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Smart in den USA: Daimler stoppt den Nissan-Micra-Klon

Autoknirps in den USA Smart zieht die Notbremse

Es beginnt wie eine Wirtschaftsnachricht: Daimler baut den Smart-Vertrieb um und nimmt das US-Geschäft selbst in die Hand. Damit aber endet nicht nur die Kooperation mit Importeur Roger Penske - es bedeutet zugleich das Aus des viersitzigen Smart.

Kein Fehler ist so schwerwiegend, dass man ihn nicht korrigieren könnte. Das beweist Daimler jetzt bei der Vertriebsplanung für den Smart. Nachdem die Schwaben den Verkauf des Minimalautos in den USA beim dortigen Marktstart vor drei Jahren dem Importeur Roger Penske übertrugen, holen sie sich die Vertriebsverantwortung jetzt wieder zurück ins eigene Haus. Das bestätigte der Konzern diese Woche in Stuttgart; begründet wurde der Sinneswandel mit der Umsetzung der geplanten Reorganisation. Unter der neuen Führung der vor sechs Monaten berufenen Smart-Chefin Annette Winkler wurde die Marke zum eigenen Produktbereich, der allerdings ins Mercedes-Geschäft integriert ist. "Da ist es nur logisch, dass wir die Autos auch selbst verkaufen, und zwar überall auf der Welt", sagt Winkler.

Vordergründig geht es dabei vor allem um die Hoheit im Vertrieb und die Pflege der Marke auf einem Markt, der für den Erfolg des Bonsai-Benz mittelfristig von großer Bedeutung ist. Aber vor allem beendet Daimler mit der Entscheidung auch eine recht eigenmächtige Produktplanung von Penske, die dem Smart beinahe einen ungewollten Stiefbruder beschert hätte. Denn in wenigen Wochen wollte der US-Importeur einen eigenen Viertürer auf den Markt bringen, dem die Zentrale zunächst allenfalls zähneknirschend zugestimmt hatte.

Offiziell steht die Smart-Chefin hinter Roger Penske. "Er hat der Marke in Amerika zu einem fulminanten Start verholfen", lobt sie den Importeur, der bislang rund 45.000 Fahrzeuge auslieferte. Darüber, dass der Verkaufselan ausgerechnet zum einem Zeitpunkt nachließ, als die Marke am meisten darauf angewiesen war, sagt sie allerdings nichts. Doch kann man es nicht nur der Wirtschaftskrise anlasten, dass Smart von 24.000 US-Zulassungen im ersten Jahr auf 15.000 Verkäufe im Jahr 2009 und kaum 6000 im vergangenen Jahr abgestürzt ist.

Wo Konkurrenten wie die BMW-Marke Mini massiv in Werbung investierten, wurde es um Smart immer stiller. Selbst die von der US-Chefin des Smart-Vertriebs, Jill Lajdziak, im vergangenen Jahr groß angekündigte Werbeoffensive war kaum mehr als eine Luftnummer. Von den groß angekündigten "Streetteams" gab es lediglich drei, insgesamt also 15 Leute und ebenso viele Autos. So lässt sich in den USA kein Auto ins Gespräch bringen.

Der Nissan Micra sollte in den USA als viersitziger Smart antreten

Der GAU in der Beziehung Daimler-Penske war allerdings die Idee von einem neuen US-Modell. Während die Schwaben die Eigenständigkeit des Smart beschworen und Pläne für die künftige Modellpalette schmiedeten, zauberte Penske im Herbst plötzlich einen Viersitzer aus dem Hut. Weil er das Auto so schnell wie möglich anbieten wollte, hatte der den Nissan Micra auserkoren, der einfach nur ein Smart-Logo bekommen sollte. Wie eilig es Penske mit dem Auto hatte, belegt der ambitionierte Zeitplan. Schon im kommenden April, auf der Autoshow in New York, sollte das Auto vorgestellt werden.

Das offensive Vorpreschen Penskes dürfte wohl ein entscheidender Grund gewesen sein, weshalb Daimler nun die Fäden wieder selbst in die Hand nimmt. "Damit ist das Viersitzer-Projekt beerdigt", heißt es in Stuttgart.

Das Kernproblem jedoch bleibt bestehen, in den USA und auch anderswo auf der Welt: Wie soll sich Smart in den nächsten Jahren über Wasser halten, bis die Entwicklungskooperation mit Renault fruchtet und neuen Modelle kommen? "Wir sind um Ideen nicht verlegen", sagt Smart-Chefin Winkler mit demonstrativer Zuversicht. Eine Reihe von Designstudien sollen Akzente setzen, die erste bereits Anfang März auf dem Autosalon in Genf. Weiteren Schub soll der Elektroantrieb für den Smart bringen, der im nächsten Jahr vom Flottenversuch in die Großserienproduktion geht. Und auch das Car2Go-Projekt soll für neue Schlagzeilen sorgen. In Ulm, Austin in Texas und Hamburg wird das moderne Car-Sharing bereits angeboten, weitere Städte sollen folgen, "darunter dann auch ein paar echte Metropolen".

Wie fast alle Hersteller, will auch Smart auf Premium machen

Weniger originell ist der Einfall, den Smart zum Premium-Lifestyle-Kleinwagen zu stilisieren und künftig ein ebenso nobles wie reichhaltiges Individualisierungsprogramm anzubieten. Eventuell wird das Smart-Portfolio auch um den Elektro-Roller und das Hybrid-Fahrrad, die beide beim Autosalon in Paris gezeigt wurden, ergänzt. "Da wird bis zum Sommer eine Entscheidung fallen", sagt die Chefin.

Tja, und der Vertrieb soll natürlich auch auf Vordermann gebracht werden. Junge Smart-Märkte wie die USA, China oder Brasilien sollen intensiver beackert werden, neue Märkte wie etwa die Türkei für das Miniauto erschlossen werden. In den USA wird Smart übrigens weiter mit Roger Penske zu tun haben, denn der besitzt nach wie vor ein halbes Dutzend Smart-Showrooms. In Zukunft wird aber der Unternehmer sich wieder auf seine Kernkompetenz konzentrieren müssen - nämlich, so viele Autos wie möglich zu verkaufen.

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