Autokalender Der Wunschtraum hat zwölf Seiten

Ob Heidi Klum oder Porsche Cayenne, für die aktuellen Autokalender wurden die Objekte der Sehnsucht stilvoll abgelichtet. Mit den teuren Hochglanz-Produktionen wollen Autohersteller und -zulieferer 365 Tage lang bei ihren Kunden Eindruck schinden.


Zwölf Monate Mercedes: Klassiker aus Stuttgart als Wandschmuck
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Zwölf Monate Mercedes: Klassiker aus Stuttgart als Wandschmuck

Mailand/Stuttgart - Oft verstopfen schon lange vor Anbruch des neuen Jahres Werbekalender die Briefkästen. Schließlich bieten sie Unternehmen die Chance, sich ein Jahr lang im Blickfeld ihrer Kunden zu präsentieren. Gerade bei der Automobilindustrie und ihren Zulieferern vor allem in der Reifenbranche hat sich der Wandschmuck zu einem streng konzipierten Marketing-Instrument entwickelt, das mit teuren Produktionen die Kundenbindung festigen soll.

Mancher Kalender hat mittlerweile gar einen so hohen Status, dass er nicht mehr nur im Sozialraum der Werkstatt und im Büro der Geschäftspartner, sondern auch im privaten Umfeld oder gar im Museum zu finden ist. Und weil einige Kalender dabei richtig teuer verkauft werden, lässt sich damit - auch wenn es dazu kaum offizielle Auskünfte gibt - auch Umsatz machen.

Der mit Abstand berühmteste aller Kalender aus der automobilen Welt kommt vom Reifenhersteller Pirelli in Mailand. Er wurde laut Pirelli-Mitarbeiterin Melina Evangelisti erstmals 1963 produziert und entwickelte sich nach einem Fehlstart seit 1964 zum Kultobjekt. Zwar war auf keinem der Werke auch nur ein einziges Mal ein Reifen zu sehen, trotzdem oder gerade deshalb gibt es weltweit einen großen Freundeskreis für die aufregend inszenierten Fotos. Sie zeigen in steter Regelmäßigkeit mehr weibliche Haut als elegante Kleidung, wahren aber laut Pirelli in Mailand streng die Distanz zum schnöden Pin-up-Kalender für den Spind der Mechaniker.

Porsche Cayenne: Ein Modell im Blickpunkt
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Porsche Cayenne: Ein Modell im Blickpunkt

Dafür sorgt eine lange Liste berühmter Fotografen wie Peter Lindbergh, Annie Leibowitz oder Bruce Weber, der auch für das Jahr 2003 auf den Auslöser gedrückt hat. Vor der Kamera stehen nicht irgendwelche Schönheiten, sondern Prominente wie Nastassja Kinski, Heidi Klum oder Eva Herzigova.

Doch seinen Erfolg verdankt der Pirelli-Kalender vor allem der Vertriebspolitik. Die Auflage ist laut Evangelisti streng limitiert, und wird weltweit nicht verkauft, sondern lediglich an gute Kunden, Geschäftspartner und Freunde des Hauses verteilt. Weil die Exklusivität über alles gehe, sei der Kalender selbst für Geld und gute Worte weder bei der Konzernmutter in Mailand noch bei der deutschen Tochter in Höchst im Odenwald zu bekommen.

Diese Erfahrung mussten in den siebziger Jahren nach Angaben aus Mailand sogar John Lennon und die Beatles machen. Der einzige Weg zum Kalender führt deshalb über Auktionshäuser wie die Internetplattform Ebay, wo das exklusive Weihnachtsgeschenk für Preise bis zu 300 Euro gehandelt wird. Wer seine Ausgabe gut pflegt, kann sie nach Ablauf des Kalenderjahres noch immer für 150 Euro und mehr versteigern.

Gegen diesen Ruhm können andere Firmen der Branche nur schwer bestehen - und dennoch halten eigentlich alle Anbieter eifrig dagegen. So vermarktet der Reifenhersteller Fulda nach Angaben der Presseabteilung auch für das Jahr 2003 die "Extreme Arctic Adventures", bei denen Prominente in Kanada durch Eis und Schnee pflügen.

Mehr Chancen als die Zulieferer haben im Rennen um den Stammplatz an der Bürowand die Autohersteller. Vor allem jene, die im so genannten Premium-Segment zu Hause sind, produzieren meist ebenfalls Wandschmuck, für den berühmte Lichtbildner oder die eigenen Designer verantwortlich zeichnen.

So hatte Porsche nach Angaben der Presseabteilung für dieses Jahr unter dem Motto "Style" das Archiv der Entwicklungsabteilung geplündert und 13 Skizzen des neuen Cayenne als Wandschmuck ausgewählt. Mercedes hat nach Angaben von Sprecher Andreas Vill in Stuttgart für 2003 zwölf renommierte Fotografen wie Dietmar Henneka oder Jost Wildbolz verpflichtet, um die Wagen mit dem Stern auf den "Scénic Roads" ins rechte Licht zu rücken. Herausgekommen sind zwölf Motive auf berühmten Strecken wie der Mille Miglia, der deutschen Alleenstraße oder dem Ring of Kerry.

Wer auf die Oldtimer aus Stuttgart schwört, der bekommt bei den Schwaben auch ein Sammelwerk der Classic-Sparte, das laut Sprecher Josef Ernst die Targa Floria in den Mittelpunkt stellt. Außerdem gibt es erneut einen Kalender für die Fans der Nutzfahrzeuge und gleich zwei Motorsport-Ausgaben.

Allerdings haben all diese Kalender gegenüber dem großen Vorbild Pirelli einen Nachteil. Sie sind nicht nur weniger berühmt, sondern müssen auch bezahlt werden. Und mit Preisen zwischen 20 und 40 Euro plus Versandgebühren sind sie nicht einmal ein Schnäppchen.

Von Thomas Geiger, gms



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