Das ist besonders wichtig für das sogenannte Richtungshören - also die Fähigkeit zu bestimmen, woher ein Geräusch kommt.
  • Krankheitscheck: Autofahrer, die unter bestimmten chronischen oder wiederkehrenden Erkrankungen leiden, sollten vom Arzt abklären lassen, ob Krankheit oder Medikamente die Fahreignung einschränken.
  • Nachtfahrten: Wer sich im Dunkeln nicht mehr sicher auf der Straße fühlt, sollte Freunde oder Angehörige fragen, ob sie die nächtlichen Fahrten übernehmen können. Auch ein Umstieg aufs Taxi ist eine Alternative.
  • Fahrerassistenzsysteme: Ein Notbremsassistent warnt den Fahrer optisch, akustisch oder durch einen spürbaren Ruck, falls ein Auffahrunfall droht. Lichtassistenten sorgen dafür, dass das Fernlicht anbleiben kann, ohne den Gegenverkehr zu blenden. Spurwechselassistenten haben den "blinden Fleck" im Blick und warnen den Fahrer.
  • Angehörige: Wer von Angehörigen auf die Fahrfitness angesprochen wird, sollte das ernst nehmen. Denn sich mit der eigenen Fahrtüchtigkeit auseinanderzusetzen, bedeutet nicht automatisch, den Führerschein zu verlieren.

Zwölf Millionen Autofahrer in Deutschland sind über 65

Das Auto ist nach wie vor das beliebteste Fortbewegungsmittel - und gerade im Alter sind viele darauf angewiesen, etwa für Arztbesuche und Einkäufe. Laut DVR sind etwa zwölf Millionen der geschätzten 54 Millionen Führerscheinbesitzer in Deutschland über 65 Jahre. Und fast zwei Millionen zwischen 75 und 84 Jahren besitzen dem DVR zufolge ein Auto.

Für die Studie wurden 1000 Autofahrer ab 18 Jahren vom 30. Oktober bis 10. November 2014 befragt. Auftraggeber der repräsentativen Forsa-Umfrage war der DVR im Rahmen seiner Aktion Schulterblick .

smh/cst/dpa
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