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Verrottende Autokinos: Das Ende einer Liebe

Foto: Lindsey Rickert

Verrottende Autokinos The End

Drive-in-Kinos waren lange ein Sehnsuchtsort, aber mit der abklingenden Liebe zum Automobil starben sie aus. Die Fotografin Lindsey Rickert hat ihnen in einer aufwendigen Bilder-Reportage ein Denkmal gesetzt.

Eigentlich ist das Autokino ist eine total sinnfreie Einrichtung. Der Sound ist schlecht, das Bild höchstens akzeptabel, außerdem gibt es ganz viel außenherum, das vom Film ablenkt. Das Autokino war deswegen nie ein Treffpunkt für Cineasten. Sondern für Autoliebhaber.

Es ist also nur logisch, dass es ausstirbt, denn die wahren Auto-Aficionados schwinden ja auch dahin, wie in Studien immer wieder belegt wird. Die amerikanische Fotografin Lindsey Rickert  hat das Sterben der Drive-in-Kinos in einer Fotoserie dokumentiert. "Autokinos waren ein Eckpfeiler meiner Kindheit. Fangen spielen unter der Leinwand, viel zu viel Popcorn essen, oder, in Betttücher gehüllt, während einer Doppelvorführung einschlafen - Autokinos waren immer etwas Besonderes", sagt Rickerts.

Ihre Hochphase hatten die Autokinos in einer Zeit, in der das Automobil so begeisterte wie nie zuvor und nie danach: den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Die größte Verbreitung hatten sie damals in den USA, wo auch sonst? Dort wurden in dieser Zeit die irrsten Träume der Designer wahr: Autos mit dem Aussehen eines Raumschiffs und den Ausmaßen von Appartements bevölkerten die Straßen. Eine ganze Drive-in-Industrie entstand im Sog dieser Euphorie.

Im Auto war damals alles möglich - auch die große Liebe

Autofahren, das war damals ein Selbstzweck, ein von jeglichem Umweltgewissen unbeflecktes Freiheitsgefühl. Schlüssel umdrehen, los - im Auto war einfach alles möglich. Vor allem aber verfügten diese Autos über ein Detail, ohne das es den Boom der Autokinos vermutlich nie gegeben hätte: die durchgehende Sitzbank vorn.

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Verrottende Autokinos: Das Ende einer Liebe

Foto: Lindsey Rickert

Denn natürlich fuhren die wenigsten Besucher wegen der Filme ins Autokino. In erster Linie wollten sie ihre Liebsten ausführen, und zwar auf vier Rädern. Weil das Autokino einfach die perfekte Kulisse für die eigene Romanze war, bei der die beiden Protagonisten, kaum war der Film angelaufen, in die ausladenden Polster von Fahrzeugen wie Ford Fairlane, Chrysler Imperial oder Pontiac Bonneville sanken. Kein störender Mitteltunnel oder schmerzhaft aufragender Schaltknüppel - auf den "Bench Seats" hatten Liebespaare im Autokino freie Bahn.

Erwachen wie aus dem Drogenrausch

Als die komoden Bänke aus den Autos flogen und durch Einzelsitze verdrängt wurden, sank auch der Stern der Autokinos. Die Begeisterung für das Auto wich einem sachlicheren Blickwinkel, und der führte, wie nach einem ausgeprägten Drogenrausch, unweigerlich zur Frage: "Was haben wir da eigentlich gemacht?" Hinzu kommt: Hatten die Autos vor der Leinwand früher mindestens so viel Sex-Appeal wie die Darsteller auf der Leinwand, ist die Ansammlung aerodynamisch optimierter Mobilitätsmittel heute eine ziemlich biedere Veranstaltung.

Es kam also, wie es kommen musste: "Nach und nach gingen in den Autokinos meiner Gegend die Lichter aus", erinnert sich Fotografin Rickerts. "Auch bei mir geriet dieses Symbol amerikanischer Kultur nach und nach in Vergessenheit."

Bis zu dem Tag, an dem sie zu einem Roadtrip aufbrach: Der 21. September 2014 markierte für Rickerts den Beginn einer 65-tägigen Reise. Sie fuhr durch 32 Bundesstaaten, 12.000 Meilen weit. Rickerts besuchte auf dieser Reise 28 Autokinos. Die meisten waren geschlossen und längst im Stadium fortgeschrittenen Verfalls, aber einige auch tatsächlich noch in Betrieb. "Ich wollte dieses Wahrzeichen der Vergangenheit noch einmal festhalten, bevor wir endgültig übersiedeln in die digitale Welt." Mit ihren Bildern hat sie dem verblassenden Schmelztiegel von Auto- und Filmkultur ein fotografisches Denkmal gesetzt.