Touch-Technik im Auto Nette Geste

Moderne Autos bedienen? Umständlich! Es gibt einfach zu viele Knöpfe und Schalter. Auf der Elektronikmesse CES zeigen Hersteller jetzt, wie sie Ordnung schaffen wollen. Für Käufer heißt das: Man braucht Fingerspitzengefühl.

Uli Sonntag / Volkswagen

Aus Las Vegas berichtet


Das soll Luxus sein? In der aktuellen S-Klasse von Mercedes gibt es mehr als hundert Knöpfe rund um den Fahrerplatz. Und wer zum Beispiel in den Porsche Macan steigt, dem wird als erstes eine fette Leiste zwischen den Vordersitzen auffallen, die fast so viele Tasten wie ein Klavier hat. Das zeugt einerseits von einem großzügigen Angebot an Funktionen - andererseits offenbart diese Überfrachtung, wie schwer den Ingenieuren die Gestaltung eines nutzerfreundlichen Cockpits fällt.

Auf der It-Messe CES in Las Vegas versprechen einige Autobauer mal wieder Besserung: Sie zeigen Cockpitmodelle und Demofahrzeuge, in denen ein radikaler Kahlschlag vorgenommen wurde. Tasten, Drehknöpfe, Schalter und Hebelchen - das alles wird ersetzt durch Touchscreens und Gestensteuerung.

Ein bisschen erinnern sie dabei an Kinder, die von ihren Eltern zigmal gebeten werden, doch bitteschön ihre Zimmer aufzuräumen - und die einem besänftigenden "Ja, mach ich" dann keine Taten folgen lassen. Die folgenden Systeme geben durchaus Hoffnung, dass es im Auto bald übersichtlicher zugeht. Aber nicht alle sind leider so konkret wie das der erste Beispiel von BMW.

Mehr wischen und winken statt drücken und drehen

Die nächste Baureihe des BMW 7er soll erstmals mit einer Gestensteuerung für das Bediensystem i-Drive ausgestattet werden; in einer Sitzkiste demonstrieren die Bayern das System auf der CES. Neben dem üblichen Dreh-Drück-Knopf auf dem Mitteltunnel bauen die Bayern anstelle des herkömmlichen Bildschirms einen Touchscreen ein und installieren parallel im Dachhimmel eine Kamera. Diese überwacht den Luftraum vor der Mittelkonsole. Erkennt das System dort zwei Finger, die eine Drehbewegung machen, wird die Musik leiser oder lauter. Und falls sich im Telefonmodus ein Finger dem Bildschirm nähert, erscheint dort der Ziffernblock. Ein Winken genügt, um eingehende Anrufe anzunehmen. Und mit einem Wisch ist das Gespräch beendet. Auf dem Messestand funktioniert das tadellos. Und wenn alles so klappt wie geplant, ist dieses System bald Realität - denn der neue 7er soll in diesem Jahr auf den Markt kommen.

VW demonstriert die schöne neue Bedienwelt in einer Studie mit dem vielsagenden Namen Golf Touch. In dem Auto lässt sich mit einem Winken das Schiebedach öffnen, das Licht anschalten oder der Sitz verstellen. Alle anderen Funktionen werden über einen Touchscreen in der Mittelkonsole bedient, der 12,8 Zoll (32,5 cm) in der Diagonalen misst.

Auch der koreanische Hersteller Hyundai zeigt in einer Sitzkiste, dass die Zukunft des Auto-Cockpits von Bildschirmen bestimmt werden soll. Der zentrale Touchscreen in dem räderlosen Interieur-Modell ist groß wie ein Zeichenblock und wird von zwei weiteren LED-Screens flankiert.

Auch gewölbte Monitore sind in Autos möglich. Der Zulieferer Continental zeigt auf der CES einen Touchscreen, der dank sogenannten Amoled-Displays nicht nur Bilder von bislang unerreichter Schärfe darstellt, sondern konvex und konkav geschwungen ist und sich so jeder Einbau-Oberfläche anpassen lässt.

Tesla macht es vor

Bis zur Serienreife, das räumen die Entwickler bei VW und Hyundai ein, bedarf es allerdings noch ein paar Jahren an Arbeit. Dass eine Radikallösung mit nur einem großen Bildschirm hervorragend funktionieren kann, hat längst der Elektroautobauer Tesla bewiesen. In deren Model S prangt ein Touchscreen mit 17 Zoll (43 Zentimeter) Bildschirmdiagonale, über den mehr als 90 Prozent aller Funktionen gesteuert werden können. Viele Kunden nennen das riesige Tablet mit permanenter Online-Verbindung als zentralen Kaufgrund für den Wagen - noch vor dem Elektroantrieb.

Weiter als alle anderen Hersteller geht auf der CES Mercedes mit dem Forschungsauto F 015. Das Zukunftsmobil verfügt sogar in den Türen und auf einem Klapptisch zwischen den Sitzen über integrierte Displays. Mehr als ein Deuten auf Menüpunkte der Displays braucht es nicht, um die entsprechende Funktion zu aktivieren.

Dass die Technik aus dem Mercedes F 015 schon in der nächsten S-Klasse das Gewimmel der Knöpfe reduziert, ist gut möglich. Komplett will aber nicht mal BMW im kommenden 7er auf Knöpfe und Tasten verzichten. "Bis sich der Mensch an die Gestensteuerung gewöhnt hat", sagt BMW-Entwickler Andreas Menath, "werden wir sie nur als zusätzliche Funktion anbieten."



insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
warlock2 08.01.2015
1. Das mit dem Touch ist Quatsch!
Mal versucht bei hoher Geschwindigkeit einen Touchbildschirm zu bedienen??? - Wenn die Menüs wechseln bis du schon ein paar hundert Meter blind gefahren, wenn du das Display nicht aus den Augen lässt. Da liebe ich meine Knöpfe, die treffe ich blind.
Leeoos 08.01.2015
2. Ja Suupää!
...Ääähhh ... was soll ich jetz machen? Schnippen? Winken? Faustballen? Oder doch noch einen der letzten beiden Knöppe drücken? NeeNee, das eigentliche Problem ist die Überfrachtung der Autos mit allen möglichen und unmöglichen Funktionen! Da macht es keinen Unterschied, ob ich über hundert Knöpfe drücken oder aus zig Menüs + Untermenüs auswählen muss! Abgesehen davon: Schon im Ruhezustand funktioniert das passgenaue zoomen auf dem Smartphone oder Tablet oft erst nach mehreren Versuchen und jetzt das Ganze im hoppeligen Auto bei 185 auf der Autobahn .... Weija! Absurd wird's endgültig, wenn ich mein Handy nicht mal zum Ablesen der Uhrzeit in die Hand nehmen darf, dafür aber mehrere Sekunden zur Bedienung des Screens abgelenkt bin, nochdazu, wo natürlich jeder Autobauer seiner eigenen Logik folgt und ich beim Fahrzeugwechsel erstmal das 157seitige Manual lesen muss?!
memphisman 08.01.2015
3. großer Schwachsinn
Touchelemente im Auto lenken ab und gehören verboten. Ich merke das selbst an meinem s-max. Zum Glück sind die wichtigsten Knöpfe noch vorhanden aber es wird immer schlimmer.
Philip J. Fry 08.01.2015
4. Fatale Fehlentwicklung!
Einen Schalter oder einen Drehknopf kann man blind bedienen. Ein Touchscreen erfordert, den Blick auf das Display zu richten, denn es gibt kein haptisches Feedback. Erst recht problematisch wird es, wenn man mehrfach irgendwelche Gesten auf den Touchscreen malen darf, weil die Geräte selbige i.d.R. aufgrund schwacher Rechenleistung oder schlechter Toucheigenschaften nicht beim ersten Versuch erkennen. Man muss sich wohl auf steigende Unfallzahlen und Versicherungsbeiträge gefasst machen.
marthaimschnee 08.01.2015
5.
Touch im Auto ist gewaltiger Mist, denn man kann Touchscreens nicht ohne Ablenkung bedienen, es ist immer notwendig, dort hin zu schauen. Weil man keinerlei anderes Feedback hat, was man da betatscht. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, damit umzugehen, entweder kastriert man die ganzen tollen Funktionen wieder raus aus dem Auto, oder man nimmt dem Fahrer konsequent das Steuer aus der Hand und verweigert ihm auch am besten gleich jede Eingriffsmöglichkeit. Die Masse der Autofahrer scheint eh schon nicht mehr in der Lage, beispielsweise an einer ausgefallenen Ampel einfach die Vorfahrtsregeln anzuwenden, also wäre es nur logisch, sie komplett von der Last des Fahrzeugführens zu befreien. Dann können sie auch rumfummeln, woran sie wollen!
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